Al-Qaida Terror-Dämmerung

Eine Studie kündet vom Niedergang der "Gotteskrieger", meint Josef Joffe

Glaubenskämpfer auf dem Vormarsch? Demonstration von Islamisten in der pakistanischen Haupstadt Islamabad

Glaubenskämpfer auf dem Vormarsch? Demonstration von Islamisten in der pakistanischen Haupstadt Islamabad

Wie geht es eigentlich dem Terrorismus? Gar nicht so gut, meldet eine neue Studie der kanadischen Simon-Fraser-Universität, und der sorgfältig untermauerte Nachweis könnte, welch Ironie, Hardliner wie Liberale erfreuen. Die Staatsschützer, weil der global war on terror offensichtlich Früchte trägt, und die Bürgerrechtler, weil diese 56 Seiten unaufgeregte Argumente gegen die anschwellende Flut der Sicherheitsgesetze liefern.

Ja, aber der islamistische Terror wächst doch, oder? Im Westen schon mal nicht, nicht seit der monströsen Attacke in London 2005; diesen Punkt können die Staatsschützer für sich verbuchen und dabei auf ihre weltweit vernetzte Polizei- und Geheimdienstarbeit verweisen, die so manchen Anschlag vereitelt hat. Und anderswo? Der schärfste Anstieg wurde in Mittelost, und zwar seit der Invasion des Iraks, gemessen. Das Jahr 2006 war das schlimmste, mit 13.343 Terror-Toten im Zweistromland; das waren, je nach Datensatz, 64 oder gar 79 Prozent der weltweiten Opfer.

Doch dann die dramatische Wende von 2007: ein Absturz von fast 70 Prozent bis Jahresende. Auch hier dürfen die Anti-Terror-Krieger sich rühmen. Ein kritischer Faktor war der surge , die Verstärkung der US-Truppe im Irak, der zweite die neue Offensiv-Strategie unter General Petraeus, die erstmals dem Bevölkerungsschutz den Vorrang gab. Der dritte war die segensreiche Umkehr der Politik – das Ende der gnadenlosen »Entbaathifizierung« und Ausgrenzung der Sunni-Minderheit, die unter Saddam der Schia-Mehrheit das Leben zur Hölle gemacht hatte.

Was Wunder, dass den Sunnis im Überlebenskampf jeder Verbündete recht war, auch die Terror-Brigaden der »Al-Qaida im Irak« (AQI). Nur: Plötzlich bot sich Amerika als Schutzherr der Verdammten an, der sich auch mit der Mahdi-Armee der Schiiten anlegte. Warum Terror, wenn die Amerikaner mit Sicherheit, Jobs und Pensionen lockten? Das war der Anfang vom Ende der Sunni-AQI-Allianz.

Doch der vierte, vielleicht entscheidende Faktor war der Terror als des Terrors schlimmster Feind. AQI, diese fremdbestimmte Sunni-Truppe, folterte und ermordete inzwischen nicht nur »abtrünnige« Schiiten, sondern auch die eigenen Leute. 2007 kam die Quittung. In einer Umfrage nannten 100 (!) Prozent – Schiiten wie Sunniten – den Terror gegen Zivilisten »unannehmbar«; 97 Prozent stellten sich gegen die importierten Killer. Desgleichen in Afghanistan, wo nur ein Prozent die Dschihadisten unterstützte.

Fazit der Studie: Je mehr Terror, desto weniger Sympathisanten – »dieses Muster wiederholt sich in einem muslimischen Land nach dem anderen«. Und die Geschichte zeige, so die Autoren, dass »Terror-Kampagnen, die den Rückhalt im Volk verlieren, früher oder später aufgegeben oder bezwungen werden«.

Unsere Staatsschützer sollten die Simon-Fraser-Studie lesen, weil sie zu weniger Angst und mehr Zuversicht rät. Und zwischen den Zeilen zu weniger Schaffenslust beim Austüfteln immer neuer Sicherheitsgesetze und Überwachungsapparate.

 
Leser-Kommentare
    • TyRell
    • 18.06.2008 um 17:00 Uhr

    Vielleicht sollten die Al-Quaida Terroristen vorher ihren Bachelor in BWL machen, dann würden sie warscheinlich auch verstehen, dass es unökonomisch ist, mehr Rohstoffe zu verbrauchen als vorhanden sind. Den Terroristen dämmert es warscheinlich auch langsam: Es fehlt einfach der Nachwuchs! So gesehen war der "heilige Krieg" von Anfang an darauf ausgelegt gewesen, dass es sich selbst auflöst. Verzweifelte, von Religion verblendet radikal agierende Menschen werden immer weniger.Manch einer würde sich das für alles Übel wünschen: Das Öl ist auch sehr radikal und wird immer knapper, aber zum Schaden aller. Verkehrte Welt.

  1. was für eine freude - endlich ist der internationale terrorismus besiegt. oder sollte man eher sagen: 'mal wieder'. ich muss gestehen - ich kann derartige siegesmeldungen nicht mehr zählen, da inzwischen schon so viele durch die medien gegangen sind. dass der sieg ausgerechnet von josef joffe verkündet wird, macht ihn kaum glaubwürdiger.eines ist jedoch all diesen berichten gemeinsam - in keinem fall wollen sie sich mit den tatsächlichen ursachen des terrorismus auseinandersetzen, denn sonst müsste man ja zugeben, das der terrorimus in unserer welt garnicht zu besiegen ist, weil jene mächtigen, die die geschicke der welt lenken - genauer gesagt: ansich gerissen haben - garnicht daran denken, die ursachen des terrorismus zu bekämpfen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • plamen
    • 18.06.2008 um 19:35 Uhr

    Ja, ja, der Terror braucht seine Ursache. Und wenn sie nicht da ist, dann muss er sie finden. Zwar hat Konfuzius gesagt, dass es schwer sei, eine schwarze Ursache in einem dunklen Zimmer zu finden, besonders wenn die Ursache gar nicht darin ist; aber wie schon der Genosse Arawidse mal bekräftigt hat: "wir werden die Ursache auf jeden Fall im Zimmer finden, selbst wenn sie nicht da sein sollte". Naja heutzutage findet man die Ursache nicht, man filmt sie und strahlt sie dann im europäischen Fernsehen aus, oder verbreitet sie im Internet. Wie die Ursache al Dura z.B.

    • plamen
    • 18.06.2008 um 19:35 Uhr

    Ja, ja, der Terror braucht seine Ursache. Und wenn sie nicht da ist, dann muss er sie finden. Zwar hat Konfuzius gesagt, dass es schwer sei, eine schwarze Ursache in einem dunklen Zimmer zu finden, besonders wenn die Ursache gar nicht darin ist; aber wie schon der Genosse Arawidse mal bekräftigt hat: "wir werden die Ursache auf jeden Fall im Zimmer finden, selbst wenn sie nicht da sein sollte". Naja heutzutage findet man die Ursache nicht, man filmt sie und strahlt sie dann im europäischen Fernsehen aus, oder verbreitet sie im Internet. Wie die Ursache al Dura z.B.

    • plamen
    • 18.06.2008 um 19:35 Uhr

    Ja, ja, der Terror braucht seine Ursache. Und wenn sie nicht da ist, dann muss er sie finden. Zwar hat Konfuzius gesagt, dass es schwer sei, eine schwarze Ursache in einem dunklen Zimmer zu finden, besonders wenn die Ursache gar nicht darin ist; aber wie schon der Genosse Arawidse mal bekräftigt hat: "wir werden die Ursache auf jeden Fall im Zimmer finden, selbst wenn sie nicht da sein sollte". Naja heutzutage findet man die Ursache nicht, man filmt sie und strahlt sie dann im europäischen Fernsehen aus, oder verbreitet sie im Internet. Wie die Ursache al Dura z.B.

    Antwort auf "Sieg! Sieg! Sieg!"
  2. und wenn man die Presse-Organe der Welt durchforstet dann ist es offenbar nur ein Geruech dass der Terror der Gottessieger besiegt wurde.Erst gestern jagte sich einer dieser Irren in die Luft und nahm 50 andere Menschen mit und hinterliess viele ernsthaft Verletzte.Es sieht eher danach aus als ob die sogenannten Gotteskrieger ab und zu mal ne Pause machen um neue "Opfer' fuer ihren Wahnsinn zu finden,denn erst vorgestern konnte man noch lesen dass diese Verbrecher auch nicht davor zurueck scheuen Behinderte fuer ihre Zwecke zu benutzen.

  3. Ich begrüsse den Artikel von Herrn Joffe, speziell in seinem Fazit. Den Einleitungssatz, dass der War-on-terror also Früchte bringt, wiederlegt er ja später selber.Ja, der Terror hat sich selbst besiegt. So ist es. Die meissten Menschen wollen nur in Ruhe leben, Moslems wie Christen und Agnostiker sowieso, da stehen Terroristen eher im Weg. Aus dieser einfachen Weisheit hätte man schon vor Jahren den Schluss ziehen können, dass der War-on-terror (was ist das eigentlich?) eben genau in die entgegen gesetzte Richtung arbeitet. Er treibt den Radikalinskis immer wieder junges Kanonenfutter in die Arme.Einen kleinen Einspruch möchte ich aber trotzdem äussern: Und zwar zum Irak. Die Leute, die dort den Amis die Hölle heiss machen, sind nicht unbedingt "Gotteskrieger", sondern es geht ihnen schlicht gegen den Strich, dass ihr Land unter Anwendung von brutaler Gewalt ausgeplündert wird. Dazu muss man nicht unbedingt Islamist sein, ein bisschen gesunder Nationalismus reicht aus.Diesen Groll kann man übrigens unmöglich mit Waffen besiegen, wie Herr Joffe versucht darzustellen. Der surge hat vielleicht den Einspruch der Irakis unterdrückt, aber Frieden schaffen ist etwas ganz anderes.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Kleinempfaenger, ist Ihnen bewusst, dass die Mehrzahl der Opfer im Irak Zivilisten und Angehörige der Irakischen Sicherfheitskräfte sind? (siehe http://icasualties.org/oif/) Dass außerdem die Terroristen dort gezielt Zivilsten angreifen? Erinnern Sie sich daran, dass bei einem gezielten Anschlag auf die religiöse Minderheit der Jesiden fast 200 Menschen getötet wurden? (http://www.tagesschau.de/...)Kleinempfaenger, ist das "gesunder Nationalismus" für Sie? Glauben Sie ernsthaft, dass Frieden ausbrechen würde, sobald die Amerikaner abziehen? Mir scheint Ihr Amerika-Hass verblendet Ihnen ein bisschen die Sinne

    Kleinempfaenger, ist Ihnen bewusst, dass die Mehrzahl der Opfer im Irak Zivilisten und Angehörige der Irakischen Sicherfheitskräfte sind? (siehe http://icasualties.org/oif/) Dass außerdem die Terroristen dort gezielt Zivilsten angreifen? Erinnern Sie sich daran, dass bei einem gezielten Anschlag auf die religiöse Minderheit der Jesiden fast 200 Menschen getötet wurden? (http://www.tagesschau.de/...)Kleinempfaenger, ist das "gesunder Nationalismus" für Sie? Glauben Sie ernsthaft, dass Frieden ausbrechen würde, sobald die Amerikaner abziehen? Mir scheint Ihr Amerika-Hass verblendet Ihnen ein bisschen die Sinne

  4. 6. Terror

    Danke an BUSH denn wenn heute die moderne zivilisation außer der obskurantismus Islamischer Prägung siegt ist NUR BUSH verdient. Durch seinem starke Kampf gegen der Terror ,gegen die Europäischer EUCHELER und gegen die falsche information von der sogenannte frei presse die "ZEIT"ist wie der Stern und die ganze linke presse der beste beispiel gewesen und durch das Medium die BUSH administration und das Amerikanischer Volk zu diffamieren. DANKE BUSH DANKE USA.

    • LJA
    • 18.06.2008 um 23:45 Uhr

    Man sollte hier keine voreiligen Schlüsse ziehen. Die Bevölkerung der am schlimmsten betroffenen Staaten, speziell Afghanistans, mag zwar den Terror fürchten und ablehnen. Allerdings wird sie sich doch sehr schnell den Terroristen unterordnen, da in der moslemisch/arabischen Welt immer nur das Recht des Stärkeren gilt.Außerdem darf man sich nicht selbst in die Tasche Lügen. Al Queida & Co setzen immer weniger auf die Strategie von Terror und Guerilla, da sie es in vielen Regionen gar nicht mehr nötig haben. Im Libanon und im Gazastreifen haben bereits befreundete Organisationen de facto die Regierung übernommen. Im Irak sind die ethnischen Säuberungen weitgehend beendet und die verschiedenen Fraktionen bereiten sich in Ruhe auf den Bürgerkrieg nach Abzug der Amerikaner vor. In vielen anderen islamischen Ländern ist Al Queida eher zu einer Ideologie mutiert, die in weiten Teilen der Bevölkerung Unterstützung findet und somit langfristig gesehen noch effektiver wird. Da wo dieser Zusatnd noch nicht erreicht ist, beispielsweise in Somalia, Nigeria oder Pakistan, werden die alten Terrormethoden nach wie vor virtuos angewandt.Auch die französiche Resistance hat nach dem Juni 1944 immer mehr ihre Untergrundarbeit eingestellt (nicht dass man die beiden Bewegungen in Zielen oder Ideologie vergleichen könnte, aber ihre Methoden waren ähnlich). Nicht weil sie zu geschwächt war sondern weil sie gewonnen hatte.Mittlerweile stellt sich unter der politischen Führung des Iran und der theologischen Führung Saudi Arabiens eine breite Front islamistischer Staaten auf. Diese warten nur darauf, dass der Iran endlich die Atombombe bauen kann und evt. gleichzeitig in den USA ein junger und naiver Präsident ins Amt kommt.Das nächste Jahr dürfte höchst gefährlich werden. Europa hat in der Sache leider gar keine Aktien, da viele unserer Politiker und Meinungsführer zu sehr damit beschäftigt sind, ständig ihre Unterhosen zu wechseln.

  5. Kleinempfaenger, ist Ihnen bewusst, dass die Mehrzahl der Opfer im Irak Zivilisten und Angehörige der Irakischen Sicherfheitskräfte sind? (siehe http://icasualties.org/oif/) Dass außerdem die Terroristen dort gezielt Zivilsten angreifen? Erinnern Sie sich daran, dass bei einem gezielten Anschlag auf die religiöse Minderheit der Jesiden fast 200 Menschen getötet wurden? (http://www.tagesschau.de/...)Kleinempfaenger, ist das "gesunder Nationalismus" für Sie? Glauben Sie ernsthaft, dass Frieden ausbrechen würde, sobald die Amerikaner abziehen? Mir scheint Ihr Amerika-Hass verblendet Ihnen ein bisschen die Sinne

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    KarkusKA, ich habe keinen Amerika-Hass, der mich verblenden könnte. Ich lebe sogar in Amerika. Sie sagen doch selbst, dass "Angehörige der irakischen Sicherheitskräfte" die Opfer sind. Das deutet darauf hin, dass es um lokale Machtfragen geht, nicht etwa um islamistische Weltrevolutionen oder den Hass auf "die westliche Welt". Die Angehörigen der Sicherheitskräfte sind in diesem Sinne Kollaborateure der Besatzer, die ein wesentlich leichteres Ziel darstellen, als diese selbst. Ist es so schwer da einen Zusammenhang zu sehen?Übrigens glaube ich auch nicht, dass die USA abziehen sollten, das unterstellen Sie mir. Nein, sie sollen mal schön die Suppe auslöffeln, die sie sich serviert haben.

    KarkusKA, ich habe keinen Amerika-Hass, der mich verblenden könnte. Ich lebe sogar in Amerika. Sie sagen doch selbst, dass "Angehörige der irakischen Sicherheitskräfte" die Opfer sind. Das deutet darauf hin, dass es um lokale Machtfragen geht, nicht etwa um islamistische Weltrevolutionen oder den Hass auf "die westliche Welt". Die Angehörigen der Sicherheitskräfte sind in diesem Sinne Kollaborateure der Besatzer, die ein wesentlich leichteres Ziel darstellen, als diese selbst. Ist es so schwer da einen Zusammenhang zu sehen?Übrigens glaube ich auch nicht, dass die USA abziehen sollten, das unterstellen Sie mir. Nein, sie sollen mal schön die Suppe auslöffeln, die sie sich serviert haben.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 19.06.2008 Nr. 26
  • Kommentare 26
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte London | Irak | USA | Al-Kaida | Afghanistan
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service