Zunächst dachte ich mir nichts dabei, dass ich wochenlang keinen Finger rührte, obwohl ich mir vorgenommen hatte, ein Buch zu schreiben. Ich blieb entspannt, wissend, wie sehr ich an einen äußeren Rahmen gewöhnt bin, an ein Büro mit seinen Terminen und Aufgaben. Rechtzeitig ergriff ich Gegenmaßnahmen.

Dinge, die ich getan habe, um mich zum Arbeiten zu zwingen: Mich in ein Journalistenbüro eingemietet, wo ich ein paar Tage lang konzentriert arbeitete, um dann wieder in den alten Schlendrian zu verfallen – Börsenkurse überprüfen und bei dem Onlinecomputerspiel Hattrick eine virtuelle Fußballmannschaft betreuen. Den Computerhändler gefragt, ob es möglich sei, eine Art Zeitschaltuhr in meinem Computer einzurichten, die meine Internetzeit begrenzen würde. Ja, geht, ich müsse nur das Passwort für das Programm einer Person überlassen, die es mir auch auf Betteln nicht geben würde.

Aus dem Internet das Programm Life Balance heruntergeladen, in welchem ich täglich eintragen kann, wie viele Stunden ich an welchen "Projekten" gearbeitet habe, in der Hoffnung, dass mir ein Kuchendiagramm zum Monatsende vor Augen führen würde, was ich schon wusste: dass ich dabei bin, mein Leben zu verschwenden. Mit anderen freien Journalisten, Halbtagshausfrauen und Doktorandinnen darüber geredet, warum es uns nicht möglich ist, diese Freiheit zu genießen, wenn wir sie schon nicht nutzen können. Wie es also sein kann, dass man etwas tun will, es dann aber nicht tut. Festgestellt, dass etwa zwei von zehn Leuten Disziplingenies sind, mit einem aufgeräumten, erfolgreichen Leben. Die Biografien der anderen haben alle denselben Refrain: Little things I should have said and done. I just never took the time .

Mir, während wir noch diskutierten, ob der Mensch für die Freiheit geschaffen sei, heimlich gedacht, dass das natürlich alles Ausreden sind, hinter denen mich zu verstecken ich nicht den Fehler begehen würde. Was aber nichts änderte.

Mir vorgestellt, ich sei entführt worden wie Jan Philipp Reemtsma. Bei guter Behandlung in einen Raum eingesperrt mit Papier und Bleistift. Autorentraum. Mich daran erinnert, dass Reemtsma seine Bücher in großer, sogar finanzieller, Freiheit geschrieben hat. Ich bin meinerseits vom Typus vergleichbar mit Schwerverbrechern, deren Leben eine Abfolge chaotischer Ereignisse war, bis sie, eingesperrt in eine Zelle, in fünf Jahren ein Doppelstudium in Jura und Theologie vollendeten (und gleichzeitig ihren Körper in Form brachten). Danach sagten sie meistens, dass Gott einen neuen Menschen aus ihnen gemacht habe, wo es in Wahrheit doch nur vier Wände und eine verschlossene Tür waren.

Mir vorgestellt, wie ich im Sterben liege und trauere, über all die Bücher, die ich nicht geschrieben habe, CD-Sammlungen, die ich nie digitalisiert, Spenden, die ich nicht überwiesen, Menschen, für die ich keine Zeit gehabt, Bikinifigur von 1988, die ich nie wieder erreicht habe. Über das Leben, das ich nicht geführt habe, weil ich zu faul war.

Bestimmte selbst gewählte Handlungen zu einem bestimmten Zeitpunkt auszuführen ist mir, das musste ich nach einigen Wochen akzeptieren, genauso unmöglich wie einer Querschnittgelähmten: Es ist, als würden die Impulse meines Gehirns nicht an meinen Körper übertragen. Mit dem Unterschied, dass ich, sobald diese Befehle von außen kommen, dazu in der Lage bin. Was ich will, scheint dabei kaum eine Rolle zu spielen. Aber warum? An welcher Stelle versendet sich das Signal meines Willens auf seinem Weg durch mein Gehirn zu meinen Nervenbahnen, zu meinen Füßen und Händen, sodass ich auf dem Sofa liegen bleibe, obwohl ich aufstehen will?