MusikerporträtFrau Grimauds Wunsch zu verschwinden

Hélène Grimaud ist nicht nur eine der erfolgreichsten Pianistinnen der Welt, sondern auch eine der extravagantesten. Am Wirbel um ihre Person wäre sie fast verzweifelt von Christine Lemke-Matwey

Das Malheur war natürlich abzusehen. Wie ein dicker Blutstropfen arbeitet sich die Erdbeermarmelade zwischen dem hohen H und dem hohen C mit der Schwerkraft nach unten. Wer setzt sich auch morgens um halb zehn mit einem schuhsohlengroßen Erdbeermarmeladenbrot an einen Steinway.

Eno, der alte Schäferhund, der Hélène Grimaud eine Zeit lang auf ihren Reisen begleitet, hat seine Freude daran. Schleckt mit rauer Zunge fast das ganze süße rote Zeug weg, pling, pling macht das H, kling, kling macht das C, die Reißzähne des Rüden schimmern so weiß wie die Tasten. Grimaud springt auf, kramt in der Küche nach einer Rolle Küchenpapier. "Entsetzliche Vorstellung", ruft sie lachend, "ausgerechnet diese beiden Töne würden zusammenkleben!" Der Halbtonschritt, das Intervall der kleinen Sekunde, gilt als dem menschlichen Ohr besonders schmerzhafte Dissonanz. Weil es wehtut, einander so nah zu sein und sich nicht zu verstehen. Das ist genauso schizophren wie: dauernd im Rampenlicht zu stehen und sich doch allein zu fühlen, vielleicht sogar einsam.

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15 Jahre liegt die Marmeladen-Episode zurück, damals im Münchner Westend, und gilt noch immer. Grimaud hat sich in die eigenen Extreme, die Krisen, die Dissonanzen einfach nur weiter hineingebohrt. Heute ist sie eine der erfolgreichsten Pianistinnen der Welt.

Hélène Grimaud: "die Philosophin am Klavier", "die mit den Wölfen tanzt". Wild und kühl, sirenisch, rätselhaft. Eine Frau, zweifellos, der starken Worte. Wie kleine Teufel springen sie einem mitunter ins Gesicht. Einsamkeit, so liest man dann in Interviews, sei die Voraussetzung für Erkenntnis, sei ihre Droge. Oder: Größe sei die Größe des Mitmenschen.

Die Branche zeigt sich angesichts solcher Offenbarungen eher irritiert. Die einen rühmen Grimauds Ernst, ihre Schönheit und die Tiefe ihrer musikalischen Gedanken. Die anderen behaupten, ihr Spiel sei technisch anfechtbar, ihr Anschlag "hysterisch", und Karriere habe sie weniger mit der Musik als mit ihrer Biografie gemacht (Künstlerinnen gegenüber ein beliebtes Argument).

Gleichwohl oder gerade deswegen gehört Hélène Grimaud heute neben Anne-Sophie Mutter, Anna Netrebko & Rolando Villazón und Lang Lang zu den zugkräftigsten Pferden im Stall des Plattenlabels Deutsche Grammophon. Rund 100 Konzerte pro Jahr zwischen Los Angeles, Moskau und Baden-Baden, Tel Aviv und Caracas sichern ihren Marktwert – ein Status, um den es täglich neu zu kämpfen gilt. Am Klavier, ja, da sowieso. Aber auch in Hochglanzmagazinen, Talkshows und TV-Porträts, die sich Mein Leben nennen und zwischen Zoobesuchen und Taxifahrten selbst den Weg ins Schlafzimmer nicht scheuen.

Ein Spagat, ein Spiel, der programmierte Ausverkauf der Seele? "Musik ist nie nur einfach", hält die Pianistin dagegen, und schon hüllt sie einen wieder ein, in die nächste Sprachkaskade. Obwohl sie eigentlich lieber zuhört, wie sie sagt, kann sie sehr wohl reden. Über ihre "Sehnsucht nach Tiefe" und welche Gefahren darin liegen; über die Notwendigkeit des schöpferischen Zweifels und dass Klavierspielen nichts anderes bedeutet, als "immer wieder zu spielen", es beim nächsten Mal unbedingt besser machen zu wollen. Und über das "Unberührte", das es zu entdecken gilt, in der Musik, im Leben.

Damals in München, in der Wohnung eines kauzigen walisischen Pianisten-Gurus, trug Grimaud schlackernde Hosen und Kragen bis unters Kinn, sprach in einem irrwitzigen (französischen) Tempo ein mit irrwitzig vielen Redewendungen gespicktes Englisch, und ihre Haare kräuselten sich in dauergewelltem Mittelblond. Eine knabenhafte, sich den Klischees von "Frauen am Flügel" ganz selbstverständlich verweigernde Erscheinung – die auf dem Podium sonderbarerweise keine Ekstase scheute: Da schnaufte und stöhnte es, als wollte sie Glenn Gould posthum noch Konkurrenz machen, da flog das Haupt in sämtliche Himmelsrichtungen, und aufs Pedal stieg sie wie ein Tambourmajor. Bekenntnis oder Show? Jugendlicher Überschwang, klassische Virtuosenschule oder die pure Lust am Verwirrspiel der Gesichter?

Leserkommentare
    • revm
    • 28. Juni 2008 16:50 Uhr

    Tut mir Leid, der Artikel fängt recht gut an, die kleine Anekdote, aber dann die Aneinanderreihung von Plattheiten wie "Musik ist universell." oder das schauerliche sinnieren über Leben und Tod. Nach zweieinhalb Seiten, habe ich aufgehört zu lesen, obwohl ich mit wirklichem Interesse begonnen habe zu lesen.

    • rabin
    • 29. Juni 2008 10:52 Uhr

    Sicher, Helene Grimaud , ist ein medial hervorragend vermarktbarer Star. Sie sieht gut aus, ja fabelhaft, dann die Geschichte mit den Wölfen- und man glaubt ihr vielleicht sogar, dass sie das gar nicht will.Aber als Pianistin ? Wenn man genauer hinschaut. Klavierspielen können so viele, sehr gut Klavierspielen immer noch genug. Wenn man nur seinen Ohren vertraut, ist Grimaud sicher nicht die Pianistin, wegen der eine solche Vermarktung stattfindet. Gerade, wenn sie das übermässig bekannte Repertoire spielt, wie etwa das fünfte KLavierkonzert von Beethoven. Da gibt es viele deutlich beeindruckendere Wiedergaben.Was ist interessant ? Wie löst ein Mensch sein erhebliches psychisches Problem durch Kunst ? Das ist wirklich interessant. Gould, der seine zahlreiche Ängste in seiner Musik bannen konnte. Grimaud, vielleicht mit Asperger-Syndrom, kommt durch Musik mit dem Leben ebenfalls mehr oder weniger gut zurecht. Das ist interessant und dazu liefert dieser Artikel einen Beitrag.

    Eine Leserempfehlung
  1. Ich freue mich über diesen außerordentlich
    gelungenen Artikel.
    Der Autorin gelingt es nicht nur, ein wirklich differenziertes Bild der
    Künstlerin
    zu zeichnen, sondern ebenso kritisch die Mechanismen der zunehmenden
    Commerzialisierung
    der Klassik-Industrie zu hinterfragen. Es ist eine Binsenweisheit, dass
    Hélène Grimaud eine Pianistin ist, die polarisiert: die einen lieben
    sie, die anderen
    hassen sie. Das ist übrigens bei vielen Persönlichkeiten des
    öffentlichen
    Lebens der Fall. Ich wünsche allen, die lustvoll Häme über sie ausgießen,
    einmal eine persönliche Begegnung mit ihr. Ihre Natürlichkeit, gepaart
    mit der intensiven Ausstrahlung ihres Spiels (und auch ihrer Persönlichkeit
    übrigens) können vielleicht dazu beitragen, ein anderes Bild zu entwickeln als
    jenes, dass PR-Agenten, Platten-Cover und der Medien-Zirkus von ihr entwerfen.Was sie für mich so authentisch macht, ist auch, dass sie die Fähigkeit zum Selbstzweifel nicht verlernt hat. Und von wie vielen Künstlern innerhalb der Branche läßt sich das noch sagen?  Ich möchte daran erinnern, dass der ‚Hype‘ um ihre Person
    und ihr Leben eigentlich erst wirklich mit dem Wechsel von Denon zu Teldec
    begann und dann beim Riesen Deutsche Grammophon kulminierte. Und offenbar weniger mit
    ihren pianistischen Fähigkeiten zu tun hat, als mit der steigenden Vermarktung
    der ‚Marke Grimaud‘ durch DG, die üblichen Schatten-Seiten einer
    Musiker-Karriere, die vor allem dem Plattenlabel viel Geld einbringt. Und nicht zum ersten Mal auf Kosten der Künstlerin.Und wenn man sich einmal die Mühe macht, genau hinzuhören und
    zu vergleichen (z. B. das Klavier-Konzert von Schumann in der Aufnahme vom
    Anfang der 90er Jahre im Vergleich zur neuen DG-Einspielung 2006.) oder sich
    die doch sehr mutige Pärt-CD zu Gemüte führt, dann kommt man nicht darum herum,
    zur Kenntnis zu nehmen, dass sie sich weiter entwickelt hat.Danke für diesen Beitrag, der meines Erachtens der vielschichtigen
    Komplexität dieser Künstlerin gerecht wird.

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