Teilzeit Ohne Alte stehen die Maschinen stillSeite 2/2

Dabei ist klar, was nötig wäre: lebenslanges Lernen. Die Bosch-Stiftung etwa finanziert ein Modellprojekt, für dessen Leitung man den Gerontologen Andreas Kruse von der Universität Heidelberg anwarb. Von Logikübungen, Gedächtnistrainings, Rollenspielen zu Problemlösungsstrategien bis hin zu Sport reicht das von Kruse entwickelte Angebot für lang gediente Angestellte des Technologiekonzerns Bosch. »Extrem wichtig« sei dabei, erklärt Kruse, dass die Mitarbeiter nicht nur wahrnähmen, der Arbeitgeber wolle ihre Leistungsfähigkeit steigern, sondern dass sie das Gefühl hätten, auch persönlich für ihr Leben im Alter zu profitieren. Trainiert werden müssten Grundfertigkeiten – nicht die Bedienung der neuen Fräsmaschine. Bei dem Programm gehe es nämlich »nicht nur um die Fähigkeiten zum Arbeiten im Alter, sondern auch um die Bereitschaft«, sagt Kruse. Es gehe nicht zuletzt um die Botschaft, dass der Arbeitgeber in seine älteren Mitarbeiter investiere, weil er an sie glaube. »Wertschöpfung durch Wertschätzung« heißt dieser Mechanismus sehr treffend beim Handelsriesen Metro AG, der schon mal ältere Verkäuferinnen ohne Berufsabschluss von einem persönlichen Coach begleiten ließ.

Doch die wenigen Vorzeigeunternehmen können von einem nicht ablenken: Das Denken in Lebensarbeitszeit und die Jobrotation seien hierzulande völlig unterentwickelt, klagt Kruse. In den Niederlanden gibt es etwa eine »Lebens laufregelung« für Familienphasen oder andere Auszeiten, in den USA ist der Wechsel in Unternehmen von einer Stelle auf eine andere nichts Ungewöhnliches. Beides sei gut, um rechtzeitig fürs Alter Flexibilität zu lernen, betont Kruse, weit wichtiger als das allenthalben gepriesene Erfahrungswissen, das angeblich das unvermeidliche Nachlassen in der schnellen Informationsverarbeitung kompensieren soll. »Erfahrungswissen kann aber auch eine Barriere sein, nach dem Motto: Das haben wir doch schon immer so gemacht«, sagt der Altersforscher.

Es wie immer zu machen, diese Haltung scheint sich nun auch wieder in der Bundesregierung durchzusetzen. Zunächst hatte die »Rente mit 67« einen wirklichen Wandel markiert, doch der regierungsinterne Streit um die Altersteilzeit und die bereits erfolgte Verlängerung des Arbeitslosengeldes für Alte senden wieder die Botschaft: Alte sind schwer vermittelbar, Alte sind defizitär. So würden »die Bilder des Alterns geprägt«, sagt der Historiker Jürgen Kocka, »das ist eine Gefahr.« Er ist Sprecher eines großen Projekts der Deutschen Akademie der Naturforscher und jener der Technikwissenschaften, die im Herbst Empfehlungen vorlegen wollen. Dabei geht es um »die strukturelle Verzögerung«, sagt Kocka, mit der sich »unsere Institutionen und mentalen Ordnungen verändern« – während aufgrund der steigenden Lebenserwartung der Menschen die Möglichkeiten des Alters längst zugenommen hätten. Die Einführung des Ruhestands etwa sei an sich in der Menschheitsgeschichte »eine große Errungenschaft« – nur spiegele leider der aktuelle Kampf der Gewerkschaften für den frühen Ausstieg aus der Arbeit die Konflikte von gestern. Heute reduziere »das Gesamtsystem seine Leistungsfähigkeit«, wenn Altersteilzeit praktiziert werde, so Kocka. Sie sei zudem ein Verstoß gegen die Generationengerechtigkeit, denn bezahlen müssten das Ganze mit ihren Sozialabgaben die Jüngeren.

Die Chemiebranche hat schon einen Tarifvertrag zur Lebensarbeitszeit

Was Tarifpartner in diesem Feld leisten können, hat die Chemiebranche vorgemacht. Im April haben Arbeitgeber und Gewerkschaft neben dem üblichen Lohnabschluss gleich auch noch den Tarifvertrag »Lebensarbeitszeit und Demographie« vereinbart. Ihre Strategie unterschied sich dabei deutlich von jener der eskalationsfreudigen Metaller. Ganz im Stillen hatten die Chemieleute ein Jahr lang intensiv miteinander geredet. Das Ergebnis ist eine kleine Revolution. Zwar ist der Vertrag voll mit weichen Formulierungen, da gibt es viel »kann« und »sollte«, wenig »muss«. Aber beide Seiten zeigen sich wild entschlossen, etwas draus zu machen. »Das ist keine Lyrik, wir meinen das sehr ernst«, erklärt Werner Bischoff, oberster Tarifpolitiker der Chemiegewerkschaft IGBCE. »Bislang ist auch bei uns zu wenig passiert, ganz klar«, bestätigt der Hauptgeschäftsführer des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie, Hans Paul Frey.

Für jeden der 550.000 Arbeitnehmer der Branche packen die Unternehmen nun jährlich 300 Euro in einen Demografiefonds. Wie das Geld verwendet wird, entscheiden Chef und Betriebsrat in jedem Unternehmen. Wobei es jenen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern, die den Fonds entwickelt haben, am liebsten wäre, wenn das Geld in die Weiterbildung fließen würde. Und in gesundheitliche Vorsorge, damit ältere Mitarbeiter möglichst lange arbeitsfähig bleiben. Der Chemiegewerkschafter Bischoff sähe darin eine »Humanisierung der Arbeit« – ein altes Anliegen der Arbeiterbewegung. In jedem Fall ist es ein Versuch, Unternehmen und Beschäftigte auf das Alter einzustellen.

 
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