D as Puschkinhaus von Andrej Bitow, das endlich in einer gerade preisgekrönten deutschen Neuübersetzung vorliegt, ist eines der bekanntesten Werke der russischen Nachkriegsliteratur. Sein Autor, der heute 71-jährige Bitow gehört zur Tauwetter-Generation, den so genannten Sechzigern. Er schrieb Das Puschkinhaus in den Jahren 1964 bis 1971, in der sogenannten »Post-Tauwetterzeit« – der Beginn der tristen spätsowjetischen Ära war bereits spürbar. Das Werk galt lange als Meilenstein der russischen Postmoderne. In der vergangenen Woche erhielten der Autor und seine deutsche Übersetzerin Rosemarie Tietze den »Brücke Berlin«-Preis.

Der emblematische Romanheld Ljowa Odojewzew wird 1937, im Jahr des großen Terrors, in Leningrad geboren. Sein Vater ist ein arrivierter Philologe auf dem Lehrstuhl, der früher von seinem Großvater besetzt war. Ljowa genießt eine erstaunlich geborgene Kindheit, die mit StalinsTod endet. Die streng organisierte Routine lockert sich. Je weiter man liest, desto klarer wird: Nicht der mit zwei Entwicklungsgeschichten ausgestattete Ljowa ist der eigentliche Held des Romans, sondern der Autor, der unter dem Namen »Autor« stets anwesend ist. Er mischt sich in die Handlung ein und erscheint sogar persönlich an Ljowa Odojewzews Arbeitsplatz, im Puschkinhaus, wie das berühmte literaturwissenschaftliche Institut in Leningrad heißt.

Der letzte Teil des Romans besteht vorwiegend aus Gesprächen zwischen betrunkenen Intellektuellen. Diese Gespräche nennt »der Autor« »eine erstaunlich aufgeblähte Null«, wie er überhaupt alles in seiner Erzählung ständig ironisiert. Diese Relativierung von allem und jedem veranlasste die Kritik, Das Puschkinhaus als raffiniertes postmodernes Spiel zu betrachten. Dass dieses Spiel der Handlung viel Blut aussaugt, schert den Autor nicht. Die zahlreichen literarischen Zitate, Variationen und Abschweifungen sind ihm das wert. Richtig spannend ist der Roman in seinen essayistischen Passagen. Einprägsam sind die Exkurse in die Modewelt der »Stiljagen«, einer informellen Jugendbewegung, die leider mit dem sehr weit in die falsche Richtung weisenden Wort »Halbstarke« übersetzt wurde. Wer waren diese »Stiljagen« (oder »Stiljäger«)? Sie ähnelten keineswegs den »Halbstarken« der Nachkriegszeit, sondern (in Russland erfolgt vieles mit Verspätung) den »Swinging Kids« des Dritten Reichs, die ebenso unpolitisch waren, Jazz liebten und von der Obrigkeit in ganz ähnlicher Weise verfolgt wurden. Bitow spottet melancholisch: »Die besten Jahre (Kräfte) des nicht schlechtesten Teils unserer Jugend…gingen fürs Engermachen der Hosen drauf.«

Die jungen Leningrader Literaten des Tauwetters waren selbstbewusste »Stiljäger« – Intellektuelle, Gigolos und Trinker, sie liebten Jazz und amerikanische Literatur, entdeckten für sich die russische Moderne und die Exilautoren. Nur sehr wenige von ihnen hatten genug Kraft, sich unter den beengenden Umständen des Nach-Tauwetters zu entfalten. Nur wenige, darunter Bitow, waren innerhalb des offiziellen Literaturbetriebs erfolgreich und veröffentlichten auch im Westen. Joseph Brodsky hingegen emigrierte und bekam den Nobelpreis. Aber das war natürlich eine Ausnahme unter den zahlreichen und teilweise sehr guten russischen Exilautoren, die kaum noch jemand kennt.

Andrej Bitow sagte einmal über seinen Helden: »Jeder, der lebt, kann als Konformist gelten.« Das ist der Schlüssel zu seinem Roman. Er ist kein Spiel, sondern beschreibt den Lebensweg einer ganzen Generation. Er ist eine Auseinandersetzung mit der Art und Weise, wie sowjetische Jungintellektuelle das Tauwetter (und dessen Ende) durchlebten und verarbeiteten – ein Versuch über Selbstverachtung und Selbstgefälligkeit. Bitow hat diese russische Ambivalenz mit bewundernswerter Sensibilität und feinem Zeitgespür erforscht.