Musikerporträt : Frau Grimauds Wunsch zu verschwinden

Hélène Grimaud ist nicht nur eine der erfolgreichsten Pianistinnen der Welt, sondern auch eine der extravagantesten. Am Wirbel um ihre Person wäre sie fast verzweifelt

Das Malheur war natürlich abzusehen. Wie ein dicker Blutstropfen arbeitet sich die Erdbeermarmelade zwischen dem hohen H und dem hohen C mit der Schwerkraft nach unten. Wer setzt sich auch morgens um halb zehn mit einem schuhsohlengroßen Erdbeermarmeladenbrot an einen Steinway.

Eno, der alte Schäferhund, der Hélène Grimaud eine Zeit lang auf ihren Reisen begleitet, hat seine Freude daran. Schleckt mit rauer Zunge fast das ganze süße rote Zeug weg, pling, pling macht das H, kling, kling macht das C, die Reißzähne des Rüden schimmern so weiß wie die Tasten. Grimaud springt auf, kramt in der Küche nach einer Rolle Küchenpapier. "Entsetzliche Vorstellung", ruft sie lachend, "ausgerechnet diese beiden Töne würden zusammenkleben!" Der Halbtonschritt, das Intervall der kleinen Sekunde, gilt als dem menschlichen Ohr besonders schmerzhafte Dissonanz. Weil es wehtut, einander so nah zu sein und sich nicht zu verstehen. Das ist genauso schizophren wie: dauernd im Rampenlicht zu stehen und sich doch allein zu fühlen, vielleicht sogar einsam.

15 Jahre liegt die Marmeladen-Episode zurück, damals im Münchner Westend, und gilt noch immer. Grimaud hat sich in die eigenen Extreme, die Krisen, die Dissonanzen einfach nur weiter hineingebohrt. Heute ist sie eine der erfolgreichsten Pianistinnen der Welt.

Hélène Grimaud: "die Philosophin am Klavier", "die mit den Wölfen tanzt". Wild und kühl, sirenisch, rätselhaft. Eine Frau, zweifellos, der starken Worte. Wie kleine Teufel springen sie einem mitunter ins Gesicht. Einsamkeit, so liest man dann in Interviews, sei die Voraussetzung für Erkenntnis, sei ihre Droge. Oder: Größe sei die Größe des Mitmenschen.

Die Branche zeigt sich angesichts solcher Offenbarungen eher irritiert. Die einen rühmen Grimauds Ernst, ihre Schönheit und die Tiefe ihrer musikalischen Gedanken. Die anderen behaupten, ihr Spiel sei technisch anfechtbar, ihr Anschlag "hysterisch", und Karriere habe sie weniger mit der Musik als mit ihrer Biografie gemacht (Künstlerinnen gegenüber ein beliebtes Argument).

Gleichwohl oder gerade deswegen gehört Hélène Grimaud heute neben Anne-Sophie Mutter, Anna Netrebko & Rolando Villazón und Lang Lang zu den zugkräftigsten Pferden im Stall des Plattenlabels Deutsche Grammophon. Rund 100 Konzerte pro Jahr zwischen Los Angeles, Moskau und Baden-Baden, Tel Aviv und Caracas sichern ihren Marktwert – ein Status, um den es täglich neu zu kämpfen gilt. Am Klavier, ja, da sowieso. Aber auch in Hochglanzmagazinen, Talkshows und TV-Porträts, die sich Mein Leben nennen und zwischen Zoobesuchen und Taxifahrten selbst den Weg ins Schlafzimmer nicht scheuen.

Ein Spagat, ein Spiel, der programmierte Ausverkauf der Seele? "Musik ist nie nur einfach", hält die Pianistin dagegen, und schon hüllt sie einen wieder ein, in die nächste Sprachkaskade. Obwohl sie eigentlich lieber zuhört, wie sie sagt, kann sie sehr wohl reden. Über ihre "Sehnsucht nach Tiefe" und welche Gefahren darin liegen; über die Notwendigkeit des schöpferischen Zweifels und dass Klavierspielen nichts anderes bedeutet, als "immer wieder zu spielen", es beim nächsten Mal unbedingt besser machen zu wollen. Und über das "Unberührte", das es zu entdecken gilt, in der Musik, im Leben.

Damals in München, in der Wohnung eines kauzigen walisischen Pianisten-Gurus, trug Grimaud schlackernde Hosen und Kragen bis unters Kinn, sprach in einem irrwitzigen (französischen) Tempo ein mit irrwitzig vielen Redewendungen gespicktes Englisch, und ihre Haare kräuselten sich in dauergewelltem Mittelblond. Eine knabenhafte, sich den Klischees von "Frauen am Flügel" ganz selbstverständlich verweigernde Erscheinung – die auf dem Podium sonderbarerweise keine Ekstase scheute: Da schnaufte und stöhnte es, als wollte sie Glenn Gould posthum noch Konkurrenz machen, da flog das Haupt in sämtliche Himmelsrichtungen, und aufs Pedal stieg sie wie ein Tambourmajor. Bekenntnis oder Show? Jugendlicher Überschwang, klassische Virtuosenschule oder die pure Lust am Verwirrspiel der Gesichter?

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Kommentare

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Plattheiten

Tut mir Leid, der Artikel fängt recht gut an, die kleine Anekdote, aber dann die Aneinanderreihung von Plattheiten wie "Musik ist universell." oder das schauerliche sinnieren über Leben und Tod. Nach zweieinhalb Seiten, habe ich aufgehört zu lesen, obwohl ich mit wirklichem Interesse begonnen habe zu lesen.

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