Wie kann das sein? Eine Million Menschen stehen regelmäßig Schlange, um kostenlos Brot, Butter und Obst zu bekommen. Sie sind zu arm, um sich diese Lebensmittel leisten zu können. Schwerkranke bekommen dringend benötigte Medikamente nicht, weil die Kasse sie nicht bezahlen will. Lehrer sammeln Spendengeld, um Schulessen zu finanzieren. Gleichzeitig gibt der Staat in Deutschland jedes Jahr 700 Milliarden Euro für Soziales aus.

Wie ist das möglich? Wieso zahlen wir so viel für unseren Sozialstaat und müssen trotzdem hilflos zusehen, wie die Kinderarmut wächst, die Bildungsarmut ganze Stadtviertel bedroht und auch die Altersarmut in naher Zukunft wieder unausweichlich scheint? Wie kommt es, dass der Regierung trotz 15 Jahren intensivster Reformdebatte offenbar keine wirkungsvolle Sozialpolitik gelingt?

In der kommenden Woche wird der Sozialstaat sogar noch teurer. Der Beitrag zur Pflegeversicherung steigt. Damit klettern die Lohnnebenkosten wieder über die Grenze von 40 Prozent des Gehalts – obwohl sich die Große Koalition verpflichtet hat, unter dieser Schwelle zu bleiben. Der Sozialstaat wächst, aber er wird nicht besser, zumindest nicht aus Sicht der Armen. Und auch die Mittelschicht fühlt sich mehr denn je vom Absturz bedroht. Zwischen 1998 und 2005 stieg der Anteil der Armen in der Bevölkerung von 12 auf 18 Prozent. So steht es im Armutsbericht , den das Bundeskabinett Mitte der Woche verabschiedete. Jeder zweite Arbeitslose, jede dritte Alleinerziehende und etwa jeder dritte Einwanderer gilt als arm, ein Zustand, den der Regierungsbericht bei einem Alleinstehenden mit einem Einkommen von unter 781 Euro netto feststellt.

»Kennen Sie einen Armen?« So konnte noch vor 15 Jahren ein Industriepräsident in Talkshows provozierend fragen. Hans-Olaf Henkel, in den neunziger Jahren Cheflobbyist der deutschen Industrie, stellte diese Frage oft, und nur selten bekam er eine Antwort. Manchmal machten sich Fernsehteams auf den Weg zu Sozialhilfeempfängern, filmten in deren Wohnungen die Schrankwände und Videorekorder und fanden, so schlimm könne es mit der Armut im Land doch nicht sein. Das ist heute anders. »Wir halten uns für reicher, als wir sind«, warnt selbst Arbeitsminister Olaf Scholz. Der Niedriglohnsektor im Land habe längst Ausmaße wie in Amerika.

Vor allem hat sich inzwischen herumgesprochen, dass Armut nicht allein ein materielles Problem ist, sondern vor allem einen Mangel an Lebenschancen bedeutet. Acht Prozent eines Jahrgangs verlassen laut dem ebenfalls gerade erschienenen Bildungsbericht der Regierung die Schule ohne Abschluss, jeder fünfte 15-Jährige kapituliert vor einfachen Lese- oder Mathematikaufgaben, zwei Jahre nach Schulende hat nicht einmal jeder zweite Hauptschüler eine Lehrstelle gefunden – obwohl die Wirtschaft längst über Lehrlingsmangel klagt.

Ein wachsender Teil der Bevölkerung ist also wirklich bedroht, wirtschaftlich und sozial abgehängt zu werden. Diese Einsicht hat die Gesellschaft mit großer Verspätung und großer Wucht erfasst. Aber sie hat bis heute daraus nicht die richtigen Konsequenzen gezogen.

Stattdessen macht die Regierung wieder Sozialpolitik wie in alten Zeiten, als bei jeder Forderung nach mehr Gerechtigkeit reflexhaft mehr Geld verteilt wurde: Das Bafög soll steigen und das Kindergeld. Wohngeld, Rente und Arbeitslosengeld werden erhöht. Die SPD will die Frühverrentung weiter fördern, die CSU den Pendlern helfen, Nordrhein-Westfalens CDU einen Rentenzuschlag für Geringverdiener einführen und Umweltminister Sigmar Gabriel Sozialtarife für Strom und Gas. Selbst für Häuslebauer wurde gerade die Eigenheimzulage unter neuem Namen wieder eingeführt: Bis zu 16.000 Euro bekommt eine Familie vom Staat, wenn sie Wohneigentum erwirbt. Längst unterhält die Bundesrepublik einen der teuersten Sozialstaaten der Welt, wie der Kölner Wirtschaftsprofessor Winfried Fuest vorrechnet – und dennoch wächst im Land die Armut.