Gerechtigkeit Ständig unterwegs

Nicole Beuster arbeitet für 32 Euro und den Hortplatz ihres Sohns

Für ihren Job in der Cafeteria einer Berliner Schule bekommt Nicole Beuster ein winziges Gehalt: 100 Euro pro Monat. Damit stockt die Hartz-IV-Empfängerin ihr Arbeitslosengeld auf. Nach Abzug aller Kosten bleiben von diesem Zusatzeinkommen allerdings nur 32 Euro. Sie muss 34 Euro für den Hortplatz ihres Sohnes Kevin bezahlen und ebenso viel für ihr S-Bahn-Monatsticket. Beides braucht die alleinerziehende Mutter, um überhaupt arbeiten zu können.

Für ihren Job nimmt Beuster lange Wege in Kauf: Wenn sie morgens um elf zur Arbeit kommt, hat sie eineinhalb Stunden Anfahrt hinter sich. Bis 14 Uhr teilt sie Essen aus. Anschließend fährt sie genauso lange zurück. Nicole Beuster ist also jeden Tag drei Stunden lang unterwegs, um drei Stunden lang zu arbeiten. Viel Zeit für 32 Euro.

Der Job, den sie in diesen Stunden macht, ist nicht ohne. In der Otto-Hahn-Oberschule im Berliner Problembezirk Neukölln spucken die Schüler schon mal auf den Boden. Oder sie pöbeln. Beim Einstellungsgespräch wurde Beuster gefragt, ob sie Ellbogen habe.

Die hat sie, vor allem aber liebt sie ihren Sohn. »Ich mache die Arbeit in der Cafeteria eigentlich nur aus einem Grund: Kevin sollte zunächst unbedingt einen Platz in einer Kindertagesstätte und jetzt in seinem Hort bekommen«, sagt Beuster. »Ich glaube, dass das wichtig für seine Entwicklung ist.« Eine Mutter allein könne nicht so viele Anregungen bieten wie erfahrene Erzieher und andere Kinder.

Ohne den Kantinenjob hätte Beuster keinen Anspruch auf den Kitaplatz. Zwar wird in der Öffentlichkeit viel darüber gesprochen, wie Kinder aus armen Familien gefördert werden können. Offiziell haben aber Eltern ohne Arbeitsplatz keinen Betreuungsbedarf, auch die 600.000 Alleinerziehenden nicht, die von Hartz IV leben.

»Es tut mir aber auch gut, unter Menschen zu kommen«, sagt Beuster. Noch lieber würde sie wieder in ihren alten Job als Fleischerei-Fachverkäuferin zurückkehren. Nur passen die Arbeitszeiten der Branche nicht mit den Betreuungsangeboten für kleine Kinder zusammen. Sie hat sich umgeschaut, aber keine Teilzeitstelle gefunden, die ermöglicht, dass sie ihren Sohn rechtzeitig vom Hort abholen könnte. »Natürlich kann ich Kevin mal einen Abend irgendwo unterbringen«, sagt Beuster. »Aber viele Geschäfte haben bis acht oder sogar zehn Uhr abends geöffnet – so spät konnte ich zumindest mit einem ganz kleinen Kind nicht ständig nach Hause kommen.«

Und so ist das Geld bei den Beusters meistens ziemlich knapp. 726 Euro zahlt das Sozialamt inklusive Wohngeld, dazu kommen Kindergeld und Unterhalt vom Vater. »Alles in allem bleiben uns ungefähr fünfzig Euro pro Woche zum Leben«, erzählt die Alleinerziehende. Immerhin: Der achtjährige Kevin versteht, dass man mit Geld vorsichtig umgehen muss. Wenn er mal Taschengeld bekommt, berichtet die Mutter stolz, »dann wird eisern gespart«.

 
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