Klettergeschirr anlegen, Sturzhelm aufsetzen, die 100 Meter lange Sprossenleiter im Stahlturm hinaufklettern, zwischen Getriebe und Generator durch die heiße Gondel kriechen und dann die Dachluke öffnen: Steif bläst der Nordwest ins Gesicht. Vorne drehen sich 60 Meter lange Rotorblätter, dahinter sieht man nur das Meer. Noch steht in Deutschland kein Windrad ganz weit draußen in der See, doch die Prototypen der größten Anlagen sind dicht an die Nordseeküste vorgerückt, einige sogar ein paar Meter ins Wasser. Nach über zehn Jahren der Planung von Offshore-Windparks wird im Sommer nun der erste gebaut.

Alpha Ventus heißt das Testfeld, das außer Sichtweite 45 Kilometer vor Borkum entstehen und von Oktober an so viel Strom produzieren soll, wie 100000 Menschen zu Hause verbrauchen. Erzeugt wird er von einem Dutzend Fünf-Megawatt-Windrädern, jedes so hoch wie der Kölner Dom und 1000 Tonnen schwer. Sie sollen in den nächsten Wochen aus 30 Meter tiefem Wasser wachsen. Die Baukosten von 180 Millionen Euro sind rund dreimal so hoch wie für eine vergleichbare Anlage an Land. Dafür bläst der Wind auf dem Meer stärker und stetiger. Bis zu 20 Millionen Kilowattstunden erhofft man von jedem Windrad pro Jahr, fast doppelt so viel wie von besten Standorten auf Bergen oder an der Küste. Die jüngste Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) fördert von 2009 an zusätzlich die Rentabilität mit einem Garantiepreis von 15 Cent je Kilowattstunde aus Meereswind, sechs Cent mehr als für Landwindstrom. So will die Bundesregierung ihr ehrgeiziges Ziel für 2030 erreichen, mit Offshore-Windenergie 15 Prozent des deutschen Strombedarfs zu decken. 4000 bis 5000 gewaltige Windräder und 75 Milliarden Euro Investitionen wären dafür nötig.

An Land sind die attraktiven Windstandorte längst vergeben. Große Gebiete für den ehrgeizigen Plan in der Nordsee sind bereits genehmigt (siehe Karte). Einige Anlagen sollen auch in der Ostsee entstehen. Die Technik erscheint nach anfänglichen Fehlschlägen in küstennahen dänischen und britischen Windparks reif für den Sprung aufs offene Meer. Die Investoren erwarten eine zehnprozentige Jahresrendite. Zumindest für Alpha Ventus ließ sie sich gut abschätzen. Denn neben dem Bauplatz misst seit 2003 die Forschungsplattform Fino mit ihrem 100 Meter hohen Mast den Nordseewind. Seine durchschnittliche Geschwindigkeit beträgt 35 Stundenkilometer, doch entscheidender sind die Extremwerte. Flautetage waren selten, das ist positiv. Riskant können Winterorkane werden. Böen mit 164 km/h, weit mehr als Windstärke 12, hat Fino in der Silvesternacht 2006 gemessen. Die höchsten Wellen erzeugte ein Sturm zwei Monate vorher. Sie zerschlugen die Hälfte aller Kabelkanäle bis auf 15 Meter Höhe über dem Meeresspiegel.

Um sich gegen solche Wucht zu wappnen, stehen die Offshore-Windräder auf gewaltigen drei- oder vierbeinigen Stahlkonstruktionen. Sie werden zusätzlich mit 25 Meter langen Stahlpfählen im Meeresgrund verankert. Besonders robuste Lager und Dichtungen sollen gegen Vibrationen und das Salz in der Luft schützen. Trotzdem bleiben die Wartungskosten die größte Unbekannte in der Kalkulation. Die Belastung aller beweglichen Teile von Offshore-Windparks ist größer als an Land, und wenn etwas kaputtgeht, ist die Reparatur kompliziert.

Nur an wenigen Tagen mit ruhiger See können Mechaniker per Schiff anlegen. Schwierigkeiten wird es vor allem geben, wenn der Wind stark und der Wellengang hoch ist. Gerade dann führt jeder Stillstand zu hohen Verlusten, weil große Strommengen ausfallen. Wartungsarbeiter und Material müssen mit teuren und riskanten Helikopterflügen antransportiert werden. 20 Prozent der Jahreskosten legen die Betreiber von Alpha Ventus für Stillstand und Wartung zurück. An Land sind sechs Prozent üblich.

Wer Kraftwerke im Meer bauen will, braucht Finanzkraft. Betreiber des Testfeldes Alpha Ventus sind der größte und der viertgrößte deutsche Energiekonzern, E.on und Vattenfall. Ein 50-Millionen-Euro-Zuschuss des Forschungsministeriums dämpft ihr Risiko. Auch die beiden Hersteller der ersten Offshore-Windräder sind keine Öko-Davids: Multibrid gehört dem französischen Nuklearkonzern Areva und REpower seit 2007 einem indischen Multi. Den zweiten, über eine Milliarde Euro teuren Nordsee-Windpark hat Arngolt Bekker in Angriff genommen, ein ehemaliger Gasprom-Aufsichtsrat (ZEIT Nr. 26/08). Auch EnBW, der drittgrößte deutsche Energiekonzern, will groß einsteigen und hat die Rechte an vier genehmigten Gebieten in Nord- und Ostsee gekauft.

Auf die Zukunft der Windkraft setzt auch der Heidenheimer Turbinenbauer Voith. Er hat ein Automatikgetriebe entwickelt, das die wechselnde Geschwindigkeit der Rotorblätter in eine konstante Drehzahl verwandelt. So kann der Generator ohne weitere Elektronik Wechselstrom mit passender Frequenz ins Netz speisen. Eine Pilotanlage mit der Voith-Technik steht in Cuxhaven direkt hinter dem Deich.

Rund 400 Millionen Euro fließen derzeit an der Nordseeküste in den Aufbau der Offshore-Windindustrie, 250 Millionen werden allein in Bremerhaven investiert. Hier haben Multibrid und REpower die Produktion aufgenommen, nebenan entstehen Unterwasserfundamente und die riesigen Rotorblätter. Über einen neuen Schwerlastkai können die Kolosse aus Stahl und Glasfaser verschifft werden.

Auch die Wissenschaft mischt mit. So hat das Fraunhofer-Center für Windenergie und Meerestechnik ein Testzentrum für Rotorblätter eingerichtet. Ein paar Kilometer weiter können sie in einem neuen Windkanal vermessen werden, die Hochschule bietet einen entsprechenden als Studiengang. "Wir rechnen mit 1000 Arbeitsplätzen in der Offshore-Industrie", sagt Jan Rispens von der Bremerhavener Windagentur, dem staatlich finanzierten Lobbyverein der Branche. Zehn Jahre nach dem Konkurs der letzten Großwerft setzt die strukturschwache Region im Nordwesten auf eine industrielle Renaissance.