Metzger Mit aller Macht zurück ins Licht

Der Ex-Grüne Oswald Metzger will von Biberach aus wieder in den Bundestag. Die oberschwäbische CDU hat er dabei unterschätzt

Wer die Menschen mag, glaubt Oswald Metzger, wird auch selbst gemocht. Und gemocht werden, das will er unbedingt. In den TV-Shows, in denen er auftritt, in den politischen Zirkeln Berlins, da mag ihm Respekt genügen, aber in seiner Heimat im Kreis Biberach, wo er im März zur CDU gewechselt ist, um sich am nächsten Dienstag zum Bundestagskandidaten nominieren zu lassen, da fordert er alles: seine politische Wiederauferstehung, aber auch das Gefühl wohliger Nestwärme. Niemals könne er sich vorstellen, in einem anderen Wahlkreis zu kandidieren, versichert er.

In Berkheim, einem Dorf an der Grenze zu Bayern, wird Metzgers Leitsatz von der Menschenliebe auf eine harte Probe gestellt. Der Ex-Grüne hat zum Sonntagsfrühschoppen in den viel zu großen Tanzsaal des Gasthauses Krone eingeladen. Ein Dutzend Zuhörer sind von der Kirche herübergekommen, sie setzen sich auf die entferntesten Stühle. Wie um die Distanz zu verringern, beugt sich der Politiker in Wartestellung weit über den Tisch nach vorn. Niemand lächelt.

Metzgers bundesweit beachteter Scoop, sein Beitritt zur CDU, liegt nun schon ein paar Wochen zurück. Knapp 200 neue Mitglieder sind seither in den CDU-Kreisverband Biberach eingetreten, vermutlich, um bei der Mitgliederwahl, die zu einer Abstimmung für oder gegen den »G’scheckten«, wie Metzger von Gegnern höhnisch genannt wird, Einfluss nehmen zu können. Metzger glaubt, die Neumitglieder würden ihn unterstützen. Zugleich wittert er noch etwas anderes: eine Front gegen ihn, die härter und härter geworden ist. »Ich spüre die Stimmungsmache hier im Landkreis – erstaunlicherweise beim Establishment«, entfährt es ihm einmal an diesem Vormittag. Einer aus dem Publikum, der Ehemann der örtlichen CDU-Vorsitzenden, hatte Metzgers Legitimation für seinen Stammtisch, der nicht mit der Partei abgesprochen worden sei, in Zweifel gezogen. »Ich lasse mich nicht an die Leine legen, wenn ich Wahlkampf mache«, keilt Metzger zurück.

Die allgemeine Heiterkeit der vergangenen Wochen, die aus dem Wissen entstand, dass der Bundestagswahlkreis 292 durch die Kandidatur des grünen Renegaten ordentlich aufgemischt würde, ist einem eisenharten Machtspiel gewichen. Metzger soll spüren, dass er wohl in die Partei aufgenommen wurde, doch in ihr, ganz nach Wunsch und Willen des scheidenden Abgeordneten Franz Romer, nichts werden kann. Als am vorvergangenen Wochenende der Altlandrat Wilfried Steuer seinen 75. Geburtstag feierte, der vermutlich katholischste und machtbewussteste CDU-Politiker dieser gesegneten Region, da durfte auch Oswald Metzger seine Aufwartung machen. Als einer der Ersten ging er wieder. Partygäste wie Ex-Ministerpräsident Erwin Teufel hatten Metzger kühl die Hand gereicht und sich anderen Gesprächspartnern zugedreht.

Er werde »mit alle z’ammeschaffe könne«, wenn er gewählt werde, versichert Metzger in Berkheim im urigsten Schwäbisch. Das Problem ist offensichtlich, dass nicht alle mit ihm zusammenarbeiten wollen. Er könne sich das auch nicht recht erklären, sagt Metzger, und natürlich ist das geflunkert. Innerhalb der erweiterten Führungsriege der Kreis-CDU hat er nichts zu gewinnen. Sollte Metzger Zweifel daran gehabt haben, so sind sie bei den zwölf Kandidatenvorstellungen, in denen er zusammen mit seinen vier Konkurrenten gesessen ist, beseitigt worden. Insgesamt 450 Parteimitglieder seien zu den Veranstaltungen gekommen, zählt der 53-Jährige auf. Am 1. Juli, bei der Nominierungsversammlung, seien aber knapp 2000 Delegierte stimmberechtigt. Er setzt auf diejenigen, die nicht der Einflussnahme der lokalen Parteigrößen unterliegen. Und er setzt auf die geheime Wahlabstimmung: »Sonst hätte ich keine Chance«.

Metzger ist ein wendiger Redner. Seinen politischen Vortrag in Berkheim beginnt er, nach kurzem Blick auf das schon etwas angegraute Publikum, mit der Rentendebatte, um sofort danach auf die Medizinversorgung im Alter zu kommen. »An den Kopf langen« müsse er sich, wenn er Ulla Schmidt predigen höre, sie wolle bestmögliche Medizin für alle.

Er ist ihnen überlegen, auf die ziemlich humorfreie Weise des Musterschülers. Metzger hat das, was der Publizist Joachim Fest ein durchräsoniertes Weltbild nannte. Es ist die logisch in sich geschlossene Welt des schwäbischen Kassenwartes, die aus den Angeln gehoben wird, wenn Einnahmen und Ausgaben nicht in Deckung gebracht werden. Seine politische Mission besteht darin, die Menschen auf Verzicht vorzubereiten. Von der Arztrechnung solle jeder Kassenpatient einen Durchschlag bekommen, dazu einen Eigenanteil zahlen, fordert Metzger zum Beispiel. Im Wirtshaus zu Berkheim drängt sich der Verdacht auf, die Zuhörer seien mehr von Metzgers politischen Plänen beunruhigt als von seiner politischen Vergangenheit.

Dann ist der Frühschoppen vorbei, die Leut’ gehen zum Mittagessen, der Gastgeber bleibt noch kurz auf dem Parkplatz stehen. Die Veranstaltung dürfte ihm kaum Stimmen beschert haben. Auf subtile, schwer zu entschlüsselnde Weise hat die Zeit, seit der Ex-Grüne seinen Eintritt in die CDU erklärte, gegen ihn zu spielen begonnen, die beharrenden Kräfte in diesem Oberschwaben sind stärker, als der Herausforderer dachte. Natürlich gibt er nicht auf, nicht Oswald Metzger. Dann geht auch er. Alles ist möglich, wenn man es will, sagt er zum Ende. Noch so ein Wahlspruch des Mannes, der angetreten ist, zurück auf die große politische Bühne zu gelangen, auf der er schon einmal stand.

i Politische Überläufer – eine Bildergalerie www.zeit.de/ueberlaeufer

Foto (Ausschnitt): Philipp Guelland/ddp für DIE ZEIT

 
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