Forscherfragen »Die Rituale der Primaten«

Fragen zur Bedeutung von Kulthandlungen für das Zusammenleben der Menschen an Jörg Rüpke, Religionswissenschaftler an der Universität Erfurt.

DIE ZEIT: Was waren die ersten kultischen Handlungen des Menschen?

Jörg Rüpke: Warum fangen Sie beim Menschen an? Versteht man Kult als stereotypes Handeln, dessen pragmatische Funktion zugunsten von Zeichenhandlung und Kommunikation zurückgetreten ist, könnte man auch im Tierreich suchen. Walter Burkert hat in seinen Kulten des Altertums mehrere Rituale bis zu Primaten zurückverfolgt, hier allerdings in pragmatische Zusammenhänge – Gruppenbildung, Feindabwehr, Konfliktminimierung – eingeordnet. Spitzt man Ihre Frage auf archäologisch Nachweisbares zu, sind Bestattungsrituale an erster Stelle zu nennen. Jagdrituale gehören schon zu hoch arbeitsteilig organisierten Gruppen.

ZEIT: Welche kultische Handlung verstehen wir noch immer nicht?

Rüpke: Die religionswissenschaftliche Ritualforschung hat im vergangenen Jahrhundert so viele Zugänge zu Kulten entwickelt, dass es schwerfällt, einen nicht zu verstehen. Abbild sozialer Wirklichkeit, Codierung von Glaubensüberzeugungen oder zweckfreies Spiel: Erklärungen sind schnell gefunden. Worüber wir aber insgesamt viel zu wenig wissen, ist, wie die Teilnehmer an solchen Kulten ihr Handeln verstehen und wie solche Kulte in Anbetracht völlig unterschiedlicher Verständnisse ihrer Teilnehmer (von Experten bis hin zu Kindern und Zuschauern) funktionieren können.

ZEIT: Warum ist die Sonne als Gegenstand von Kulten so wichtig?

Rüpke: In Zeiten ohne elektrischen Strom ist die Sonne ein so mächtiger und in der Ausübung dieser »Macht« sichtbarer Faktor des täglichen Lebens, dass es naheliegt, über die dahinterliegenden Intentionen oder Mechanismen nachzudenken – und diesen Faktor als Zeichen für anderes, Herrschaft zum Beispiel, zu benutzen. In der Jungsteinzeit und frühen Bronzezeit ermöglichte Expertenwissen, den Sonnenlauf mit architektonischen Hilfsmitteln – Steinbauten, Palisadenkreise – direkt in Rituale einzubinden.

ZEIT: Was wissen Sie, ohne es beweisen zu können?

Rüpke: Fast alles, was ich hier kundtue, sind Hypothesen zum Verstehen menschlichen Handelns. Zu beweisen werden sie nie sein.

ZEIT: Was hat man lange falsch verstanden?

Rüpke: Magie wird heute nicht mehr als eine besondere Klasse von kultischen Handlungen verstanden, die »aus sich heraus«, als »Götterzwang« wirken. Stattdessen ist deutlich geworden, dass alles »Magie« sein kann: Es sind immer die kultischen Handlungen der »anderen«, der »Bösen«, die Magie sind.

ZEIT: Was wüssten Sie nur zu gerne?

Rüpke: Was die Menschen historischer und vorgeschichtlicher Kulturen bei der Durchführung der Rituale, deren Hinterlassenschaften wir noch finden, gedacht und gefühlt haben.

ZEIT: Was haben Heino, Sex and the City oder Jogi Löw mit Kult zu tun?

Rüpke: Die Sprache der Religion – dieser Versuch, nicht Fassbares in Bildern zu fassen – dient leicht zur Steigerung menschlicher Dinge. Der Herrscher wird zum Gott, die politische Entscheidung ist Erlösung, der Wellness-Aufenthalt ist wie eine Wiedergeburt. »Flankengötter« und »Fußballengel« flattern im Moment über die Bildschirme. Cultus heißt auf Lateinisch »Pflege«, »Verehrung«. Da können auch Heino und Löw neben und anstelle des Gottesdienstes treten. Neue Gurus. Oft sind es aber gar nicht Personen, sondern Produkte. Norbert Bolz hat diesen Konsumismus provozierend als Neureligion beschrieben.

 
Leser-Kommentare
  1. Wow, sehr gutes Interview.Die in meinen Augen entscheidenden Sätze:"Erklärungen sind schnell gefunden. Worüber wir aber insgesamt viel zu
    wenig wissen, ist, wie die Teilnehmer an solchen Kulten ihr Handeln verstehen und wie solche Kulte in Anbetracht völlig
    unterschiedlicher Verständnisse ihrer Teilnehmer (von Experten bis hin
    zu Kindern und Zuschauern) funktionieren
    können."Zwei Fragen, die min. eine dritte Generieren:a.) Die Innenperspektive, derer, die ein Ritul ausüben.b.) Die 'funktionsweise' des Rituals innerhalb der Gruppen, die ein Ritual ausüben --> was bewirkt es und warum funktioniert es trotz aller unterschiedlicher Verständnisse.--> daraus die Frage nach dem Zusammenhang von Individuum und Gemeinschaft qua der Funktionsweisen, die durch ritale zum Tragen kommen.

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