Alternative Energie Illusion ÖkostromSeite 3/3
Das ist nach den Regeln der EU eigentlich unzulässig, durch allerhand mehr oder weniger legale Tricks aber trotzdem möglich. So haben die großen Erzeuger in Österreich die Belieferung von Groß- und Gewerbekunden in eigene Firmen ausgegliedert und denen möglichst viel aus fossiler Energie zugeordnet. Den Privatkunden bleibt dann der erneuerbare Rest. Und in Skandinavien dient der vom Versorger erzeugte Energiemix als Grundlage der Stromkennzeichnung – unabhängig davon, ob ein Teil schon in Zentraleuropa als Öko- gegen Egalstrom getauscht wurde.
Ähnlicher Etikettenschwindel ist auch in Deutschland weit verbreitet. So machte im vergangenen Herbst die Stadt Kassel mit der Ankündigung Schlagzeilen, alle 100000 Haushalte ab sofort mit Ökostrom zu beliefern. Von einem Tag auf den anderen sank der CO₂-Ausstoß der Kasseler Stromkunden von täglich 476 Kilo auf null. In Nürnberg gelang wenig später das gleiche Wunder. »Insgesamt spart die Stadt künftig pro Jahr 50700 Tonnen CO₂ ein«, hieß es in der Presseerklärung, die eine Umstellung aller städtischen Einrichtungen auf Ökostrom verkündete. Tatsächlich hatten die Städte lediglich günstigen Strom bei ausländischen Wasserkraftwerken gekauft: Nürnberg im österreichischen Donaukraftwerk Melk (Baujahr 1980) und Kassel in Schweden bei Vattenfall, ein Konzern, der hierzulande überwiegend Braunkohle und Kernenergie nutzt. Die Atmosphäre hat keine CO₂-Entlastung erfahren.
Nur eine Veränderung im Kraftwerksmix würde wirklich helfen: etwa mit neuen Windparks oder Wasserkraftwerken ein altes Kohlekraftwerk verdrängen. Die meisten Ökostromanbieter versprechen Derartiges. Die einen wollen es einlösen, indem sie Strom aus besonders jungen Kraftwerken kaufen und damit einen Neubauanreiz schaffen. Andere erheben einen Spendenaufschlag (»Sonnencent«) oder verpflichten sich, einen Teil oder gar hundert Prozent ihres Gewinns in neue regenerative Kraftwerke zu investieren. Dass dies Neubauten veranlasst, die es nicht auch ohnehin gegeben hätte, ist bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht nachweisbar.
Die Ökostromfirmen sorgen für wichtigen politischen Druck
Grund dafür sind die Einspeisegesetze, die es inzwischen in den meisten EU-Ländern gibt. Deren Subventionen machen den Neubau regenerativer Kraftwerke auch ohne Idealismus zum guten Geschäft. Engpässe gibt es derzeit nicht bei der Finanzierung, sondern bei Ausweisung und Genehmigung geeigneter Standorte und den Lieferfristen der Anlagenhersteller. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz hat den deutschen Strommix tatsächlich verändert. Rund 14 Prozent des Gesamtverbrauchs (87,5 TWh) haben EEG-geförderte Kraftwerke 2007 ins Netz gespeist – zwölfmal so viel, wie alle deutschen Ökostromkunden im selben Zeitraum bezogen haben.
Den Ökostromunternehmen ist das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit bewusst. Je ehrlicher sie sind, desto detaillierter geben sie darüber im Kleingedruckten ihrer Broschüren und Websites Auskunft. Sie betonen den politischen Aspekt ihrer Arbeit. Tatsächlich verliefe die Entflechtung der monopolartigen deutschen Energiewirtschaft ohne das permanente Sticheln und Aufklären unabhängiger Ökostromunternehmen noch langsamer als bisher.
Seit zehn Jahren sitzen LichtBlick, Greenpeace Energy und die Schönauer Stromrebellen (EWS) mit am Tisch, wenn über Marktöffnung und Förderpolitik entschieden wird. »Jeder, der nicht zu Ökostrom wechselt, stützt die alten Strukturen«, wirbt die EWS-Geschäftsführerin Ursula Sladek. Über das, was nach dem Wechsel aus der Steckdose kommt, solle man sich aber lieber keine Illusionen machen: »Am Ende ist das immer eine Umverteilung, Strom bleibt Strom.«
- Datum 20.05.2009 - 09:55 Uhr
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- Serie Energie
- Quelle DIE ZEIT, 19.06.2008 Nr. 26
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Der eigentliche Skandal ist doch, dass man für dreckigen Kohle und Atomstrom weniger bezahlen muss als für sauber erzeugten Strom.
Warum entfällt hier nicht die Öko/Stromsteuer und macht es den Ökostromanbietern möglich am Markt zu bestehen?
Die Vergünstigung könnte an bestimmte Kriterien geknüpft werden:
Physikalische Lieferung
Neubaukonzept
2 Millionen Kunden für Ökostrom, das hört sich viel an, aber wie viele Kunden entfallen davon auf wirklich unabhängige Anbieter?
Der Autor vergisst zu erwähnen, dass wenn zum Beispiel EWS Schönau oder Greenpeace Energy 2 Millionen Kunden hätten, sich tatsächlich etwas in der trostlosen Energielandschaft ändern würde. Ab 20 Millionen Kunden könnte man dann vielleicht auch über eigene Stromnetze nachdenken.
Den großen vier Anbietern weiterhin bedenkenlos Strom abzukaufen kann jedenfalls nicht die Lösung sein. Nicht wenn man will, dass sich die CO2 Bilanz in Deutschland ändert und der Atomausstieg gelingt. Im Gegenteil, EON, RWE, EnBW und Vattenfall stellen sich gerade auf den massiven Zubau von Kohlekraftwerken und mögliche Laufzeitverlängerungen ihrer maroden Atomkraftwerke ein.
Hat denn wirklich irgend jemand geglaubt, nach einem Umstieg auf "Öko"strom kämen plötzlich grüne Elektronen aus seiner Steckdose?
Ich jedenfalls nicht, trotzdem bin ich schon vor einigen Jahren zu Greenpeace energy gewechselt: die bauen nämlich wirklich eigene Kraftwerke (z.B. Weserkraftwerk Bremen) und beteiligen sich nach eigener Aussage auch nicht am RECS-Zertifikatehandel.Außerdem kostet der Strom auch noch weniger als bei vielen anderen Anbietern, letzten Herbst haben sie sogar den kWh-Preis gesenkt!Also, wo ist das Problem?
Gruß Skarrin
PS: Dass auf Ökostrom auch Ökosteuer gezahlt werden muß, wurde von der EU erzwungen!Gruß nach Irland, ihr habt's richtig gemacht :-)
ich wollte nur mal sagen, dass ich den artikel im vergleich zu vielen anderen artikeln in anderen zeitungen sehr gut finde... allerdings fehlt auch mir etwas:der unterschied zwischen den unabhängen und den anderen sollte noch deutlicher dargestellt werden....greenpeace.. etc bewirken schon etwas!!!! und je mehr zu ihnen wechseln desto mehr wird auch verändert.
Solange hier in Deutschland Schnee in Bremen produziert wird, um diesen dann in zahllosen LKW-Fahrten nach Düsseldorf zu transportieren, damit am Rhein auch mal eine Skilanglaufveranstaltung bei +10° stattfinden kann, erübrigt sich jede Diskussion um Öko, CO², Enerigeieinsparung oder sonstwas.
Endlich mal wieder ein richtig informativer Artikel, mit Ursachenforschung, (zumindest versuchter) Darstellung eines Entwicklungsprozesses und einigermaßen wahrheitsgemäßen Aussagen. Weiter so!Natürlich ist niemand perfekt, aber der Ansatz ist gut. DANKE!
Immer wieder begeistert mich, wie gründlich Zeitartikel die Sachlage durchleuchten, keine seichte oberflächliche Berichterstattung sondern Substanz!! Weiter so!
Trotzdem kamen meiner Meinung nach die Vorzüge der kleinen Ökostromanbieter zu wenig zu tragen, wie mein Vorkommentator schon sagte ist ja niemand perfekt.
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