Gerechtigkeit Armer Ökonom

Bildung sollte ihn nach oben bringen. Manuel Neves landete unten

Ausländer sind in Deutschland überdurchschnittlich oft von Armut bedroht, was Experten meist mit fehlenden Abschlüssen und Sprachkenntnissen erklären. Manuel Neves hat diese Gefahr früh erkannt. Er war 24 Jahre alt, als der Bürgerkrieg den Studenten aus seiner Heimat Angola vertrieb. »Ich wollte weiterstudieren«, erinnert er sich an seine Ankunft in Deutschland. »Ich wollte arbeiten und niemandem auf der Tasche liegen.« Das jedoch erwies sich als schwierig.

24 Jahre später ist er zwar Diplom-Ökonom, spricht fließend Deutsch und berät sogar andere Ausländer in Ausbildungsfragen – aber er ist bis heute nicht am ersten Arbeitsmarkt angekommen. Zwei Euro pro Stunde erhält er bei der Duisburger Arbeiterwohlfahrt für seinen Job als Berater. Es ist eine von der Arbeitsagentur geförderte Stelle, eine sogenannte Arbeitsgelegenheit. »Es ist doch viel besser, etwas für andere zu tun, als nutzlos herumzusitzen«, sagt Neves dazu. Aber es nagt an ihm, dass seine Familie nach all den Jahren noch von der Stütze lebt.

Was hat er nicht alles versucht, um der Abhängigkeit zu entkommen. Kurz nach seiner Ankunft schrieb er sich an der Uni ein, nur um das Studium alsbald erneut zu unterbrechen. Studieren dürfe er erst, wenn sein Asylantrag bewilligt sei, hieß es. Das dauerte viele Jahre. Er absolvierte eine Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann, fand aber nur befristete Jobs. Er holte den akademischen Abschluss nach, an einer Wirtschaftsakademie, wo man nach nur 15 Monaten den Titel des Marketingökonomen erwirbt (»Ich hatte schon zu viel Zeit verloren«). Doch die Eile nützte nichts, denn darauf folgten erneut zwei Jahre Arbeitslosigkeit.

Regelmäßig durchkämmt er die Website der Arbeitsagentur nach Angeboten. 50 Bewerbungen hat er seither geschrieben. Einmal nur trat die Agentur direkt an ihn heran: Gesucht wurde ein Vertriebsmann für amerikanische Diät- und Gesundheitsprodukte, auf Provisionsbasis. Manuel Neves lehnte ab. Er war schon einmal selbstständig gewesen. Als Fuhrunternehmer hatte er eilige Briefe und Pakete vom Düsseldorfer Flughafen bis nach Österreich und Frankreich gekarrt. Aber ihm fehlte das Kapital, um Benzin und Leasingraten für den Bus so lange vorzustrecken, bis ihn seine Auftraggeber bezahlten. Er musste aufgeben. »Ich habe bis heute Schulden«, sagt der Angolaner über den gescheiterten Versuch einer Existenzgründung.

Derzeit bekommt Neves mit seiner Frau und drei Kindern 1.860 Euro im Monat vom Staat – Arbeitslosen- und Kindergeld. 300 Euro verdienen der Vater und seine älteste Tochter mit Jobs dazu. Für die Wohnung gehen 650 Euro im Monat ab. Die Möbel darin wirken irgendwie überdimensioniert. Die meisten Sachen habe er gebraucht gekauft, erklärt Neves. Auch der Laptop im Kinderzimmer ist gebraucht: »400 Euro«, sagt der Vater und dass es für Jugendliche wichtig sei, sich mit dem Internet vertraut zu machen. Seine 16-jährige Tochter möchte später Wirtschaft studieren, berichtet er stolz.

Derzeit geht Paula noch auf das Max-Planck-Gymnasium in Duisburg. Angefangen habe sie am Abtei-Gymnasium, erinnert sich der Vater etwas betrübt. Die bischöfliche Schule gilt in Duisburg als Eliteschmiede. »Für uns war das keine Frage, schließlich sind wir eine katholische Familie«, sagt er. Außerdem habe Paula die Grundschule als Klassenbeste abgeschlossen.

Doch dann ließen ihre Leistungen plötzlich nach. »Das ging zwei oder drei Jahre so, bis wir uns zum Wechsel entschieden.« Als Hartz-IV-Empfängerin unter all den Anwalts- und Richterkindern – das habe nicht gepasst. Nicht dass die Schulkameraden am Abtei-Gymnasium unfreundlich gewesen wären, aber sie hätten eben von Urlaubsreisen in Amerika oder Malaysia berichten können. »Und für uns ist es schon schwierig, wenn die Kinder ins Kino wollen.«

 
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