Nahrungsmittelpreise
Die Welt im Ei
Viele Jahre verkaufte unser Autor, im Nebenberuf Hühnerfarmer in Schottland, seine Eier zum gleichen Preis. Nun zwangen ihn horrende Futtermittelkosten, die Preise zu erhöhen. So machte er sich auf die Suche nach den Schuldigen und begann die Weltwirtschaft zu verstehen
Die britische Erzählerin Zoe Strachan beschrieb einmal ein Wochenende, das sie in einer winzigen Ortschaft im hohen Norden Schottlands verbracht hatte. Am Samstagmorgen schlenderte sie durch das Dorf, um Frühstückseier zu holen. Sie summte den Beatles-Song I am the eggman / They are the eggmen / I am the walrus / Goo goo g’joob.
Und sie sah den Eggman! Sie sah seine schwarzen Hühner, die anstatt eines Kamms ein Federbüschel über dem Schnabel tragen, sie hörte das Gegacker des Federviehs, das die Ankunft jedes Eis mit stolzem Spektakel quittiert, und sie bezahlte ein Pfund Sterling für ein halbes Dutzend der ländlichen Delikatessen. Die Schriftstellerin war begeistert. Sie wähnte sich im Paradies. Die Eier, die, so stand auf dem Etikett, »von frei grasenden Araucana-Hennen« stammen, hatten eine grüne Schale und tiefgelbe Dotter.
Jahrelang verkaufte der Eiermann sie zum gleichen Preis, umgerechnet elf Cent pro Ei. Im März 2008 erhöhte er seine Preise von heute auf morgen um 50 Prozent. War ihm das Lob der Autorin zu Kopfe gestiegen? Oder gehört er zu den »Oligarchen im Geländewagen«, wie die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner ihre Bauern beschimpfte, die, wie sie das sieht, aus purer Gier Lebensmittelpreise in ungeahnte Höhen treiben? Kann es einen guten Grund dafür geben, dass ein halbes Dutzend frische Eier plötzlich um die Hälfte teurer sind?
Lebensmittelpreise auf der ganzen Welt schnellten in den letzten Monaten in schwindelnde Höhen. Ob Blumenkohl oder Salat, ob Schweinefleisch oder Reis, ob Mehl oder Brot, die Teuerungsrate von Januar bis Mai lag zwischen 10 und 50 Prozent. Verbraucher rebellierten. In Haiti wurde ein Ministerpräsident aus seinem Amt gejagt, in Bangladesch zertrümmerten Demonstranten Autos und Busse, in Kamerun kamen bei Ausschreitungen sieben Menschen ums Leben. Sogar in den USA und in Großbritannien wurden Konsumenten von Panik ergriffen.
Die Eier, von denen hier die Rede ist, könnten von überall her stammen, aus Lüneburg oder dem Mühlviertel, aus Sędziejowice oder Châtillon-sur-Seine. Diese Geschichte könnte sich genauso gut um Milch, Käse oder Fleisch drehen, um andere Lebensmittel, deren Erzeugung Getreide als Tierfutter erfordert. Der Zufall will es, dass sie von Eiern handelt, die schottische Hühner in einer Gegend legen, die oft als die »letzte Wildnis Europas« unseres zivilisationsgesättigten Kontinents beschrieben wird.
Diese Hühner führen ein idyllisches Leben. Im Winter bietet ihnen ein solides Steinhaus Schutz vor den Elementen, sie tun sich an einer Mischung aus Weizen und Mais mit Zugaben von Gerste und Hafer gütlich. Den Rest des Jahres fressen sie vor allem frisches Gras und halten unter lauschigen Bäumen Mittagsruhe.
Die tüchtigsten Hennen legen 200 Eier im Jahr
Der Eggman ist ein sentimentaler Geselle. Er ruft seine treuesten Hennen beim Namen, »Hausfrau« und »Hennie« heißen sie. Wenn die Hühner keine Eier mehr legen, dreht er ihnen nicht den Hals um, sondern gönnt ihnen einen friedlichen Lebensabend in einem Austragshäuschen. Intensivhaltung liegt ihm fern. Doch er ist in dasselbe globale Netz eingespannt wie jeder Landwirt. Es gibt kein Entkommen. Die Saugarme des Weltmarktes reichen bis auf den kleinen Hühnerhof.
Über den Daumen gepeilt, pickt jedes Huhn jährlich 30 Kilogramm Körner auf. Die tüchtigsten Hennen legen dafür 200 Eier, weniger fleißige verschwinden lange vor Erfüllung ihres Solls in dichtem Gebüsch und brüten zehn oder zwölf Küken aus. Der Eggman kauft ihr Futter in einem Lagerhaus in Inverness, der über 130 Kilometer entfernten Hauptstadt des schottischen Hochlandes. Es gehört Harbro, dem größten Futtermittelhersteller Schottlands.
Der Lagerhausarbeiter MacIver »Mackie« Ross lädt schon seit 27 Jahren die Säcke mit dem Korn in den Landrover des Eggman, er sagt jedes Mal »Ja, ja, gut, gut, ein großartiger Tag«, auch wenn der Wind schwarzgraue Wolkenfetzen über den Himmel zerrt, er lächelt ein immer freundliches Lächeln und erkundigt sich nach anderen Kunden aus dem fernen Dorf.
Die beiden kommen auf die Preise zu sprechen. Im Februar 2007 bezahlte der Eggman umgerechnet 12,94 Euro für einen Zentner gemischtes Getreide, jetzt knüpft Harbro ihm dafür 23,40 Euro ab. Demnach kostet das in jedes Ei investierte Futter nun sieben statt, wie bisher, weniger als vier Cent. Wäre das Korn der einzige Kostenfaktor, wäre das noch zu verkraften. Doch die Beköstigung steht für 40 Prozent auf der Debetseite. Die Verdoppelung dieses Anteiles ist genug, um die Eierproduktion in die Verlustzone zu drücken.
Der Eggman marschiert durch das Lagerhaus in ein dahinter liegendes Gebäude, steigt die Treppe hinauf in ein unter die Dachschräge gezwängtes, schummeriges Büro. Hinter dem Schreibtisch sitzt Allan Bain, der für den Getreideeinkauf zuständige 37-jährige Direktor der Firma. Bain, beleibt und fröhlich, rät seinem gereizten Kunden, anstatt einer 50-prozentigen Preiserhöhung solle er seine Preise verdoppeln, sonst könne er seine gestiegenen Kosten nie und nimmer auffangen.
Bain lädt auf seinem Laptop eine grafische Darstellung des Weizenpreises herunter. Am 4. Juni 2007 beginnt die Kurve unten links bei 127 Euro pro Tonne, klettert in steilen Zacken auf 250 Euro am 5. September hoch, fällt bis zum 14. November auf 195 Euro zurück und steigt schließlich im Februar 2008 auf über 250 Euro an. Bei Mais verhält es sich ähnlich.
Auch der Mittelstand in Indien und China isst nun mehr Eier, Käse, Fleisch
Führt man sich Expertisen und Zeitungsberichte zu Gemüte, sieht man fern und hört Radio, stößt man auf alle möglichen Theorien über Gründe der Teuerung. Umweltschützer machen durch den Klimawandel ausgelöste Dürren für eine Verknappung der wichtigsten Nahrungs- und Futtermittel auf dem Weltmarkt verantwortlich. Verfechter des Freihandels entdecken die Schuld in marktverzerrenden Subventionen der USA sowie im Protektionismus großer Erzeugerländer wie Kasachstan und Argentinien. Agrarökonomen sehen die Ursache des Übels in den von der EU ihren Bauern aufgezwungenen Stilllegungsflächen.
Bain führt all diese Faktoren an. Eine zwei Jahre dauernde Dürre ließ in Australien die unreifen Halme im Boden vertrocknen, letztes Jahr verdarben frühsommerliche Sturzregen große Teile der europäischen Getreideernte. Die weltweiten Vorräte schrumpften, während die Nachfrage stieg, vor allem der aufstrebende Mittelstand in Indien und China konsumiert mehr Eier, Fleisch und Käse, also in Protein umgesetztes Getreide.
Den Hauptgrund für den dramatischen Preisanstieg entdeckt er freilich im europäischen Widerstand gegen genetisch modifizierte Feldfrüchte. Die EU importierte letztes Jahr 13 Millionen Tonnen Mais. In einem normalen Jahr wäre das genug gewesen, um die heimische Produktion an Futterweizen und Futtergerste zu ergänzen. Aber nicht 2007. Vier bis fünf Millionen Tonnen Mais aus den USA hätten das Loch füllen können. Der Zoll ließ sie nicht durch, obwohl die World Trade Organisation (WTO) bereits 2006 das europäische Einfuhrverbot für gentechnisches Getreide für rechtswidrig erklärt hatte. Zu Jahresende lockerte die Kommission die Handelssperre, zu spät jedoch, um die Inflation zu stoppen.
Bain erzählt von einem Kunden, einem Schweinezüchter, der jetzt bei der Mast jedes Ferkels bis zur Schlachtreife 29 Euro zusetzt. In jedem Wurf befinden sich im Durchschnitt 10 Ferkel, jede Sau wirft zwei- bis dreimal im Jahr. Da gehen die Verluste schnell in die Tausende – 20000 Euro pro Woche bei diesem Bauern. Lange kann der das nicht durchhalten. Und die Weizenbarone scheffeln das Geld? Bain tippt den Namen eines Weizenbauern in sein Mobiltelefon. Er heißt Donald Robertson. »Kommen Sie«, fordert er den Eggman auf, als er das Telefon in die Tasche steckt. »Wir fahren hin und sehen uns seinen Hof an. Der wird Ihnen seine Lage schildern.«
Ein Rapsfeld rechts der Straße steht in voller dottergelber Blüte, auf einem Acker links der Straße sprießen üppig wadentiefe dunkelgrüne Blätter. Die Felder ziehen sich über 220 Hektar hin, sie sind zu drei Fünfteln mit Futterweizen und zu je einem Fünftel mit Gerste und Raps bepflanzt. Schön gewachsene, hohe Bäume stehen auf den Feldrainen. Am Nordende begrenzt ein Flussufer die Farm, im Westen das Meer. Ein neu gebauter Schober mit Trocknungsanlage fasst 2000 Tonnen Getreide, genug Platz für die Jahresernte. Mit so viel Getreide könnten die Legehennen des Eggman 2000 Jahre lang 400000 Eier zu produzieren.
Vor dem zweistöckigen, aus Naturstein gebauten Farmhaus stehen ein grüner Landrover und ein brandneuer Range Rover. Die Gesichtszüge des 60-jährigen Farmers erinnern eher an einen Filmschauspieler als an einen Landmann. Aber er gehört nicht zu den Gentleman-Farmern, die ihre Arbeit Landarbeitern überlassen. Er macht alles selbst, pflügen, sähen, düngen. Oft sitzt er bis spät in die Nacht auf seinem Traktor. Nur während der Ernte stellt er zwei Hilfskräfte ein.
Eines will Robertson gleich vorneweg sagen: Noch nie in seinem Leben habe er derart turbulente Zeiten erlebt wie jetzt. Er habe auch noch nie Zeiten erlebt, in denen Geschäftspraktiken derart verfallen seien. Letztes Jahr, räumt er ein, habe er blendend verdient. Dieses Jahr verspreche noch besser zu werden. »Aber wenn sich die Dinge bis zum Herbst nicht ändern, werde ich meine Maschinen in den Schober stellen und nächstes Jahr nichts aussäen.«
Der Verkauf seiner letzten Ernte brachte brutto über 350000 Euro ein. Die Farm, einer der fruchtbarsten Höfe der Gegend, ist ein Vermögen wert. Unter Lebensversicherungen und anderen Anlagegesellschaften ist ein wilder Wettbewerb um landwirtschaftliche Flächen ausgebrochen, ein Hof ganz in der Nähe wechselte für 10000 Euro pro Hektar den Besitzer. Vor wenigen Jahren kostete das Land hier kaum 3000 Euro. Wie kann sich ein wohlhabender Großbauer da beklagen und mit einem Produktionsstopp drohen?
Allan Bain macht es sich breit grinsend auf einem Sofa mit Blumenmuster bequem. Der Farmer mit dem Schauspielergesicht lehnt sich in seinem Wohnzimmersessel vor, streicht sich eine graue Strähne aus der Stirn und macht mit seinen Fingern eine Rechnung auf. Im Oktober letzten Jahres, sagt er, habe er Stickstoffdünger für 250 Euro pro Tonne eingekauft. Jetzt muss man dafür fast 500 Euro zahlen. Der Preis für Phosphor ist um 180 Prozent gestiegen. Kalidünger kostete vor drei Jahren 140 Euro pro Tonne, jetzt sind es 630 Euro. »Wenn ich das zusammenrechne, verschlingt die Produktion jeder Tonne Weizen 88 Euro nur an Dünger.«
Warum ist die von Justus von Liebig 1840 in Gießen entdeckte Pflanzennahrung so teuer geworden? Es kursieren Gerüchte. Eines laute, sagt Bain, das 15 Kilometer lange Förderband eines Bergwerkes für Phosphat in Sibirien, aus dem ein Fünftel der Weltproduktion stamme, sei in die Brüche gegangen; einem anderen Gerücht zufolge stehe ein Minenschacht in Kanada unter Wasser. Auch bei der Kaliproduktion sei es zu Engpässen gekommen. Und die Herstellung von Stickstoffdünger erfordere Erdgas, dessen Preis im Gefolge der Ölpreiserhöhung stetig geklettert ist.
Das sei doch Geplänkel, fährt Robertson auf. Er sieht den Hauptgrund in der Preistreiberei der Produzenten, das meinte er mit der Verwilderung der Geschäftspraktiken. Auf dem Düngemittelmarkt habe ein beispielloser Konzentrationsprozess stattgefunden. BASF und Yara, eine Tochter des norwegischen Konzerns NorskHydro, beherrschten den Markt, in Großbritannien halte Yara fast eine Monopolstellung. Wenn man Dünger bestelle, bekomme man eine Lieferung zugesagt – aber keinen Preis. Wer ein Wort gegen diesen Räuberkapitalismus äußere, werde plattgemacht. Bain könne es sich gar nicht leisten, die Dinge beim Namen zu nennen, sonst werde seine Firma aus der Kundenliste gestrichen.
Der schweigt zustimmend. Robertson sieht nur einen Ausweg, dem Würgegriff der Chemiefirmen zu entkommen. Er will gemeinsam mit anderen Farmern seine Bank dazu überreden, einen Frachter zu chartern, um Dünger in Indien einzukaufen und nach Schottland zu verschiffen. Das käme trotz der durch die Ölpreiserhöhung enorm gestiegenen Frachtkosten immer noch billiger als der überteuerte norwegische Dünger. Die Verlierer bei dem Plan, sollte er Schule machen, wären freilich indische Bauern.
Bis in die frühen sechziger Jahre gehörten Hungersnöte zum indischen Alltag. Dann leiteten Monkombu Swaminathan und der spätere Nobelpreisträger Norman Borlaug, ein Agronom aus dem US-Bundesstaat Iowa, Indiens »grüne Revolution« in die Wege. Sie führten hochergiebige Weizensorten ein, die nur mit reichlichen Kunstdüngergaben gedeihen. Jede Verknappung des Düngers führt zu einer überproportionalen Verringerung der Erträge. Das Gespenst des Hungers, das schon fast besiegt schien, steht wieder auf. In Europa geht es beim Dünger um die Jahresbilanz der Bauern, in Indien geht es ums nackte Überleben.
Jede Geste hat ihre Bedeutung, Kauf oder Verkauf, Datum, Menge, Kunde
Robertson ist ein Farmer mit Herz und Seele, er verabscheut die Aussicht, sein Land nicht zu bestellen. Rein finanziell ist diese Aussicht allerdings verlockend. Die EU zahlt seit 2005 jedem Bauern eine »einheitliche Betriebsprämie«, die sich an der Hofgröße, an Investitionen und seiner Produktion im Stichjahr 2001 bemisst. Für Robertson sind das 53000 Euro. Lohnt es sich da noch, die mit jeder Aussaat verbundenen Risiken einzugehen, wenn die Gewinnspannen eng werden und die Prämie so oder so gezahlt wird?
Wenn er seine Kosten weiter aufrechnet – 20 Euro pro Hektar für Chemikalien, 50 Euro für Maschineneinsatz und 22 Euro für Trocknung und Lagerung –, kommt Robertson mit den Auslagen für Dünger auf 180 Euro pro Tonne. Der gegenwärtig für die Ernte 2009 an der Warenterminbörse Euronext.liffe gehandelte Preis liegt bei 185 Euro. Für seinen Betrieb bedeutete das einen Gewinn von gerade 10000 Euro.
Der Getreidehändler Bain zieht immer mal wieder sein Nokia-N-95-Mobiltelefon aus der Tasche und zappt durch zwei Internetseiten, die der Euronext.liffe und der CBOT.Euronext.liffe. Die vormalige Londoner Terminbörse ist ein seit 2002 europaweit vernetztes elektronisches Handelssystem. Das CBOT wurde 1848 von 82 Kaufleuten als Handelskammer »zur Beförderung unserer legitimen Bestrebungen und einheitlicher Geschäftssitten« ins Leben gerufen. CBOT steht für Chicago Board of Trade. Er kaufe weder an der Euronext.liffe noch beim CBOT Terminkontrakte, erklärt Bain, »wir handeln mit echten Farmern und echtem Weizen«.
Aber er richtet sich dabei nach den Börsen. Es ist 15.20 Uhr. Gerade werden an der Euronext.liffe fünf Verträge für die Lieferung von Futterweizen im November 2008 für 174,50 Euro pro Tonne und sechs Verträge zum Lieferzeitpunkt Mai 2009 für 184 Euro pro Tonne abgeschlossen. »Futures« nennt man das: Geschäfte in der Zukunft, ein Handel mit Gütern, die noch nicht geerntet sind. Sogar Preise für die Aussaat 2009, deren Ernte erst in zwei Jahren auf den Markt kommt, werden schon ausgehandelt.
Auch Bain hat bereits mit dem Einkauf der Ernte 2009 begonnen. Er bekam sechs – bislang fiktive – Lastwagenladungen angeboten, hedging heißen solche Vorausverkäufe. Durch sie wollen Farmer ihr zukünftiges Einkommen festzurren. Noch will keiner der Anbieter zu den von Bain offerierten 193 Euro verkaufen, obwohl er damit über den Notierungen der Euronext.liffe liegt. Sie hoffen auf höhere Preise. Doch das International Grains Council (IGC) in London sagt für dieses Jahr eine Rekordernte voraus, weltweit wurde auf sechs Millionen zusätzlichen Hektar Weizen ausgebracht, eine Zunahme der Anbaufläche um drei Prozent. Allein in Europa werden vermutlich 2,5 Millionen Tonnen mehr als 2007 auf den Markt kommen. Das Wetter ist ideal, die europäische Agrarbürokratie hat die Flächenstilllegung auf Eis gelegt, die meisten Bauern haben jeden freien Hektar bepflanzt. Eine Rekordernte lässt die Preise fallen.
In Australien setzten Regenfälle der langen Dürre ein Ende. Nach zwei Tagen Regen brachen die Weizenpreise um 21 Euro ein. Manche Händler fürchten bereits eine neue Weizenschwemme wie vor zehn Jahren, als die Preise bis auf 80 Euro absackten. So weit werde es wohl kaum kommen, meint Bain. Aber der Markt sei schwer vorherzusagen. Die europäischen Notierungen gelten ihm dabei nur als loser Anhaltspunkt, Chicago ist ihm wichtiger. Warum? »Gute PR. Chicago ist an und für sich nicht der bedeutendste Markt, an den Börsen von Kansas und Minnesota werden größere Mengen Getreide gehandelt. Aber Chicago hat die beste Website. Sie ist einfach zu benutzen und wird rund um die Uhr aktualisiert. Deshalb dient sie der ganzen Welt als Fixpunkt.«
In Chicago gibt es noch einen öffentlichen Auktionshandel, da sitzen die Händler nicht nur am Computer. Da kann man sehen, wie der Markt funktioniert. Der Eggman will sich das anschauen. Er will den Tausende Kilometer von seinem Hühnerhaus entfernten Ort betrachten, an dem der Preis für sein Körnerfutter nicht in Tonnen, sondern in Bushel ausgehandelt wird, einem außer in den USA nirgendwo gebräuchlichen Raummaß, das für Hafer, Gerste, Mais und Weizen jeweils unterschiedlichen Gewichten entspricht.
Das 40-stöckige Art-déco-Gebäude im Stadtzentrum ragt grau in den wolkenverhangenen Himmel, auf seiner Spitze steht eine Aluminiumstatue der römischen Getreidegöttin Ceres. In einem tunnelartigen Gang hasten Menschen in bunten Jacken auf und ab und ziehen sich fieberhaft Zigarettenrauch in die Lungen, bevor sie in einem Glaseingang verschwinden.
Vic Lespinasse empfängt den Eggman am Eingang zum Handelssaal. »Sie haben einen aberwitzigen Tag erwischt«, sagt er. »Mais ist seit heute Morgen fast zwei Prozent teurer geworden, der Preis für Weizen ist um 3,5 Prozent hochgeschnellt.«
Präsident Bush erscheint auf einem riesigen Bildschirm. Der Ton ist abgestellt, man sieht nur die knappen Bewegungen seiner schmalen Lippen. Auslöser der Panik in Chicago war ein noch nie da gewesener Sprung des Rohölpreises um 8,4 Prozent. Der Aufruhr hat alle Märkte ergriffen, der Dollar stürzt ab, die Aktienbörse in New York verliert fast 400 Punkte. Bush versucht offenbar, die Panik durch beschwichtigende Worte zu dämmen.
Eine Schlagzeile der Nachrichtenagentur Reuters läuft über den Ticker. Die katholische Kirche in Argentinien hat die Regierung und die Farmer des Landes, die Straßen blockieren und sich weigern, ihre Produkte zum Markt zu bringen, zur Kompromissbereitschaft ermahnt. An einem Stand des Börsensaals bricht totale Hektik aus. Die Männer und Frauen in den bunten Jacken recken ihre Hände mit aufwärts und abwärts und nach hinten und nach vorn verdrehten Fingern in die Luft, sie schreien und gestikulieren, als ob ein Erdbeben ausgebrochen sei. Doch alles folgt festgelegten Formen. Jede Geste hat ihre Bedeutung, »Kauf« oder »Verkauf«, Datum, Menge, Qualität, Kunde.
»Der Markt braucht Spekulanten«, sagt die Spekulantin säuerlich
Die Zahlen auf der Anzeigetafel für Soja klicken, der Preis stürzt in Minutenschnelle von 16 auf 14 Dollar. Argentinien ist einer der wichtigsten Sojaerzeuger der Welt. Die Aussicht auf Frieden zwischen Bauernstand und Regierung nötigt die Händler, in höchster Eile ihre Verkaufspositionen abzudecken. Der Bischof von Buenos Aires, der das Statement herausgab, hat vermutlich nicht die geringste Ahnung, welche Reaktion sein Aufruf zum Kompromiss in Chicago auslöst.
Lespinasse ist einer der erfahrensten Terminkontrakthändler Chicagos, ein Getreidespezialist, der seit 35 Jahren mit Futures handelt. Er wurde zum Ehrenmitglied der Börse ernannt, was bedeutet, dass er seine Mitgliedschaft verkaufen kann, ohne seinen Status als Mitglied zu verlieren. Er erwarb seine Mitgliedschaft 1974 für 72000 Dollar. Vor einem Jahr hätte er sie für sieben Millionen Dollar verkaufen können, jetzt sei sie nur noch vier bis fünf Millionen Dollar wert, sagt er. »Das ist wie mit allem, die Preise steigen, die Preise fallen.«
Heute ist selbst er ratlos. Zieht der Weizenpreis nach einer zweimonatigen Talfahrt wieder an? Er hat seine Weizenkontrakte zu einem höheren Preis short verkauft, um sie später günstiger zurückzuerwerben und so einen Gewinn zu machen. Heute hat er falsch gesetzt. Setzen sich die ursprünglichen Triebkräfte wieder durch, die schon im März den Boom angeheizt haben? Die Dollarschwäche, der Nachfragedruck aus China und Indien? Oder ist das Wetter schuld?
Wie jeden Morgen hatte Lespinasse nach dem Aufstehen zuerst die Wettervorhersage angesehen, das ist für ihn ein absolutes Muss. Sie prognostizierte für die riesigen Mais- und Weizenanbaugebiete des Mittleren Westens, für Iowa, Kansas und Illinois, erneut Wirbelstürme, Gewitter und Sturzregen. Seit Noah habe es nicht so viel geregnet wie dieses Jahr, sagt er.
Im Büro las er vor Öffnung der Börse wie immer Marktberichte, den Dow-Jones-Newsletter und Reuters-Nachrichten. Er unterhielt sich mit Kollegen und versuchte, deren Annahmen auszuloten. Doch seine wichtigste Quelle sind Tabellen und Graphen, die Marktbewegungen nachzeichnen, aus ihnen versucht er, »tiefere Einsichten zu gewinnen«. Heute kann er sich kein Bild machen.
Im März prophezeite Lespinasse in einem Zirkular für Insider, der Weizenpreis werde weiter steigen, da immer mehr Indexfonds in Termingeschäfte investierten. Sie verzerrten gewohnte Marktbewegungen, argumentierte er, und heizten den Boom an, da sie nicht wie konventionelle Händler ständig, oft in Minutenschnelle, von long auf short umstiegen, sondern ihre Kontrakte von einem Monat zum nächsten weiterrollten, als handele es sich um Aktien. Aber Futures seien keine Anteilsscheine, bei ihnen handele es sich um fiktive Werte. Steigende Aktienwerte bedeuteten steigendes Kapital. Für einen Warenterminhändler spiele es jedoch keine Rolle, ob der Preis steigt oder fällt, er schlage Profit aus der Preisbewegung. Das verstünden die neuen Investoren nicht.
Lespinasse führte als Beispiel den Pensionsfonds des öffentlichen Dienstes in Kalifornien an, der über zwei Jahre 7,2 Milliarden Dollar in Termingeschäfte investieren will. Doch dann sackte der Weizenpreis entgegen seiner Vorhersage von 13 auf unter 8 Dollar pro Bushel ab. Jetzt erklärt er: »Niemand kann den Warenhandel manipulieren. Die von dem schottischen Nationalökonomen Adam Smith beschriebene unsichtbare Hand des Marktes ist stärker.«
Der Eggman hatte in einem Besucherzentrum im Erdgeschoss des Art-déco-Gebäudes die Grundlagen des Terminhandels studiert. Der diene, hatte er dort erfahren, dem Schutz gegen unbeständige Preise für Rohstoffe. Bauern und Getreideeinkäufer könnten ihr Geschäftsrisiko verringern, indem sie ihre Preisrisiken an Börsenhändler weitergäben, die willens und finanziell in der Lage seien, diese Risiken für einen potenziellen Gewinn zu übernehmen.
Vespinasses Kollegin Dagny Kight verwaltet die Börsenkonten von 15 Großbauern. Doch ihren Klienten geht es nicht darum, ihr Geschäftsrisiko zu verringern. »Wir«, sagt Frau Kight und meint damit ihre Firma Citytradefutures, »schließen keine Sicherungsgeschäfte ab. Wir widmen uns ausschließlich der Spekulation.«
Spekulation? Ist das nicht ein ziemlich fragwürdiges Geschäft?
Sie atmet tief durch. »Der Markt«, erklärt sie dann säuerlich, »braucht Spekulanten. Die versorgen ihn mit Liquidität. Jeder, der in den Markt investiert, ist ein Spekulant. Ohne Spekulanten würde er nicht funktionieren. Die Liquidität garantiert Händlern und Farmern überschaubare und stabile Preise.«
Ihre Kunden versorgen also den Markt mit flüssigem Geld, um ihr Einkommen überschaubar zu machen? Dem Eggman schwirrt der Kopf.
Nein, führt sie geduldig aus, das seien zwei Paar Stiefel. Ihre Klienten sicherten wie fast alle heutigen Bauern ihr Farmeinkommen durch im Voraus mit Lagerhäusern geschlossene Terminverträge ab. Die Lagerhäuser geben ihr Risiko an Spekulanten weiter, die an der Börse tätig sind. Bei den von ihr für ihre Klienten verwalteten Mitteln handele es sich dagegen um privates Vermögen, mit dem die einen Extragewinn zu erzielen versuchten.
Um destillierten Mais als Biosprit ist ein Glaubenskrieg ausgebrochen
Widerspricht die eine Aktivität nicht der anderen? Offenbar nicht. In der Theorie, erläutert Frau Kight dem ahnungslosen Hühnerhalter, deckten sich die zu einem bestimmten Zeitpunkt im Direkthandel erzielten Getreidepreise in etwa mit den Preisen, die Spekulanten im Voraus für diesen Zeitpunkt ausgehandelt haben. Daran könne man sehr einfach messen, ob das System funktioniere. Gegenwärtig, setzt sie hinzu, sei das allerdings nicht der Fall, da bestehe eine beträchtliche Divergenz. Die realen Getreidepreise seien viel höher als die von der Börse vor einem Jahr angenommenen Werte. »Das ist ungewöhnlich und unerwünscht. Niemand weiß, was der Grund dafür ist.«
Der Eggman fährt in die Prärie des Mittleren Westens, wo Farmer ein Fünftel der Weltproduktion des Mais anbauen und angeblich mit Futures spekulieren. »Spekulieren?« Jeff Becker grient. »Das ist ein gefährliches Terrain. Ich habe es versucht und mir die Finger verbrannt. Wir sagen immer, wenn in Chicago schlechtes Wetter ist, steigen die Preise. Mit der Situation hier draußen hat das wenig zu tun. Spekulation ist nichts für Farmer. Ich kenne einige, die ihre Höfe dabei verloren haben.«
Becker, ein zupackender Charakter in Bluejeans und kurzärmeligem kariertem Hemd, 36 Jahre alt, lacht gerne und ist stolz auf das, was er geschaffen hat. Seine Vorfahren waren vor 200 Jahren aus Ostfriesland in die USA eingewandert, er übernahm vor 14 Jahren von seinem Großvater dessen 100 Hektar großen Hof. Jetzt beackert er 1200 Hektar – zwölf Quadratkilometer. Die Felder ziehen sich endlos über das leicht gewellte Land, dessen Horizonte nur hier und da von silbern glänzenden Silos und vereinzelten Waldstücken unterbrochen werden. Donald Robertsons schottische Weizenfarm ist verglichen damit ein altertümlicher Bauernhof. Aber sein Hof sei immer noch eine family farm, sagt Becker, sie gehört ihm und seiner Frau, die beiden haben zwei kleine Kinder.
Die meisten Äcker hat er gepachtet, manche liegen über 30 Kilometer vom Hof entfernt. Auf knapp 1000 Hektar baut er Mais an, den zweitwichtigsten Bestandteil im Hühnerfutter des Eggman. Wenn die Arbeit drängt, sitzen er und Craig Pannkuk, der Vetter seiner Frau, oft 100 Stunden in der Woche auf den Maschinen. Zur Ernte heuert er zwei zusätzliche Maschinisten an.
2007, berichtet Becker, sei ein hervorragendes Jahr gewesen, jeder Hektar warf 600 Bushel ab, 150 Bushel mehr als die Durchschnittsernte. Doch dieses Jahr wären 450 Bushel »ein Geschenk des Himmels«. Er schaut zum regenschweren Himmel auf, er blickt über durchweichte Äcker. Die Maispflanzen sollten gut 30 Zentimeter hoch sein, sie sind kaum halb so groß und teils gelblich angelaufen. 150 Bushel weniger pro Hektar bedeuten ein Minus von 300 Lastwagenladungen oder, beim gegenwärtigen Marktpreis, 1,7 Millionen Dollar.
Becker verkauft gut zwei Drittel seiner Ernte ein bis zwei Jahre im Voraus durch »hedge-to-arrive«- Verträge, die ein Makler für ihn abschließt. Wie die funktionieren? Hmm. Becker holt zwei Flaschen Mineralwasser aus einer Kühltruhe im Maschinenschober. Also, das sind Verträge, die man auf eine Dezemberlieferung abschließe, aber monatlich bis auf den folgenden Juli umschreiben könne, wobei man von der Kursdifferenz profitiere und zusätzlich Zinsgewinne mache, solange man seine Lagerkosten niedrig halte. Der Eggman schaut begriffsstutzig drein.
Becker lacht. Es sei unmöglich, sagt er, das in der Theorie zu begreifen. Er habe das System erst verstanden, nachdem er sich ein paarmal schwer verhauen habe. »Ich musste einige ziemlich hohe Schecks ausstellen. Danach lernte ich sehr schnell, wie man richtig damit umgeht.«
Für die Ernte 2007 erhielt er 2,70 bis 3,20 Dollar pro Bushel, weniger als die Hälfte der Cashpreise zum Lieferzeitpunkt. Die Spekulanten in Chicago strichen die andere Hälfte ein – um die 1,8 Millionen Dollar. Wurmt ihn das nicht? »Nein. Ich verliere dabei ja nichts. Meine Kalkulationen basieren auf Kosten, die ich im Voraus kenne, und auf einem berechenbaren Mindesteinkommen.«
Das letzte Drittel seiner Ernte, das er behalten hat, verkauft er jetzt zum aktuellen Marktpreis von über sieben Dollar pro Bushel auf dem offenen Markt. Abseits des Hofs steht neben vier haushohen Silos eine Lagerhalle, die fast die Fläche eines Fußballfeldes bedeckt. Craig Pannkuk schiebt mit einem riesigen Schaufellader gelbe Kornberge in einen Fördermechanismus, der in Minutenschnelle einen Sattelzug volllädt. Die Fahrt geht 80 Kilometer nach Fulton am Mississippi, alle paar Minuten begegnet er anderen Trucks, er winkt jedem zu, er kennt sie alle. Jeder gehört einem anderen Farmer. In Fulton lenkt Pannkuk seinen Lastzug in das Hafenterminal des Futtermittelkonzerns Agri-King, er steuert das Gefährt über eine Schachtgrube, öffnet eine Falltür, der über zehn Meter lange Hänger entleert sich in Sekundenschnelle. Durch ein unterirdisches System gelangt das goldene Getreide auf Lastkähne am Flussufer.
Manchmal fährt Pannkuk über eine Stahlbrücke hinüber nach Clinton im benachbarten Bundesstaat Iowa, dort zieht sich am Ufer des großen Flusses eine fast zwei Kilometer lange Fabrikanlage hin, sie gehört einem der größten landwirtschaftlichen Konzerne der Welt. Mais ist nicht nur ein Grundstoff für Cornflakes und Tierfutter, sondern auch für Industriealkohol sowie Färbe- und Naturheilmittel, für Wodka, Whiskey – und Treibstoff.
Um die Verbrennung von destilliertem Mais in Automotoren ist ein regelrechter Glaubenskrieg ausgebrochen. An den Straßen von Illinois stehen Schilder mit Aufschriften wie »Biodiesel – der Weg zur Befreiung von ausländischem Öl« und Werbetafeln für Biotechnologie, »die mehr Ethanol pro Hektar erbringt«.
Wissenschaftler der Universität Minnesota betitelten dagegen einen Artikel im angesehenen Journal Foreign Affairs mit »Wie Biotreibstoffe die Armen der Welt in den Hunger treiben können«. Der UN-Sonderberichterstatter Jean Ziegler geißelt den amerikanischen Biosprit-Boom gar als »Verbrechen gegen die Menschlichkeit.«
Präsident Jimmy Carter hatte den Boom 1977 angeschoben, als Ethanol in Europa noch ein Fremdwort war. Die Verwendung von Getreide als Kraftstoff kam in den neunziger Jahren zwar auch hier in Mode, vor allem als Mittel zur Abwendung der Klimakatastrophe. Doch die Entwicklung in den USA ist der in Europa weit voraus.
Washington subventioniert jeden Liter Biotreibstoff mit 15 Cent. Die meisten Bundesstaaten haben Mindestmengenverordnungen für Ethanol festgelegt. An Tanksäulen weisen Aufkleber darauf hin, dass dem Benzin bis zu 10 oder bis zu 20 Prozent des pflanzlichen Sprits beigemengt wurde. Allein in Illinois gewinnen 106 Raffinerien Treibstoff aus Mais, 60 Anlagen sind im Bau und 40 weitere geplant. In ganz Europa stellen bislang weniger als 20 Firmen Biotreibstoffe her.
Becker fährt auf seiner Farm mit einen GMC Sierra herum, der 85 Prozent Ethanol und 15 Prozent Benzin verbrennt. Bei einem so hohen Ethanolanteil muss der Motor modifiziert werden. Sämtliche amerikanische Autohersteller liefern modifizierte Modelle, es gibt auch vier kompatible Japaner, aber keinen einzigen dafür geeigneten europäischen Wagen.
Umweltschützer warnen vor gentechnisch veränderten Sorten
Seit sich der Ölpreis in den letzten zwölf Monaten verdoppelt hat, sind Ethanolfabriken äußerst profitabel. Der um den Preis seines Hühnerfutters besorgte Eggman erkundigt sich bei dem Direktor einer Anlage unweit von Beckers Farm, ob es ethisch denn vertretbar sei, Mais in Sprit anstatt in Lebensmittel zu verwandeln, während in Afrika immer mehr Menschen wegen der schwindelerregenden Lebensmittelpreise hungerten. »Das ist eine schwierige Frage«, gesteht der ein. »Ich kann Ihnen darauf keine Antwort geben.«
Aber er habe ein untrügliches Gefühl, setzt er gleich hinzu, dass von Ölkonzernen geheuerte Lobbygruppen versuchten, die Ethanolindustrie zu desavouieren. Es sei unwahr, dass Biotreibstoffe den Rohstoff Mais völlig der Nahrungsmittelproduktion entzögen. Als Nebenprodukte fallen eine Maische und ein goldgelbes Streufutter an. Das Streufutter, es heißt DDGS für »Getrocknetes Destillatgetreide mit löslichen Grundstoffen«, kostet 160 Dollar pro Tonne, die Hälfte des in Europa für Tierfutter handelsüblichen Preises. Die Maische liefert er an örtliche Milchviehbetriebe, das DDGS verschifft er in Containern nach Japan, China und Taiwan.
Warum nicht nach Europa? »Wegen der Einfuhrsperre für gentechnisch modifizierte Sorten.«
Derartige Getreidesorten, behaupten Umweltorganisationen, würden Europas Flure in »grünen Beton« verwandeln, in eine »sterile und leblose Landschaft«. Der Konsum von aus ihnen gewonnenen Lebensmitteln, erklären sie, könnten gesundheitsschädliche Folgen haben, deshalb sollte man sie vorsorglich nicht essen. Für Becker ist die Gentechnik eine Frage der Wirtschaftlichkeit. GM-Sorten produzieren bis zu einem Fünftel höhere Erträge. Außerdem braucht er sie nicht gegen Maiszünsler und Maiswurzelbohrer zu spritzen, dagegen sind die Pflanzen resistent. Aber ist es nicht abzusehen, dass die Schädlinge sich den veränderten Bedingungen anpassen?
»Wir müssen«, erwidert er, »20 Prozent unserer Flächen als Auffangbecken mit konventionellen Sorten bepflanzen. Das heißt Resistenzsteuerung. Ich weiß, dass einige Farmer sich nicht daran halten. Dafür befolgen andere die Vorschriften bis aufs i-Tüpfelchen. Im Großen und Ganzen scheint das zu funktionieren.«
Zurück in Schottland fährt der Eggman bei seinem Lagerhaus in Inverness vorbei, um ein paar Säcke Hühnerfutter mitzunehmen. MacIver »Mackie« Ross lädt sie ein und lobt wie üblich das großartige Wetter. Der Preis ist wegen der amerikanischen Sintflut weiter gestiegen, auch wenn der Mais aus Frankreich und Brasilien stammt. Der Weltmarkt reicht freilich nicht nur über den Preis bis in den Hühnerhof des Eggman. Auch französischer Mais enthält oft genmanipulierte Reste – und die dürfen in der EU gehandelt werden.
- Datum 12.1.2009 - 18:40 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.06.2008 Nr. 27
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1.Energie ist die Basis ALLER Preise - ohne Energie entsteht NICHTS, und ohne Zufuhr von Energie wird aus keinem Rohstoff eine Ware.Der Endpreis JEDER Ware ist die Summe der bezahlten Energie hierfür (unbehandelte Rohstoffe gibt es gratis).2. Komischerweise gehen aber alle Ökonomen davon aus, dass der MENSCH kein Energieverbraucher ist und der Preis für menschliche Arbeit (Lohn/Gehalt) zwar mit dem Endpreis jeder Ware zu tun hat, aber eben dieser Preis nichts mit Energie bzw. dem Preis für Energie.Als Beispiel: Der Energieaufwand für Produkte wird mit der DIN 4600 errechnet, aber der Anteil der menschlichen Arbeit wird hier an keiner Stelle miteinbezogen - Menschen "fallen vom Himmel" - nur Kosten entstehen.Das ist zwar Unsinn, aber Ökonomen denken so.Richtig ist natürlich dass "der Mensch" eine bestimmbare Menge an Energie verbraucht, um sich selbst und seine Kinder (inklusive Ausbildung ff) und natürlich die Älteren zu versorgen,und das der Lohn bzw. das Gehalt dafür verwendet wird, Energie zu verbrauchen bzw. Produkte zu konsumieren, die mit Energie hergestellt wurden,und der Preis für Arbeit korrespondiert letzten Endes mit dem Preis für all diese Produkte.Wird Energie teurer, dann werden Lebensmittel und alles Weitere Lebensnotwendige teurer, und dann gibt es nur 2 Möglichkeiten:1. Konsumverzicht wenn es noch geht oder2. Arbeitspreiserhöhungen.Zur Zeit wird in Europa der Konsum drastisch zurück gefahren - da können die Preise im Großen noch einigermaßen stabil gehalten werden, aber irgendwann ist auch Konsumverzicht nicht mehr möglich.In "Dritte Weltländern" ist der Konsumverzicht bereits maximal,und da sind ALLE Preise bereits analog zum Energiepreis gestiegen (+80%)..In Europa ist noch für ein paar Jahre Konsumrückgang möglich, aber sehr bald wird auch hier die Inflationsrate mit dem Energiepreis direkt korrespondieren.
Energie ist natürlich die Basis allen Lebens. Aber ist das denn die Frage die der Artikel aufwirft?Sicherlich ist eine Eigenschaft des modernen Marktes, dass die Energieformen immer leichter zu transformieren sind. D.h. es kann auch Benzin aus Pflanzen gewonnen werden - daher wird der Energiegehalt von Nahrungsmitteln immer wichtiger für die Bestimmung von Preisen. Weizen konkuriert nun also auch mit anderen Energieträgern, wie Gas und Erdöl. Ebenfalls fließen Öl und Gas in die Produktion von Düngemitteln ein - hier entstehen den Produzenten kosten für die Förderung und den Transport der Dünger.Ähnliche Kosten entstehen auch dem Faktor Mensch - vor allem die Mobilität verbraucht mehr Energie.Unsere gesamte Wirtschaft hängt also von einigen wenigen Basisrohstoffen ab - nun ist die Frage - steigen die Preise bei Öl und Gas wirklich wegen der gestiegenen NAchfrage - oder sind andere Umstände dafür verantwortlich?z.B. Marktkonzentration, Ölpreiskartell, Dollarschwemme, Stillegungsprämien, Klimaerwärmung, schleche Ernten, Instabile Regionen wie Iran, Irak - usw.Die wesentliche Frage sollte also lauten - wer verdient am jetzigen Zustand? Sind es die Erdölförderländer? Rohstoffproduzenten? Betreibergesellschaften? Hier bleibt der ansonsten sehr gute Artikel einige Antworten schuldig - auch die dumme Unterstellung bezüglich des Genmaises sind hier fehl am Platz - Genmanipulierte Sorten als Lösung unserer Probleme? Ich möchte den Mist nicht essen und ich möchte Ihn auch nicht als nicht deklarierte beimischung in mein Essen.
ist nicht nur eine Frage von Dotter und Eigelb, sondern von Dünger, Umweltkatastrophen und Börsenspekulation. Ist schon interessant, wie wenig das beim täglichen Konsum interessiert, was alles in der Welt des Ei passiert.
BZ
Energie ist natürlich die Basis allen Lebens. Aber ist das denn die Frage die der Artikel aufwirft?Sicherlich ist eine Eigenschaft des modernen Marktes, dass die Energieformen immer leichter zu transformieren sind. D.h. es kann auch Benzin aus Pflanzen gewonnen werden - daher wird der Energiegehalt von Nahrungsmitteln immer wichtiger für die Bestimmung von Preisen. Weizen konkuriert nun also auch mit anderen Energieträgern, wie Gas und Erdöl. Ebenfalls fließen Öl und Gas in die Produktion von Düngemitteln ein - hier entstehen den Produzenten kosten für die Förderung und den Transport der Dünger.Ähnliche Kosten entstehen auch dem Faktor Mensch - vor allem die Mobilität verbraucht mehr Energie.Unsere gesamte Wirtschaft hängt also von einigen wenigen Basisrohstoffen ab - nun ist die Frage - steigen die Preise bei Öl und Gas wirklich wegen der gestiegenen NAchfrage - oder sind andere Umstände dafür verantwortlich?z.B. Marktkonzentration, Ölpreiskartell, Dollarschwemme, Stillegungsprämien, Klimaerwärmung, schleche Ernten, Instabile Regionen wie Iran, Irak - usw.Die wesentliche Frage sollte also lauten - wer verdient am jetzigen Zustand? Sind es die Erdölförderländer? Rohstoffproduzenten? Betreibergesellschaften? Hier bleibt der ansonsten sehr gute Artikel einige Antworten schuldig - auch die dumme Unterstellung bezüglich des Genmaises sind hier fehl am Platz - Genmanipulierte Sorten als Lösung unserer Probleme? Ich möchte den Mist nicht essen und ich möchte Ihn auch nicht als nicht deklarierte beimischung in mein Essen.
Das erhöhte Nachfrage oder Verknappung von Waren zu Verteuerung führen ist eine Binsenweisheit.
Doch reicht die Verknappung allein nicht als Erklärungsmuster aus, dafür wird nach wie vor ausreichend Öl, sowie landwirtschaftliche Erzeugnisse produziert.
Als Laie scheint mir folgende Erklärung plausibel (es wäre interessant, was Volkswirte dazu zu sagen hätten):
Die stark überproportionale Verteuerung ist eine Folge erhöhter Buchgeldschöpfung durch Überwertung von Anlagen bzw. Hebelfinanzierungen und Hedgefonds, welches von den Zentralbanken nicht ausreichend kontrolliert wurde.
Der kleine Satz: "Lebenversicherungen kaufen sich in Farmland ein" ist der eigentliche Schlüsselsatz.
Seit der Subprimekrise droht das Kartenhaus von aufgeblasenem Buchgeldvermögen zusammenzubrechen und sucht deshalb "reale" Anlagemöglichkeiten und treibt damit die Preise in allen Rohstoffmärkten, weil Kredite oder Zahlungs- bzw. Renditeversprechen erfüllt werden müssen.
Dieser Buchgeldüberhang springt von einem Markt in den nächsten in der Hoffnung, dass Schneeballsystem am Laufen zu halten bis eine neues Gleichgewicht gefunden wird, um einen Zusammenbruch des Weltfinanzsystems zu verhindern.
Der Kapitalismus ist aus dem Gleichgewicht geraten, da er der Kontrolle der Zentralbanken und Kartellbehörden entglitten ist.
Der/die Staaten haben zwar formal ihre Aufgabe erfüllt, aber nicht im Sinne der tradierten Vorschriften. Sowohl Kartellbildung, als auch Geldschöpfung jenseits der Zentralbanken durch überbewerte Anlagen wurden nicht kontrolliert bzw. verhindert.
Da diesen Buchgeldern auch Buchwerte gegenüberstanden konnten Sie mit mitteln der Geldpolitik auch nicht wirksam begrenzt werden.
Man konnte auch in dieser Zeitung nachlesen, dass überall auf der Welt Kapital auf der Suche nach rentablen Anlagemöglichkeiten war/ist. Für mich ein sicheres Indiz für eine Geldschöpfung auf der Kapitalseite. Ebenso ließe sich dadurch auch der Lohndruck erklären, da bei Geldwertstabilität auf der anderen Seite das Geldwachstum reduziert werden muss.
Vermutlich wäre es am einfachsten Inflation hinzunehmen und durch Lohnausgleich zu kompensieren, damit das Buchgeldvermögen wieder auf ein Normalmaß schrumpft. Doch steht dem das zukünftige Versorgungsbedürfnis einer überaltertenden Gesellschaft gegenüber, die sich über Vermögensbildung den Zugriff auf die Ressourcen von morgen sichert, um die sinkende Wertschöpfung zu kompensieren, die den Wohlstand einer alternden Gesellschaft bedroht.
Berthold Grabe
@BGrabeJa, die Verknappung reicht
aus um das zu erklären. Wenn der Preis niedriger wäre, als er jetzt ist würden
die Verbraucher noch mehr kaufen. Da dieses „mehr“ nicht existiert müßte man
eine Rationierung einführen was weder gerecht gemacht werden kann noch den
Marktgesetzen entspricht. Ihre Argumentation geht ungefähr in die Richtung wie
die Spiegel-Leitstory „Die Preistreiber“. Daher antworte ich jetzt mit einem
Leserbrief den ich auf diesen Artikel geschrieben habe, der allerdings nicht
gedruckt wurde, und der begründet warum, zumindest die Ölpreise genau so sein
müssen wie sie sind: Alleine in dem Monat Mai
2008 sind die Amerikaner 17,7 mrd. Kilometer weniger Auto gefahren als ein Jahr
zuvor. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,555926,00.html
Bei den spritfressenden amerikanischen Automodellen sind das weit über 2
Milliarden Liter oder ca. 12 Millionen Barrel Benzin. Wäre der Rohölpreis nicht
im gleichen Zeitraum von 70 auf 125 $ angestiegen sondern konstant geblieben,
hätten diese 12 Millionen Barrel (ca. 0,5% der weltweiten Monatsförderung)
gefehlt. In nur einem Monat und nur unter US-Autofahrern. Wie viele Barrel
andere Staaten und Zielgruppen mehr verbraucht hätten lässt sich kaum
abschätzen. Und wer hätte diese Nachfrage bedienen können? Versteckt irgendwer
Öl? Nehmen Spekulanten das Öl einfach weg? Nein, sie müssen das Öl, dass
zwischenzeitlich Ihr Eigentum war, spätestens in dem Moment verkaufen in dem es
ausgeliefert wird. Und dann entscheidet die Nachfrage und das Angebot über den
Preis. Wenn der Preis aufgrund von nicht richtig zu erklärender
Spekulantenmagie zu hoch wäre, würde der Markt weniger kaufen als angeboten
werden würde. Das ist aber nicht der Fall. Es musste noch kein Supertanker
wieder zurück in den Nahen Osten ohne, dass er entleert wurde. Die Öllager in
Europa und Amerika quellen nicht über.Nur weil amerikanische
Medien 2002 und 2003 tausende Male wiederholt haben, dass der Irakkrieg wegen
dem 11.September nötig ist, heißt das nicht, dass dieses stimmt. Nur weil
Politiker und Ölproduzenten jetzt die Spekulanten als Sündenbock ausgemacht
haben heißt das nicht, dass das richtig ist auch nicht, nachdem man es zum 2000sten
Mal gehört hat. Wäre der Ölpreis jetzt noch auf dem Niveau von vor einem Jahr
wäre die Nachfrage erheblich größer als das Angebot und auf der ganzen Welt
würden Menschen an Tankstellen auf den nächsten Tanklastwagen warten und oft
leer ausgehen wie es bis vor kurzem noch in China der Fall war. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,560868,00.htmlSpekulanten haben kein
Perpetomobile erschaffen, sie haben keinen Trick um die Marktgesetze
auszuhebeln. Alles was sie kaufen müssen sie kurz darauf wieder verkaufen. Die
Nachfrage die sie schaffen ist zwangsweise genau so hoch wie das Angebot, dass
sie verkaufen.Das der Anstieg des Handels
mit einem Anstieg der Preise in den letzten Jahren korreliert ist eine
Tatsache, allerdings heißt, das nicht, dass das eine für das andere
verantwortlich ist. Der Handel mit Futures und Derivaten ist kontinuierlich
seit den 60ern explosionsartig gestiegen, auch zwischen 1985 und 1999 als der
Rohöl-Preis von 30 auf 11 $ gefallen ist. Nur damals ist das Angebot schneller
gestiegen als die Nachfrage. Die Spekulanten haben damals wie heute keinen
signifikanten Einfluss auf das Preisniveau gehabt.Der Vergleich mit der
Spekulationsblase auf dem neuen Markt hinkt. Anders als Aktien oder Gold kann
man Rohöl nicht in großem Maßstab horten. Spekulanten können durch Ihre
Nachfrage den Preis von Öl beeinflussen, das erst in mehreren Monaten auf den
Markt kommt. In dem Moment, in dem der Öltanker in Amsterdam gelöscht wird,
sind aber auch die Spekulanten der tatsächlichen Nachfrage nach Öl
ausgeliefert, die dann den Preis bestimmt, den wir zahlen müssen. Da die Ölproduzenten
scheinbar nicht in der Lage sind das Angebot nennenswert zu erhöhen gibt es nur
noch einen der den Anstieg des Ölpreises reduzieren kann. Der Verbraucher in
dem er weniger verbraucht. Statt Schuldige für den Ölpreis zu suchen sollten
sie lieber eine Kolumne schreiben die zu Energie-sparen anregt.
vor allem nach dem ich einen 16-Seitigen Artikel in einer
angesehenen deutschen Zeitschrift gelesen habe in dem die Autoren nicht einmal
das Prinzip von Angebot und Nachfrage begriffen haben, in dem die Korrelation
von steigenden Spekulationen und steigendem Preis als Beweis dafür genommen
wurde, dass das eine das andere verursacht, in dem nicht einmal begriffen wurde
das Güter die verbraucht werden zumindest zum Zeitpunkt des Verkaufes an den
Endverbraucher keiner Spekulationsblase unterliegen können…Nach dem Artikel und allem anderen was derzeit geschrieben
wurde ist dieser Artikel eine wahre Wohltat. Geschrieben mit viel
wirtschaftlichem Verstand und trotzdem nicht abgehoben und für die
Allgemeinheit verständlich.Danke!!!
@BGrabeJa, die Verknappung reicht
aus um das zu erklären. Wenn der Preis niedriger wäre, als er jetzt ist würden
die Verbraucher noch mehr kaufen. Da dieses „mehr“ nicht existiert müßte man
eine Rationierung einführen was weder gerecht gemacht werden kann noch den
Marktgesetzen entspricht. Ihre Argumentation geht ungefähr in die Richtung wie
die Spiegel-Leitstory „Die Preistreiber“. Daher antworte ich jetzt mit einem
Leserbrief den ich auf diesen Artikel geschrieben habe, der allerdings nicht
gedruckt wurde, und der begründet warum, zumindest die Ölpreise genau so sein
müssen wie sie sind: Alleine in dem Monat Mai
2008 sind die Amerikaner 17,7 mrd. Kilometer weniger Auto gefahren als ein Jahr
zuvor. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,555926,00.html
Bei den spritfressenden amerikanischen Automodellen sind das weit über 2
Milliarden Liter oder ca. 12 Millionen Barrel Benzin. Wäre der Rohölpreis nicht
im gleichen Zeitraum von 70 auf 125 $ angestiegen sondern konstant geblieben,
hätten diese 12 Millionen Barrel (ca. 0,5% der weltweiten Monatsförderung)
gefehlt. In nur einem Monat und nur unter US-Autofahrern. Wie viele Barrel
andere Staaten und Zielgruppen mehr verbraucht hätten lässt sich kaum
abschätzen. Und wer hätte diese Nachfrage bedienen können? Versteckt irgendwer
Öl? Nehmen Spekulanten das Öl einfach weg? Nein, sie müssen das Öl, dass
zwischenzeitlich Ihr Eigentum war, spätestens in dem Moment verkaufen in dem es
ausgeliefert wird. Und dann entscheidet die Nachfrage und das Angebot über den
Preis. Wenn der Preis aufgrund von nicht richtig zu erklärender
Spekulantenmagie zu hoch wäre, würde der Markt weniger kaufen als angeboten
werden würde. Das ist aber nicht der Fall. Es musste noch kein Supertanker
wieder zurück in den Nahen Osten ohne, dass er entleert wurde. Die Öllager in
Europa und Amerika quellen nicht über.Nur weil amerikanische
Medien 2002 und 2003 tausende Male wiederholt haben, dass der Irakkrieg wegen
dem 11.September nötig ist, heißt das nicht, dass dieses stimmt. Nur weil
Politiker und Ölproduzenten jetzt die Spekulanten als Sündenbock ausgemacht
haben heißt das nicht, dass das richtig ist auch nicht, nachdem man es zum 2000sten
Mal gehört hat. Wäre der Ölpreis jetzt noch auf dem Niveau von vor einem Jahr
wäre die Nachfrage erheblich größer als das Angebot und auf der ganzen Welt
würden Menschen an Tankstellen auf den nächsten Tanklastwagen warten und oft
leer ausgehen wie es bis vor kurzem noch in China der Fall war. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,560868,00.htmlSpekulanten haben kein
Perpetomobile erschaffen, sie haben keinen Trick um die Marktgesetze
auszuhebeln. Alles was sie kaufen müssen sie kurz darauf wieder verkaufen. Die
Nachfrage die sie schaffen ist zwangsweise genau so hoch wie das Angebot, dass
sie verkaufen.Das der Anstieg des Handels
mit einem Anstieg der Preise in den letzten Jahren korreliert ist eine
Tatsache, allerdings heißt, das nicht, dass das eine für das andere
verantwortlich ist. Der Handel mit Futures und Derivaten ist kontinuierlich
seit den 60ern explosionsartig gestiegen, auch zwischen 1985 und 1999 als der
Rohöl-Preis von 30 auf 11 $ gefallen ist. Nur damals ist das Angebot schneller
gestiegen als die Nachfrage. Die Spekulanten haben damals wie heute keinen
signifikanten Einfluss auf das Preisniveau gehabt.Der Vergleich mit der
Spekulationsblase auf dem neuen Markt hinkt. Anders als Aktien oder Gold kann
man Rohöl nicht in großem Maßstab horten. Spekulanten können durch Ihre
Nachfrage den Preis von Öl beeinflussen, das erst in mehreren Monaten auf den
Markt kommt. In dem Moment, in dem der Öltanker in Amsterdam gelöscht wird,
sind aber auch die Spekulanten der tatsächlichen Nachfrage nach Öl
ausgeliefert, die dann den Preis bestimmt, den wir zahlen müssen. Da die Ölproduzenten
scheinbar nicht in der Lage sind das Angebot nennenswert zu erhöhen gibt es nur
noch einen der den Anstieg des Ölpreises reduzieren kann. Der Verbraucher in
dem er weniger verbraucht. Statt Schuldige für den Ölpreis zu suchen sollten
sie lieber eine Kolumne schreiben die zu Energie-sparen anregt.
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