Medien Klasse, nicht Klicks

Die Zeitung muss Standards wahren, um im Netz zu überleben, meint Josef Joffe

Die Zeitungsauflage fällt weltweit, und das Gegengift heißt »Online«. Die Zauberworte heißen auf Neudeutsch »Klicks«, »Visits« und »User Generated Content«, also: Lasst die Nutzer schreiben. Die bilden eine »Community«, und die produziert »Cash«, weil die »Gemeinde« ein maßgeschneidertes Werbe-Umfeld hergibt.

Einige Zeitungen, vorweg die Washington Post, verdienen schon viel Geld mit Online. Warum? Nicht weil sie die »User« mit ihren Kommentaren und Filmchen einspannt, sondern weil sie ihren hohen Standard aufs Web überträgt, also mit Klasse, nicht mit Klicks arbeitet.

Die Post ist nicht hoffnungslos uncool, sondern betreibt, was seit Simeon Stylites (ca. 390 bis 459 n.Chr.) guten Journalismus ausmacht. Der Mann lebte 37 Jahre lang auf einer Säule in Syrien, von wo aus er Briefe und Reden schrieb, die seinen Ruhm bis an den Hof des Kaisers trugen. Da »Säule« auf Latein columna heißt, war Simeon wohl der erste »Kolumnist«, der Urvater des Journalismus.

Warum haben seine Schriften überlebt? Nicht weil seine Leser an der Säule ihre Kritzel-Kommentare ablegten, etwa »Du überhebst dich über uns, komm runter« oder »Du checkst das nicht, weil du nie mit den Kids redest«. Sondern weil er etwas zu sagen hatte, was interessant und wichtig war. Mithin erzeugt der gute Journalismus die Klicks, nicht umgekehrt. So entsteht Aufmerksamkeit, nicht durch spontane Ergüsse, etwa: »Du bist bescheuert, Simeon!« Oder umgekehrt: »Du bist der Größte im Römischen Reich!«

Anders ausgedrückt: Aus Community lässt sich Cash machen (siehe Facebook), aber noch nicht Journalismus, jedenfalls kein guter. Wüten und Jubeln machen noch keine Öffentlichkeit; die entsteht in der regelhaften Rede. Qualität, nicht Quasseln schafft Leserbindung.

Qualitätszeitungen haben einen Ruf – und einen zu verlieren. Wer das profitable Onlineangebot der Washington Post nutzt, bezeugt per Klick und Verbleib deren Güte. Treibt aber der Nutzer den Inhalt, dann ist das wie ein Flohmarkt: Es fehlt die Zeit, das kostbarste Gut, um im Gewühl die Kleinode zu entdecken, und der Interessierte wandert weiter.

Werbekunden denken ähnlich. Deshalb geht Aldi zu Bild, deshalb gehen Qualitätsproduzenten zu Qualitätszeitungen. Doch auf Papier Exzellenz, in den Foren anything goes? Damit sägen wir an der Säule, auf der wir sitzen.

Was macht denn guter Journalismus? Er trennt das Interessante vom Belanglosen. Er sortiert, wählt aus und deckt eine wunderbare Tafel. Er macht neugierig, aber nicht mit dem Dahergeplauderten. Seine Daseinsberechtigung ist die Autorität, hinter der Kenntnis und Urteil stehen. Doch wo content user-generated ist, braucht der Nutzer die »Pressbengel« (Bismarck) nicht mehr. Und die Werbeindustrie auch nicht. Anything goes heißt doch auch Anybody can do it.

Die Post ist erfolgreich, weil sie ihre Autorität auf Online übertragen hat. Online wird gelesen (und von der Werbung finanziert), weil dort Sachkenner über Obama und Ölkrise schreiben – nicht aus dem Impuls heraus, sondern überlegt und informiert.

Das ist nicht die Zeitung von gestern, sondern ihre Zukunft.

 
Leser-Kommentare
  1. lesen alle Zeit-Redakteure diesen Artikel und verinnerlichen ihn.

  2. 2. Jein

    Guten Journalismus macht - für mein Empfinden - insbesondere eine neutrale, sachlich korrekte und differenzierte Betrachtung der Dinge aus. Das hebt ZEIT online von anderen sehr populären Onlinepublikationen ab.Neutral, sachlich korrekt und differenziert: das kann aber auch ein gutes Webforum bieten - sofern man etwas Erfahrung im Umgang mit Foruminhalten hat.Letztlich gehts aber um die Frage, wieviele User überhaupt an gutem Journlismus interessiert sind und wieviele User überhaupt noch guten von schlechtem Journalismus unterscheiden können.

  3. 3. Danke!

    Sehr geehrter Herr Joffe,

    danke! Dem kann ich nur zustimmen. Und es ist auch wünschenswert, dass guter Journalismus auch immer entsprechend bezahlt wird - wie generell herausragende kulturelle Beiträge. Davon abgesehen glaube ich, dass die Diskussion um User-Generated-Content maßlos überschätzt wird. Nicht alle Menschen haben Zeit und Lust sich ständig zu "produzieren" und das meiste ist in der Tat wenig wertvoll bzw. hauptsächlich Privatkram. Es gibt natürlich auch sehr gute Beispiele, von "User Generated Content", aber die lassen verglichen mit der Menge an einer Hand abzählen. Wie z.B. Netzpolitik.org.Die Perlen, die im sogenannten Web 2.0 oder Blogosphere an der einen oder anderen Stelle entstehen, werden früher oder später ohnehin von den klassischen Angeboten entdeckt und eigenbunden. Insofern stellen solche Plattformen wie Blogs etc. eher eine schöne Spielwiese für junge journalistische Nachwuchstalente dar - leben kann davon auf Dauer keiner. Ausprobieren, üben, sich anbieten, sich er vernetzen aber schon, sogar sehr gut!Interessanter Weise sind die bekanntesten Blogger zumeist ja auch Journalisten bei großen Zeitungen, oder sie verfügen über anderweitige Reputationen aus den klassischen Medien. Diese Qualifikation scheint für die Glaubwürdigkeit immer noch einen hohen Stellenwert zu haben (siehe Stefan Niggemeier für die FAS). Ich persönlich habe auch keine Lust mir von Hinz und Kunz die Welt erklären zu lassen, nein, da lese ich lieber Artikel, Geschichten und Kolumnen von Menschen, von denen ich weiß, dass sie qualifiziert sind und entsprechend arbeiten.Wenigstens gehen Sie soweit, dass auch Sie der Meinung sind, dass die Zukunft der Zeitung im Netz liegt - das ist wohl eine unumkehrbare Tatsache. Beste Grüße und weiterhin frohes und qualitätvolles Schaffen!

  4. Deren Online-Ausgabe unterscheidet sich in mindestens drei Punkten von der der "Zeit": Zunächst ist es so, dass die ganze Zeitung, nicht nur ausgewählte Artikel, frei zu lesen ist.Dann müssen Leserkommentare bestimmet Mindeststandards erfüllen, um erscheinen zu können. Zu diesen Standards zählen orthographische Kriterien nicht und grammatikalische kaum. Es wird sehr kontrovers diskutiert, aber undenkbar ist, dass eine Diskussion dort "aufgemischt" werden könnte. Schliesslich nehmen z.B. Redakteure oft noch nach einer Diskussion zu ihrem Artikel noch einmal Stellung, greifen einzelne Kommentare auf und gehen auf sie ein.So gelingt es dort, die Identität der Zeitung zu bewahren und die "Community" zur Bereicherung werden zu lassen.Diese Identität muss aber vorhanden sein. Wenn ich in Ihrem Webangebot angepriesen sehe: "Alles, was Sie über Rechtsextemismus wissen müssen", oder unter Nachrichten: "Neues aus dem Hause Spears", oder einfach so mal kopiere und dann gestern oder vorgestern dies angle:"EM 2008In der Bundesliga gelerntVon Adrian BauerKeine Liga stellt so viele EM-Spieler wie die deutsche. Zehn bekannte Kicker, die in den Alpen zum Helden oder zur tragischen Figur ihres Teams wurden. Eine Galerie  […] »    *      "Reden mit Fritz" - Muss Deutschland im Halbfinale verlieren? Kolumne »    *      EM-Tagebuch - „Luca Toni ist auch blöd“ »,"finde ich, es gibt da einiges in Ordnung zu bringen. Auch die NYT ergreift Partei, lange deutlich für Senator Clinton. Dies führte aber auch zu umso ausführlicherer Darstellung der Gegenpositionen. Die kommen mir bei Ihnen, gerade was das Verhältnis Ihrer Zeitung zu den Reformen der letzten Jahre angeht, viel zu kurz.Und ein letztes: So eindeutig, wie dies bei Herrn Naumann der Fall ist und auch schon der Fall war, als er aus der Schröderregierung wieder zur Zeit wechselte, sollte ein Herausgeber nicht mit einer politischen Partei verbunden sein. In meinen Augen hat dies zu einem erheblichen Qualitätsverlust Ihres Blatts geführt.

  5. Vielen Dank Herr Joffe,
    felsenfest bin ich überzeugt davon, dass auch im Jounalismus wieder Qualität stärker nachgefragt und sich durchsetzen wird. Machen Sie bitte diesen Artikel zur Pflichtlektüre für alle Redaktionsmitarbeiter. Das auch DIE ZEIT in dieser Frage Nachholbedarf hat, wurde bei einem meiner Vor-Kommentatoren auszugsweise deutlich gemacht.

  6. In einem offensichtlich von einem chinesischen „Community-Mitglied“ verfassten Artikel, der eine eher der offiziellen Darstellung der Ereignisse in Tibet nahe Sicht vertritt, heisst es:

    „Ein Han-Chinese,der die Unruhen miterlebt hat,berichtete, dass ... eine chinesische Frau bei den Unruhen von einem Lama vergewaltigt wurde.“

    Man mag in Bezug auf Tibet eine völlig andere Sicht der Dinge haben als der Autor, ein gewisser Huaxia, dies rechtfertigt aber doch nicht folgende Reaktionen, die seit mehr als 4 Tagen unter der Überschrift ZEIT&&ONLINE unbeanstandet im Netz stehen:

    „1. Das Lama gehört lebenslang in den Zoo

    Was sagen Sie da?

    Eine Frau wurde von einem Lama vergewaltigt? Schlimm, dass es bei den März-Unruhen demnach sogar auch zu Sodomie gekommen ist!

    Mehr (Beantworten/Bewerten)“

    und:


    2. Jaja, ich weiß

    Gleiches oder ähnliches ist aus den Reden der islamistischen Propagandisten schon hinlänglich bekannt. Kennen wir alles schon. Aber ist gut daß mal darüber geredet wurde.

    Gibt's sonst noch was zu erfinden?
    Vielleicht hat einer ne Idee, wie man die Nagelschere verbessern kann. Ich tu mich mit der linken immer etwas schwer.

    @DonPedro: Was ist aus dem Lama geworden?
    Mehr (Beantworten/Bewerten)“ Schämen Sie, Herr Joffe, sich nicht, dass solch obszöner Zynismus mit Ihrer Zeitung in Verbindung gebracht werden kann?

    -----Ein anderes Beispiel: In einer Online- Diskussion zum Nein der Iren zum EU-Vertrag bringt ein Franzose in etwas holprigem Deutsch unter der Überschrift

    „ 41. Frage aus Frankreich“

    die Möglichkeit eines Referendums auch in Deutschland ins Spiel. Was bekommt er als erstes zur Antwort?

    „Dies ist eine Antwort auf Kommentar Nr. 41

    (entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Die Redaktion/jk)
    es isst schöne zur wissen, dat in FRankreich der Politick schon so referendisch sei. Nur ihre Frage: ich persönlich glauhoffe, dass die Männschen in Germaninien noch ein wenig am üben sind bis ihr soweit seit.“

    Ein anderer „User“ - nein, nicht ich -, entsetzt, kramt sein löchriges Schulfranzösisch hervor und entgegnet:

    „55. non, c'est pas
    Dies ist eine Antwort auf Kommentar Nr. 41

    [Musste leider gelöscht werden, bitte halten Sie sich an Deutsch und Englisch als die hier geltenden Verkehrssprachen. Danke. /Die Redaktion pt.]
    Mehr (Beantworten/Bewerten)“

    Ich finde diese Fälle schockierend, und wenn ich mir überlege, dass die Zeit in ihrer Online-Ausgabe von jedem weltweit gelesen werden kann, auch völlig verantwortungslos.[Danke für die Hinweise/ Redaktion; svb]

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sehr geehrter cole younger,vielen Dank für Ihre Hinweise. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das Einkopieren von Zitaten ohne den entsprechenden Diskussionszusammenhang ein adäquates Bild zeichnet. Wie in Ihren Beispielen zu sehen ist, hatten wir entsprechende Passagen zudem bereits moderiert.Wir freuen uns aber, dass Ihnen an einer weiteren Verbesserung des Diskussionsklimas gelegen ist. Um mit uns, der Redaktion, in Dialog zu treten, können Sie sich jederzeit an uns wenden, nicht nur in der Community selbst, sondern auch per privater Nachricht oder E-Mail (kommentare@zeit.de). Gleiches gilt für den Fall, dass Sie Kommentare beanstanden möchten, die Ihrer Meinung nach unangebracht sind und unseren Regeln widersprechen. Eine E-Mail an uns genügt und wir gehen dem Hinweis nach.Mit freundlichen Grüßen,Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT online

    > kramt sein löchriges Schulfranzösisch hervor und entgegnet:> „55. non, c'est pas ..das eigentliche problem war eher eine umgangssprachliche laxheit ohne die nötige übung. zu spontan, wie immer nicht lang und breit auf korrektheit geprüft, "abgefeuert" halt. wie das dann halt so ist mit sprachen, die nicht die eigenen sind: man sieht sich tout à coup mit dem "experten", der diese sprache von klein auf spricht,  konfrontiert, erstarrt für einen moment zur säule (um beim topic zu bleiben) - augen zu und durch ... am ende stößt sich der zweitprüfer nur daran, daß man einen perfiden provencalen accent hat ;-)geht nach 7 tagen aber mittlerweile leicht von den lippen, man entdeckt, daß der patron auch ein begeisterter fan des musée quaie branly ist, holländer vielleicht deutsch können, das aber nie mit einem deutschen sprechen würden, beim endspiel die spanier anfeuern, als wären sie in orange statt rot und daß, wenn man mit ihnen den regionalen rotwein teilt, das gänzlich ungeübte englisch besser funktioniert, als erhofft.grüße aus den pyrenäen

    Sehr geehrter cole younger,vielen Dank für Ihre Hinweise. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das Einkopieren von Zitaten ohne den entsprechenden Diskussionszusammenhang ein adäquates Bild zeichnet. Wie in Ihren Beispielen zu sehen ist, hatten wir entsprechende Passagen zudem bereits moderiert.Wir freuen uns aber, dass Ihnen an einer weiteren Verbesserung des Diskussionsklimas gelegen ist. Um mit uns, der Redaktion, in Dialog zu treten, können Sie sich jederzeit an uns wenden, nicht nur in der Community selbst, sondern auch per privater Nachricht oder E-Mail (kommentare@zeit.de). Gleiches gilt für den Fall, dass Sie Kommentare beanstanden möchten, die Ihrer Meinung nach unangebracht sind und unseren Regeln widersprechen. Eine E-Mail an uns genügt und wir gehen dem Hinweis nach.Mit freundlichen Grüßen,Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT online

    > kramt sein löchriges Schulfranzösisch hervor und entgegnet:> „55. non, c'est pas ..das eigentliche problem war eher eine umgangssprachliche laxheit ohne die nötige übung. zu spontan, wie immer nicht lang und breit auf korrektheit geprüft, "abgefeuert" halt. wie das dann halt so ist mit sprachen, die nicht die eigenen sind: man sieht sich tout à coup mit dem "experten", der diese sprache von klein auf spricht,  konfrontiert, erstarrt für einen moment zur säule (um beim topic zu bleiben) - augen zu und durch ... am ende stößt sich der zweitprüfer nur daran, daß man einen perfiden provencalen accent hat ;-)geht nach 7 tagen aber mittlerweile leicht von den lippen, man entdeckt, daß der patron auch ein begeisterter fan des musée quaie branly ist, holländer vielleicht deutsch können, das aber nie mit einem deutschen sprechen würden, beim endspiel die spanier anfeuern, als wären sie in orange statt rot und daß, wenn man mit ihnen den regionalen rotwein teilt, das gänzlich ungeübte englisch besser funktioniert, als erhofft.grüße aus den pyrenäen

  7. eines Heizers auch für ne E-Lok seine Unerlässlichkeit anzupreisen

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    Nun, das Feuer eines guten Journalisten wird auch die E-Lok Internet vorantreiben, wenn er sich im Übereifer nicht selber verbrennt: wenn ein Autor tatsächlich der Facebook-Community vorwirft, keinen Qualitätsjournalismus zu betreiben, ist das nicht unbedingt eine Vertrauensempfehlung an die geneigte Leserschaft (die hier ja sowieso mit "User" bezeichnet wird, was sich so unschön auf Loser reimt. Aber vielleicht sind meine Literaturwissenschaftlerkontaktlinsen ein bissl rauchzeichenbeschlagen?). Hat Herr Joffe sich vielleicht in jungen Jahren auch in dem ein oder anderen Krümelbuch/Poesiealbum zu seinen Lieblingsspeisen/-farben/-filmen/-tieren geäußert? Mal was auf die Schulbank geritzt? Oder ist er in jeder Pause mit Bleistift und Notizbuch hinter dem NEW YORKER verschwunden, zwecks Schulung von Stilempfinden usw.?Ich denke Qualitätsjournalismus ist der, den Leser erkennen, der beim Leser ankommt, in every sense of the word: some articles are born great, some achieve greatness, and others have greatness thrust upon them.  Klar ist der Facebookinfantilismus kein Grund zum Jubeln. Aber er ist Grund, die Sache in die Hand zu nehmen, und eine Lesergemeinschaft zum mitlesen, mitdenken und mitreden zu animieren, in dem man sie ernst nimmt und ihr vertraut, sie fordert. Denn sonst liegt der Unterschied zwischen einem Artikel in der Zeit und einem miefigen Spruch an der Facebook-Wall (oder auf der Tür zum Schulklo), "Ihr Facebooker seid blöd" nur noch im gewählteren Stil...

    Nun, das Feuer eines guten Journalisten wird auch die E-Lok Internet vorantreiben, wenn er sich im Übereifer nicht selber verbrennt: wenn ein Autor tatsächlich der Facebook-Community vorwirft, keinen Qualitätsjournalismus zu betreiben, ist das nicht unbedingt eine Vertrauensempfehlung an die geneigte Leserschaft (die hier ja sowieso mit "User" bezeichnet wird, was sich so unschön auf Loser reimt. Aber vielleicht sind meine Literaturwissenschaftlerkontaktlinsen ein bissl rauchzeichenbeschlagen?). Hat Herr Joffe sich vielleicht in jungen Jahren auch in dem ein oder anderen Krümelbuch/Poesiealbum zu seinen Lieblingsspeisen/-farben/-filmen/-tieren geäußert? Mal was auf die Schulbank geritzt? Oder ist er in jeder Pause mit Bleistift und Notizbuch hinter dem NEW YORKER verschwunden, zwecks Schulung von Stilempfinden usw.?Ich denke Qualitätsjournalismus ist der, den Leser erkennen, der beim Leser ankommt, in every sense of the word: some articles are born great, some achieve greatness, and others have greatness thrust upon them.  Klar ist der Facebookinfantilismus kein Grund zum Jubeln. Aber er ist Grund, die Sache in die Hand zu nehmen, und eine Lesergemeinschaft zum mitlesen, mitdenken und mitreden zu animieren, in dem man sie ernst nimmt und ihr vertraut, sie fordert. Denn sonst liegt der Unterschied zwischen einem Artikel in der Zeit und einem miefigen Spruch an der Facebook-Wall (oder auf der Tür zum Schulklo), "Ihr Facebooker seid blöd" nur noch im gewählteren Stil...

  8. „Anything goes“ - diesen Eindruck gewinnt man, wenn man die EM-Berichterstattung in der Zeit online verfolgt. Sogar einer Ihrer prominentesten politischen Kommentatoren, Bernd Ulrich, verfasst eine tägliche Kolumne aus Ascona, „Reden mit Fritz“.

    Man mag Ulrich für einen brillianten Leitartikler halten oder auch nicht - ich persönlich neige eher dazu, seine Beiträge nicht gerade für Sternstunden des Journalismus zu halten und habe dies auch schon verschiedentlich konkreter zum Ausdruck gebracht -, dieses sein neues Thema bekommt jedoch so oder so schon vom Umfang her ein falsches Gewicht.

    Wer sich in jener Kolumne aber vom, so weit ich weiss, stellvertretenden Chefredakteur der Zeit und Leiter des Politik-Ressorts treffende Analysen aus einer kritischen Distanz erhofft, sieht sich enttäuscht. Statt dessen ist man mit einer vor dem Hintergrund des Turniers entwickelten, eher unreflektierten, Weltsicht konfrontiert, die mehr an Karl May und seinen unterschwelligen Nationalismus erinnert - ich habe dies unter

    http://kommentare.zeit.de...

    ausführlicher kommentiert - als an scharfe Analysen, die den dumpfen Gefahren, die bei so einer Veranstaltung immer zu lauern scheinen, mit klarem Intellekt begegnen könnten.

    Gerade wenn sich Schreiber aus der Printredaktion zu Wort melden, sollte, auch im Sinne des hier kommentierten Beitrags, m.E. auf Qualität grösster Wert gelegt werden. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, eine Art Urlaubsstimmung macht sich breit - Ballermann-Atmosphäre.

    Es gibt eine einfache Alternative: Sie könnten versuchen, das Niveau eines breiten Publikums allmählich auf das der Zeit zu heben, und so einen weiteren, wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten, oder Sie opfern das vorhandene Niveau den Schreihälsen, was sich langfristig als ruinös erweisen dürfte. Sie haben die Wahl.

    Mein zweiter Kommentar, oben, enthält in der Überschrift auch eine Handlungsempfehlung. Vorher sollten Sie jedem User seine Beiträge per e-mail zukommen lassen und anschliessend, in etwa wie oben am Beispiel der NYT erläutert, neu anfangen. Wer will, kann seine Kommentare ja wieder posten und dann hoffen, dass sie für wert befunden werden, online zu erscheinen. Dieser Rat mag unerbeten sein, unprovoziert ist er nicht - und daher dringend.

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  • Serie Internet-Spezial
  • Quelle DIE ZEIT, 26.06.2008 Nr. 27
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