Auf Diktatur folgt Demokratie, ist die glückliche Erfahrung dreier großer Demokratisierungswellen seit 1945. Und was folgt auf die Demokratie? Es wächst die Sorge über ihre Stabilität in den Kernländern wie über ihren Reiz als Exportgut. In China und Russland zeigen autoritäre Modernisierer, dass Kapitalismus auch ohne Demokratie geht, im Westen haben die Bürger oft das Gefühl, sich nicht mehr wirksam beteiligen zu können.

In der Annahme, dass Demokratie kein selbstverständliches Gut mehr ist, erscheinen nun eine Reihe von Büchern, die die Ursachen der Legitimationskrise ergründen wollen. Das schlanke Buch des britischen Sozialwissenschaftlers Colin Crouch erschien bereits 2004 und ist jetzt übersetzt worden. Seine These, was auf die Demokratie folgen könnte, lautet: "Während die demokratischen Institutionen formal weiterhin vollkommen intakt sind (und heute sogar in vielerlei Hinsicht weiter ausgebaut werden), entwickeln sich politische Verfahren und die Regierungen zunehmend in eine Richtung zurück, die typisch war für vordemokratische Zeiten. Der Einfluss privilegierter Eliten nimmt zu, in der Folge ist das egalitäre Projekt zunehmend mit der eigenen Ohnmacht konfrontiert."

Nach der Demokratie ist also nicht vor der Demokratie, aber die liberale Demokratie verliert nach dem Durchlaufen einer parabelförmigen Lebenskurve ihr Lebenselixier: die politische Gleichheit aller. Es bleibt nur die dramatisch sinkende Beteiligung an politischen Wahlen, während wesentliche Entscheidungen faktisch an das ökonomische System übertragen sind. Regierungen sind nicht mehr in der Lage, private Macht zu begrenzen, sie werden missmutig abgewählt, weil sie wenig ausrichten können. Postdemokratie heißt also: "In einem gewissen Sinne haben wir die Idee der Herrschaft des Volkes hinter uns gelassen, um die Idee der Herrschaft selbst infrage zu stellen."

Diese Sorte Anarchie ist nun gar nicht nach Crouchs Geschmack, denn sie beruht, wie er in fünf analytisch dichten Kapiteln zeigt, auf einem rechtslastigen Populismus, der die Manipulationsmacht und Korruption der Wirtschaftseliten nicht nur nicht einschränkt, sondern – siehe Berlusconi – geradezu feiert. Globale Unternehmen als neue Schlüsselinstitutionen der postdemokratischen Welt haben nicht nur die Arbeiterparteien und Gewerkschaften entrechtet, sie höhlen auch Idee und Praxis des öffentlichen Dienstes aus. Mit dem Kollaps der "fordistischen" Massenproduktion sind seit den siebziger Jahren sämtliche Grundlagen der europäischen Sozialstaatlichkeit obsolet geworden, von der in der New-Deal-Phase auch die US-Demokratie beeinflusst war. Nun agieren Parteien ohne Mitglieder und geben Spindoktoren den Ton an.

Crouch sieht Anzeichen, wie man die Dominanz der ökonomischen Eliten nicht brechen, aber begrenzen kann. Er diskutiert Vorschläge, wie soziale Bewegungen und Innovationen bei der Parteienfinanzierung und in den Wahlverfahren die Parteien revitalisieren könnten, die er keineswegs abschreiben möchte. Am Beispiel der Globalisierungskritiker sieht er auch neue kollektive Identitäten wachsen, die nach politischem Ausdruck suchen. Zugleich sinkt das Ansehen der Wirtschaftseliten derart flagrant, dass man vom Verfall der neoliberalen Hegemonie sprechen darf.

Der renommierte Politologe ist von New Labour enttäuscht, macht jedoch aus seiner im weiteren (und klassischen) Sinne sozialdemokratischen Neigung keinen Hehl. Angesichts des bedenklichen Zustandes der SPD wünscht man sich auch als unparteiischer Bürger und Wissenschaftler eine starke Sozialdemokratie, die für die Revitalisierung der Demokratie unverzichtbar ist. Dieses Buch könnte die SPD, die offenbar von allen guten Geistern verlassen und von falschen Ratgebern umzingelt ist, zugleich ernüchtern und ermuntern. Claus Leggewie

Colin Crouch: Postdemokratie