Italien

Schluss mit streichelweich

Silvio Berlusconi kämpft gegen Justiz und Opposition. Ist er schon wieder ganz der alte?

Silvio Berlusconi will in seiner dritten Amtszeit vieles besser machen. Schafft er’s? In einer kleinen Serie begleiten wir seine ersten Schritte (Folge 5)

»Rieccolo!« (Da ist er wieder!), titelte die Turiner Tageszeitung La Stampa. Zu früh gefreut, werden sich all jene sagen, die gehofft hatten, es könnte tatsächlich ein rundum erneuerter Silvio Berlusconi sein, der seit sechs Wochen in Rom regiert. Sein bisweilen streichelweiches Auftreten in der ersten Phase der dritten Amtszeit hatte durchaus Anlass zur Hoffnung gegeben. Doch nun beschimpft er in einem Rundumschlag die Opposition, der er noch vor wenigen Wochen die Hand gereicht hatte, und treibt damit erneut einen Keil zwischen die beiden politischen Blöcke. Auch gegen die Justiz ritt er jüngst wieder schwere Attacken. Zum Streit kam es wegen zweier Gesetzesvorhaben, die den Regierungschef vor der italienischen Justiz schützen sollen. Der eine Plan der Regierung sieht die Immunität vor Strafverfolgung für führende Politiker vor – eine Erlösung für den Dauerangeklagten Berlusconi. Schon weit gediehen ist zum zweiten ein Gesetzentwurf, wonach alle Prozesse, bei denen es um Delikte aus der Zeit vor Juni 2002 geht, für zwölf Monate auf Eis gelegt werden sollen. Offizielle Begründung: Die überlasteten Gerichte sollen sich auf schwerwiegende Tatbestände wie Mafia-Verbrechen oder Terrorismus konzentrieren. 100.000 Prozesse wären davon betroffen. Wie der Zufall will, ist einer davon ein Bestechungsverfahren gegen Berlusconi und seinen ehemaligen Anwalt David Mills.

Die Diskussion um die beiden Vorstöße hat zur Renaissance des rauen Umgangstons auf dem politischen Parkett Italiens geführt: Lautstark beschimpft der Regierungschef bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Richter. Diese nennt er voreingenommen, linksextrem sowie umstürzlerisch. Das Verfahren gegen ihn bezeichnet er als einen »erfundenen Lügenprozess«. Auch die Mitte-links-Opposition bekommt die Wut des Medienzaren zu spüren: Oppositionsführer Walter Veltroni sei schlicht »unfähig«, ein politisches Amt auszuüben.

Veltroni selbst kündigte für den Herbst eine Großkundgebung gegen die Regierung an. Das italienische Spiel der zwei Lager, die nichts miteinander zu tun haben wollen und sich trotzig aus ihren Ecken heraus beschimpfen, ist damit wieder eröffnet. Die Gesprächsbasis zwischen den beiden Blöcken ist vorerst zerstört. Gemeinsame, notwendige Reformen scheinen in unerreichbare Ferne gerückt.

Dass er als Staatsmann regieren würde, nicht als Vertreter eines Parteieninteresses, war das Versprechen des »neuen« Berlusconi vor der Wahl gewesen. Mittlerweile hält er es doch wieder mit einem ganz besonderen Sonderinteresse: seinem eigenen.

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Leser-Kommentare

  1. Zum 3 .mal wurde dieser mann gewählt,unfassbar! Die italiener verabschieden sich von der demokratie und die EU schaut hilflos zu.

  2. welche Aufgabe sollte denn die EU diesbezüglich unternehmen, er ist legitim gewählt. Italien hat es so gewollt, die Müllberge stapeln sich noch immer gen Himmel....

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    sie kann leider nichts unternehmen ,ein ausschluss aus der EU in bestimmten fällen ist ja wohl nicht vorgesehen

  3. sie kann leider nichts unternehmen ,ein ausschluss aus der EU in bestimmten fällen ist ja wohl nicht vorgesehen

  4. Berlusconi ist ein europaeisches Phaenomen. Gegen die Berlusconisierung der europaeischen Politik hilft nur der Aufstand des kollektivrn Gewissens. Aber um das scheint es mir nicht so gut bestellt zu sein.

  5. Ich glaube wirklich nicht, dass die EU vollkommen als Zuschauer dastehen muss/sollte: die Verabschiedung der Gesetzesänderung der totalen Immunität aller wichtigen Ämter in IT, voran B. Wo ist hier noch Demiókratie. In Kürzen hat jeder Parlamentatrier in IT freie Hand, das auch rückwirkend, sic! d.h. der anstehende Prozess gegen Berlusconi (Mills) ist ebenfalls abgesagt.Frage: erstens: wieviel Entwicklungshilfe will IT in Anspruch nehmen, um eine EU Bürgerkompetenz zu erreichen (mal z.Bsp.keine Fördermittel für nie ausgeführte Klär-und Abfallentsorgungsanlagen)?Wie schaut es mit der Beziehung eines Allmacht-Anspruchs in IT.oberster Riege zur Ohnmacht der (z.T. wieder analphabetischen) Bevölkerung (siehe Studien der UniRoma3) aus?Gibt es in den EU Statuten keine Klausel, die einem solch mafiösen, diktatorischen Regime den Verbleib unmöglich macht? Ich weiß es nicht. Kennt sich da jemand aus?

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  • Von Florian Gasser
  • Datum 26.6.2008 - 02:17 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 26.06.2008 Nr. 27
  • Kommentare 5
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