Kult Sehnsucht nach Ekstase

Kulte geben Gesellschaften den Takt vor. Es gibt Sonnen- und Mondfeste, religiöse Feiern und unheilige Riten wie die kollektive Fußballbegeisterung. Seine Kraft beweist der Kult sogar, wenn er ins Wasser fällt – wie bei der Sonnenwendfeier in Finnland

Als würde er eine Fliege verscheuchen, versucht er mit der Hand Wasser von der Schulter zu wischen, das längst im schwarzen Kapuzenshirt versickert ist. Er hatte nicht bemerkt, dass der Regen als Strahl vom Schirm der alten Dame, die neben ihm sitzt, auf seinen Rücken fällt. Dass das Nass hinunterläuft, durch den Aufdruck mit dem knochenfingrigen Sensenmann hindurch, hinab in die Hose. Anssi hält sich nicht damit auf, weder mit der Nachbarin noch mit dem Wasser in den Kleidern. »Kippis«, sagt er nur, »Prost«, trinkt und schaut wieder zur Bühne, wo die Paare in tropfnassen Trachten noch einen Tanz in Angriff nehmen. Zu einem nordfinnischen Volkslied, einer Ode an die Sommersonne.

Aber der Sommer findet nicht statt. In der Nacht, in der es auf der nördlichen Hälfte der Erde am wenigsten lang dunkel ist, hat der Wettergott eine schwarze Wolkenplane über Helsinki ausgebreitet, und er schickt Bäche vom Himmel, die den Festplatz auf der Insel Seurasaari in ein Moor verwandeln. Es ist, in anderen Jahren, das größte Volksfest Finnlands. Heute sind höchstens tausend Besucher da, auf diesem kleinen Eiland, das die Gletscher der Eiszeit rund-, aber nicht weggeschliffen haben. Sie feiern, wie fast alle Skandinavier am 20. Juni, Sonnenwende. Mit Feuer, Musik, Tanz und Alkohol.

Ausgerechnet an diesem hellsten aller Tage, an dem kultisches Treiben seit Jahrtausenden die Nordhemisphäre erfüllt; an dem Hexen, Feen und Druiden in der Megalithformation von Stonehenge der Sonne huldigen und am Fuß der Externsteine im Teutoburger Wald Esoterikfreaks ihre Zelte aufschlagen; wenn St. Petersburg seine weißen Nächte feiert und Isländer sich nackt im Tau rollen, weil die Kräuter zur Sonnenwende magische Kräfte besitzen sollen – ausgerechnet während dieses größten Fests des Lichts geht auf Seurasaari die Welt unter.

»Ich find’s scheiße, scheiße, scheiße«, sagt Mika, der schlechtere Nerven hat als Anssi mit dem nassen Sensenmann auf dem Rücken. Mika erzählt, dass er 2007 auf dem Mittsommerfestival in Pori war. »In diesem Jahr spielt dort Jay-Z.« Der Rapper aus New York. Nun ärgert sich Mika noch mehr, dass er nicht dorthin gefahren ist: »Das Festival ist Kult. Verdammt!« Viele Städter ziehen hinaus, zum Grillen, Feuermachen, Feiern. Helsinki ist an Mittsommertagen halb verlassen. Daheimgebliebene und Touristen aber fahren mit dem Bus Nummer 24 an den Stadtrand, Endstation Seurasaari, und schauen im Halbdunkel Holzstößen beim Brennen zu.

»Über die Sonne erhalten wir Anschluss ans Kosmische«, sagt Hartmut Böhme, Professor für Kulturtheorie und Mentalitätsgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität. »Die Sonne ist die zentrale Gliederungsachse der Zeit.« Vielleicht wird deshalb der Himmelskörper aus Helium und Wasserstoff, um den wir uns drehen und der pro Sekunde Hunderte Millionen Tonnen Masse verbrennt, mit besonderer religiöser Inbrunst gefeiert. Für jede Auffälligkeit in seinem Wirken gibt es irgendwo ein Brauchtumsfest mit kultischem Hintergrundrauschen: Sommersonnenwende, Wintersonnenwende, Tagundnachtgleiche. »Die Sonne ist der Lichtgeber«, sagt Böhme, »unser Organismus ist eingestellt auf sie; sie bestimmt unseren Biorhythmus.« Als Lebensspenderin besitzt sie einen hohen Symbolwert.

Auch in den Hochreligionen stecken bis heute kultische Elemente

Was am Himmel mit bloßem Auge gut sichtbar ist, taucht im Kultischen auf. Es gibt den Mondkult der Babylonier, der Maori, der Inka und Maya; es gibt den Sternenkult der Steinzeit, der Bronzezeit, der Gegenwart. Kulte stehen vermutlich am Anfang der Religionen, weil sie nahezu alle komplexen Fragestellungen abdecken: Es gibt Totenkulte und Riten zur Ahnenverehrung. Jäger- und Sammlergesellschaften erfanden den Entschuldungskult. Da es ein Sakrileg war, Tiere zu töten, und Tiere auch Gottheiten waren, galt es, die höheren Mächte zu besänftigen. Opferkulte brachten zerrüttete Verhältnisse wieder ins Lot. Und dann gibt es noch die Kulte, die den Hoffnungen folgen: der Bitte um schönes Wetter, gute Ernte, Nachwuchs.

Ansatzweise erschließt sich, warum Mika nicht zum Kultfestival nach Pori gefahren ist, sondern seine Mittsommerbiere auf dieser nassen Insel trinkt, mit Anssi und Jari und Lisa. Die Gründe fangen bei Lisa an. Sie will ihre Cousine auf der Bühne tanzen sehen. Jari interessiert sich für Lisa. Ein bisschen möchten wohl auch Mika und Anssi mit Lisa. Außerdem sind die Freunde Mika, Anssi und Jari am Wochenende immer gemeinsam unterwegs.

Deshalb schauen sich die drei jungen Männer und die junge Frau mit vielen Familien unter tropfenden Bäumen und Schirmen Folklore an. Weil es das Programm so vorgesehen hat, werfen sich jetzt Mädchen in kurzen Röcken auf den glitschigen Bohlen Gymnastikringe zu. Anssi sagt: »Wenn du innen ganz nass bist, spürst du den Regen nicht.« Er steht auf. Der Schnitter mit den knochigen Fingern steuert einen Verkaufsstand an. Er holt Bier.

Kultische Handlungen folgen meist einem ritualisierten Ablauf, und oft sind Schamanen oder Priester mit der Traditionspflege betraut. Sie stellen den Kontakt zu höheren Wesen her. Die sogenannten Hochreligionen haben sich zwar von den alten Kulten losgesagt, aber ihr Glaube, damit nichts mehr zu tun zu haben, ist für Böhme schlicht »eine Illusion«. Zu deutlich sind die Abläufe christlicher Handlungen gespickt mit Ingredienzien kultischen Treibens: außergewöhnliche Choreografie, Wiederholung, sakrale Musik, gemeinsamer Gesang, symbolische Handlung. »Ich entdecke im Totenmahl, im Grabkult, in den Votivgaben und auch in den Martinsumzügen urgermanische Überbleibsel«, sagt Rudolf Simek, Professor für skandinavische Literatur in Bonn. Und für Walter Burkert, den emeritierten Philologen der Universität Zürich, zeigen alle »Lebensphasenfeste« deutliche Ausprägungen kultischer Ideen. Taufe, Firmung, Hochzeit seien »Ausnahmen im ewigen Einerlei«. Selbst Kindern ist bei der Konfirmation ein gewisser Exzess gestattet.

Letztlich verfolgen Kult und »Hochreligion« mit ihren Liturgien die gleichen Ziele. »Rituale stellen Gemeinschaft in Raum und Zeit her«, sagt Böhme. Sie führen zur »Vertiefung der persönlichen Beziehungen«. Auffällig sei die ständige Rückkoppelung. »Damit verankert man sich als instabile Gruppe im Kontinuum der Zeit, schafft Sicherheiten in einer Umgebung, in der tödliche Gefahren lauern.« Letztlich sind die Rituale auch ein Mittel der Abgrenzung: Man vergewissert sich der Regeln und findet heraus, wer zur Gruppe gehört. Und wer nicht.

In ihrem Bemühen, ihrerseits die Menschen einzubinden, haben die Christen viele einst von Heiden begründete Feste ins Programm aufgenommen. Christi Geburt wurde auf die Wintersonnenwende gelegt, und Johannes der Täufer, am 24. Juni geboren, gab dem Mittsommerkult seinen Namen. Der Festtag heißt in Finnland Juhannus.

Anssi kommt zurück, konsterniert. Er hat nur Olut 1 auftreiben können, Schwachbier mit 2,7 Volumenprozent Alkohol, weil die Stände keine Lizenz für härtere Drogen haben. Das dünne Bier ist regenwarm. Andere haben vorgesorgt, mit Wodka im Flachmann. »Kippis!«, sagt Anssi. Unermüdlich macht die Festgemeinde weiter. Die Landesfahnen kleben an den Stangen, die Trachten an den Körpern wie Putzlappen. Aus der Verstärkeranlage dringt das Zupfen verstimmter, feuchter Saiten, ein Kind platscht auf den Bauch. Die Paare drehen sich nach Plan.

»Beim Tanzen geht der Tanzende über seine Grenzen«, sagt Böhme, »er gerät in Ekstase, er versucht, in eine Phase einzutreten, wo er intensiv erlebt, wo Verschmelzung stattfinden kann: mit Gottheiten oder mit den anderen der Gruppe.« Der Kulturwissenschaftler ist überzeugt, dass der Tanz »ganz nah am Kultischen« ist: Normalerweise seien wir »eingekörpert«. So aber würden wir »Teil eines größeren Ganzen«.

Am Rand des Festplatzes verkaufen zwei Schäfer unverdrossen Flöten und Hörner. Frauen bieten Tuch feil, ein Flechter vertreibt Körbe. Das kultische Treiben umfasst auch einen Handwerkermarkt mit Holzbechern und Elchflaschenöffnern. Es gibt Rentierküchlein und Teller mit Seefischchen. Im Schutz der Plastikplanen kokeln Würste. Unnötigerweise ist die Feuerwehr mit dem Löschwagen da.

»Was ganz am Anfang des Kults war«, sagt Walter Burkert, »kann man nicht sagen. Das Zeug ist zu alt.« Er vermutet: Angst. Angst um die Ernte, Angst wegen der Kriege. Angst um die Gesundheit. »Der medizinische Aspekt ist in den Hintergrund getreten, aber angefangen hat auch Jesus als Heiler«, sagt Burkert. Ausgestorben ist diese Tradition nicht: »Lourdes existiert. Der Pilger denkt: Vielleicht hilfts.«

Dann brennen die ersten kleinen Feuer. Regionale Meisterwerke der Stapelkunst: ein Modellwolkenkratzer im Maßstab 1 zu 100, schlank getürmt, daneben ein Wagenrad, mit Stroh zum Sonnenschiffsteuerrad umflochten. Die Sicherheitsleute haben brandbeschleunigende Pakete zwischen die Ritzen gestopft, damit es höllisch brenne. Der Erfolg: bescheiden. Vor der Abschrankung stehen dicht gedrängt Zuschauer, die etwas zu erleben hoffen. Anssi, Mika, Jari und Lisa stehen inmitten dieses Pulks. Lisa rümpft die Nase. Es sind die Trachten, die stinken – Mottenkugeln. Jari geht Bier holen.

»Das Saufen ist ein auf den Hund gekommenes Ritual«

Das Feuer war schon bei den Griechen das wichtigste Element: nach oben strebend. Es gibt weltweit unzählige Feuergötter. Auch auf Seurasaari sind die Scheiterhaufen der zentrale rituelle Programmpunkt. »Mit dem Entfachen einer Flamme stelle ich eine Beziehung zu Gott her«, sagt Böhme. Ein Böller schreckt um Punkt zehn Festgemeinde und Möwen auf. Als Flammen am größten, sieben Meter hohen Tannenhaufen zu lecken beginnen, gedeiht Applaus. Schaulustige Seeleute in kleinen Jachten feuern, als das nasse Holz eine bombastische Rauchwolke entlässt, ein Blitzlichtgewitter ab. Die Seevögel protestieren krächzend. Das Organisationskomitee dankt für den Besuch, kündigt aber an: Es gibt für Interessierte noch Tanz bis eins.

Viele Künste sind aus Riten entstanden, Musik ist oft beeinflusst von sakralen Klängen. Anders als im Theater oder in der Oper aber, sagt Hartmut Böhme, gehe es im Gottesdienst um die Herstellung einer »homogenisierten Gemeinde, letztlich auch um die Vereinigung im Corpus Christi«. Nicht anders zu beobachten bei Popkonzerten, wo Mengen zu »Kollektivkörpergesellschaften« werden. Elias Canetti hat dieses Phänomen in Masse und Macht kritisch beleuchtet und dessen unangenehme Seite beschrieben: In einem von »Affekten« geleiteten Gebilde verliere der Mensch seine Furcht vor Berührung. Der Verlust der Individualität werde als befreiender Akt empfunden – doch das Andersartige der Welt da draußen werde der Masse umso deutlicher bewusst. Schließlich entstehe als auffälligste Eigenschaft einer Masse die »Zerstörungssucht«: Um ihr eigenes Überleben zu sichern, will sie das Andere vernichten.

Im »Dritten Reich«, sagt der Kulturwissenschaftler Böhme, »haben strenge liturgische Choreografie und Ekstase zusammengewirkt. Die Nazis haben sich eine jahrtausendealte Erfahrung der Religionen zunutze gemacht. So schafft man Loyalitäten.« Eine Affinität zum Urgermanisch-Kultischen pflegen Neonazis noch heute. Auch sie pilgern im Mittsommer zu den Externsteinen, jenem Ort, den schon Heinrich Himmler mit Verweis auf angebliche Traditionen glorifizierte.

Das Problem der parlamentarischen Demokratie: Ihr fehlen oft die Rituale. Und so stellt sich für Böhme die Frage: »Wie macht man Demokratie zum Fest?« Da sie wenig unmittelbare Ekstase verschaffe, brauche sie »kulturelle Zonen der außerdemokratischen Wildheit«. Böhme hat in einem Aufsatz dargelegt, wo heute viele Menschen ihren Erlebnishunger stillen: Die Kathedralen stehen leer, doch in den Fußballstadien tost das heilige Spektakel um Kampf, Sieg, Untergang. Böhme beschreibt die Arenen als wahre kultische »Turboauflader«, in deren »Resonanzraum« die Kollektivkörper »eine gewaltige Rückkoppelung erfahren«.

»Scheiße!« – Mika hat noch immer keine neue Sammelvokabel für den Regen, die trübe Stimmung, das verpasste Kultfestival gefunden. Die vier gehen den Fußweg zurück, an Ständen vorbei, die immer noch Körbe verkaufen. Lisa hat sich bei Jari untergehakt. Schließlich fläzt sich die Gruppe durchweicht und erlöst auf den Sitzen des 24er Busses, der ins Zentrum von Helsinki fährt. Afterparty im Lady Moon, wo es trocken ist, moderne Takte und Starkbier gibt.

Leib und Seele, sagt Rudolf Simek, kämen im Kultischen selten zu kurz. »Beim Totenmahl wird viel gegessen und viel getrunken – typisch germanisch.« Vor allem die Verbindung mit Drogen zieht sich durch die Kultgeschichte. Noah legte den ersten Weinberg an, Dionysos, Gott des Rebensafts, der Fruchtbarkeit und der Ekstase, pflegte mit feierndem Gefolge herumzulärmen. Und mexikanische Schamanen, berichtete LSD-Pionier Albert Hofmann, genießen die Wirkung sakraler Pilze, damit Gott aus ihnen spreche. Auch als Breitensport löst sich Bewusstseinserweiterung nicht von ihren kultischen Wurzeln: »Wenn ich sehe, wie entschlossen die Engländer am Freitagabend losziehen, dann hat das schon was Kultisches«, sagt Simek. Kulturtheoretiker Böhme sieht es so: »Das Saufen ist ein auf den Hund gekommenes Ritual.«

Mit dem unsicheren Schritt des Angetrunkenen trägt Mika Bier durchs Lady Moon. Wo sind Lisa, Jari, Anssi? Die vierköpfige Kollektivkörpergesellschaft löst sich langsam auf im größeren Fluidum aus tanzenden, teigig diskutierenden, stumm vor sich hin stierenden jungen Menschen. Mitternacht ist vorbei. Draußen müsste es längst wieder heller geworden sein.

Volksfest und Kirchentag dienen nicht zuletzt der Verbreitung des Genpools

Jari stützt sich an Lisas Körper ab. Oder sein Arm versucht die nächste Flirtstufe zu zünden. Lisa aber ist, anders als er gehofft hat, noch nicht außer Selbstkontrolle. Sie löst sich aus der Umarmung. Nicht mit Jari. So viel weiß sie jetzt und geht tanzen.

Vor allem die agrarische Bevölkerung, in kleinen Stuben hockend, schuf Möglichkeiten, zusammenzukommen. »Auch ein Bierzelt ist Kult oder ein Kirchentag«, sagt Simek. Die Treffen dienten nicht zuletzt »der Verbreitung des Genpools«. Wenn Finnen wie Schweden die kürzeste Nacht begehen, lassen sie diesen Aspekt selten außer Acht. Ihre Sonnenwendfeiern sind erotisch aufgeladen. Unverheiratete Mädchen laufen, manchmal nackt, durchs Kornfeld, sammeln sieben verschiedene Blumen und legen sie unter das Kopfkissen, damit ihnen – im Traum – der zukünftige Ehemann begegne.

Lisa ist verschwunden. Jari hat sich – lange her – wankend in Richtung Theke verabschiedet, Bier holen. Mika steckt in einem Seitenflügel der Disco fest. Nur Anssi steht noch hier, sein Sensenmann ist fast trocken. Er schaut zwei Sturzbetrunkenen beim Schmusen zu. Einige Gäste im Lady Moon, die Älteren, sehen jetzt aus wie Figuren in einem Kaurismäki-Film. Anssis Lider sind auf Halbmast, er stöhnt Silben heraus, deren Bedeutung sich nicht erschließt. Er verfällt in einen tranceartigen Zustand, kaut minutenlang an einem Wortfetzen. In Superzeitlupe entlassen seine Lippen einen geheimnisvollen Code.

Es war das Jahr 165, als die Montanisten in Kleinasien die »Neue Prophetie« verkündeten. Kultische Ekstase war zentrales Ritual dieser frühchristlichen Glaubensgemeinschaft. Abends erhob sich ein Prophet. Er tanzte, sein Stimmapparat vollführte Kunststücke. In einer sogenannten Zungenrede entfuhren ihm tollkühne Vokale und Gluckser, die ein Kundiger in verständliche Rede überführte. Erst durch die Übersetzung des Assistenten nahmen die Visionen des scheinbar Irren Gestalt an. Die Performance endete zum Beispiel mit der Ankündigung eines Weltuntergangs. Paulus selbst berichtet im ersten Brief an die Korinther von einschlägigen Veranstaltungen. Oft sprach nur die Zunge, der Verstand schwieg: »Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, durch den Geist vielmehr redet er Geheimnisse« (1. Kor. 14).

Endlich ist Jari zurück. Er stellt Anssi ein Bier vor das Gesicht. Als sie nicht mehr können, steigen sie um auf das, was noch runtergeht. Wodka.

Um halb vier ist keiner mehr in Sicht, den er zu kennen glaubt. Anssi sortiert seine Füße, verlässt das Lady Moon und macht sich auf nach Norden. Als ein Bauzaun kommt, hält er inne. Nach einer halben Minute ist die Grobmotorik wieder unter Kontrolle. Den nächsten Halt gibt eine Straßenlaterne. Er nimmt sie in den Arm wie eine Geliebte. Festigen der Konzentration. Etwas weiter stehen Bäume. Anssi nimmt den ersten und kommt zu Kräften. Er hat das viele Male geübt. Feiern mit Freunden, Innehalten, nach Hause kommen. Auch im Winter, wenn die Sonne einfach nicht hervorkommen will.

 
Leser-Kommentare
  1. Sicher bestimmen irgendwelche Kulte mein persönliches Leben und auch das meiner Mitmenschen. Das Mitsommerfest zum Beispiel. In der Zeit gibt es bei einem schwedischen Möbelhaus billigere Möbel, also Dinge für die man weniger Geld bezahlen muss als sonst. Aber mal im Ernst:Weihnachten kann man als Kultfest sehen. Oder andere kirchliche Feiertage. Sie bestimmen unser Leben. Die Frage die ich mir dann stelle ist die, ob und wie man kirchliche Feiertage als Kult bezeichne kann. Sie bstimmen unser Leben. Genauso wie (ein schlechter Vergleich ich weiß) die Kulte, die das Leben der Inkas oder Mayas bestimmt haben. Sogenannte heidnische Kulte, eher aus dem nordeuropäischen Raum, bestimmen zwar nicht mehr spürbar unser Leben, aber auch sie hatten Einfluß auf die nachfolgenden Generationen und, da bin ich wieder bei Religionen, sie beeinflussten die Verteilung kirchlichen Feiertage. Kulte und ihre rituellen Handlungen, bzw. das was heute noch vorhanden ist, die Reste dieser Kulthandlungen, bestimmen sicher auch unser Leben. Aber ich könnte nicht unterscheiden was gesellschaftliche Rituale der Neuzeit, wie zum Beispiel gesellschaftliche Begrüßungsrituale, oder was davon Reste der nordeutopäischen Kulte sind.Man kann auch andershrum an diese Frage herangehen. Jeder Kult hat (ich sage das mal auf neudeutsch) eine "To-Do-Liste" und eine "Not-To-Do-Liste", auch "Anstandsregeln" und "Tabu" genannt. In religiösen Kreisen nennt man soetwas dann Sakrileg, Blasphemie oder Gotteslästerung.. Ein ganz einfaches Beispiel: Jeder flucht schon mal. Als Kind habe ich eine Situation erlebt, in der sich mein Großvater mit dem Hammer auf den Daumen geschlagen hatte. Nachdem er so richtig seinen Frust rausgelassen hatte, sagte meine Großmutter "Du sollst nicht fluchen! Vor allem wenn das Kind dabei ist" Fluchen - oder einen Fluch aussprechen haben sehr wohl etwas mit heidnischen Kulten zu tun und mit Religion allemal. Fluchen, und dann auch noch "gotteslästerlich", galt lange als Todsünde. Ein sehr schöner Text dazu ist bei : http://www.sehepunkte.de/...Wenn man also der Frage nachgeht inwieweit  Verbote, Tabus oder andere "Vorschriften" in Form von "Du sollst nicht..."  alter Kulte mein Leben bestimmen, kommt man auf allerlei Ergebnisse. Sicher ist das auch im Sprachgebrauch wiederzufinden. Aber dass solche alten Rituale mein Leben bestimmen kann ich eigentlich nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantworten.Wertfrei würde ich sagen, dass die Essenz solcher kultischen Rituale viel mit Meditation, Insichkehrens und durch die Eintönigkeit und Gleichheit der Handlungen soetwas wie Transzendentalität entsteht oder entstehen kann.

  2. Bestimmte PersonenKreise (US-Präsidenten: Bush, Reagan, viele andere), Banken-u. WirtschaftsBosse nehmen auch in diesem Juli wieder an heidnischen Moloch-Ritualen Teil, im sonnigen Californien:http://en.wikipedia.org/w...Dort werden dann auch wieder MenschenAttrappen verbrannt ...Das Ritual wurde sogar gefilmt, von einem Journalisten, der sich eingeschlichen hat:http://youtube.com/watch?...

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    noch nie "tales of the city" gelesen?

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    • rabin
    • 28.06.2008 um 17:07 Uhr
    3. Eiland

    Aldous Huxley hatte einmal eine Gesellschaftsvision mit vielen Ritualen beschrieben, die die Ent-Wicklung des Menschen fördern, war aber selbst so realistisch, dass er diese Utopie am Ende seiner Schrift untergehen liess,von herkömmlich agressives Nachbarn überrollt.Sinnvolle Riten , die Wachstum fördern, sind sicher zu wenige vorhanden.

  3. Wir brauchen Kulte, um uns ein Verständnis zu  verschaffen, wo unser Verstand mit dem Verstehen überfordert ist. In den Kulten drücken wir Ahnungen aus, ohne realistisch sein zu müssen. Im Kult bekommen unsere Ahnungen etwas mehr Gewissheit und er hilft unserem Glauben, Haltepunkte zu finden. Wo der Kult zum Selbstzweck wird, feiert unser EGO Triumphe, von denen es einfach keine Ahnung hat.

  4. Kulthandlungen, gesamtgesellschaftlich betrachtet, umfassen nicht nur Religiöses, also Taufe, Konfirmation, Hochzeit, Abendmahl, sondern auch alle möglichen Handlungen, die emotional besetzt sind und denen durch eine Ersatzhandlung Symbolkraft verliehen wird: Richtfest, Schiffstaufe, die Fußball-EM, das Examen.
    Interessant sind die beiden letzten: Leute, die gar nicht wissen, wie man einen Ball geradeaus tritt, feiern fahnenschwingend und hupend auf der Straße, dass sie Eurpameister sind! Das Examen ist stärker emotional besetzt als die Konfirmation, sie sind miteinander vergleichbar, als Eintritt ins Erwachsenenalter. Nicht klar ist mir, ob eine einzelne Examensprüfung zum Kult dazugehört oder erst die Feier, die in Amerika mit so einem viereckigen Hut und Talar gefeiert wird. Vielleicht ist eine Examensprüfung mit der Beschneidung bei den Moslems vergleichbar, die ja auch schmerzhaft ist?
    Gehört "Guten Tag" und "Gesundheit!" sagen zu einem Kult?

  5. Eine Frage die in dem Artikel gestellt wird ist was übrig sei, von der Ursprungsidee des Kultes. Da Frage ich mal den Redakteur Willmann, was er als Ursprungsidee des Kultes sieht? Und meinen Sie den Kult der Sonnenwendfeier oder allgemein "die Kulte"? Danke für Ihre schnelle Antwort.

  6. platitüden und klischees ...

  7. noch nie "tales of the city" gelesen?

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  • Serie Bildungskanon
  • Quelle DIE ZEIT, 26.06.2008 Nr. 27
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