Ernährung "Ihren Fitness-Ausweis, bitte!"
Gesundheitspolizei, Diät-Wahn, Fitness-Kontrollen: So könnte unser politisch korrektes Leben einmal aussehen. Eine Zunkunftsvision
"Was darf’s denn sein?", fragt der Kellner. - "Ich hätte gerne das argentinische Riesensteak mit Bratkartoffeln, dazu eine Flasche Rotwein bitte.“ Der Kellner mustert mich prüfend. "Dann müsste ich laut Gesetz zum Schutze vor Übergewicht kurz einen Blick auf ihren Fitness-Ausweis werfen", entgegnet er mir streng. "Das Steak darf ich Ihnen nur verkaufen, wenn Ihr Body-Mass-Index im grünen Bereich liegt. Oder Sie legen mir eine Bescheinigung vom kommunalen Fitnessstudio vor." - " Oh je, beides vergessen“, gestehe ich. - "Dann also Sommersalat mit Knäckebrot, gerne“, befindet der Kellner mit schmalem Lächeln. „Die hausärztliche Unbedenklichkeitsbescheinigung über ihre Leberwerte haben Sie aber dabei?" - "Leider auch nicht ..." - "Gut, dann bringe ich Ihnen ein stilles Wasser - ist ja auch gesünder." Der Keller rauscht davon.
Nachdem ich mein karges Mahl verzehrt habe, gehe ich mit knurrendem Magen meiner Wege. Immer dieser Hunger - wenn es doch noch Zigaretten gäbe! Zehn Jahre ist es her, dass der Gesundheitsminister sie verbieten hat lassen - zum Schutz der Raucher vor sich selbst. Also ab nach Hause, dort habe ich noch ein paar Pfund Kaffee unter dem Bett versteckt; der hilft ja auch gegen Hunger.
Als ich an der Bushaltestelle warte, geht eine Frau mit zwei Kindern an mir vorbei. Eines davon zeigt mit dem Finger auf mich und zupft seine Mutter am Ärmel: "Mama, guck mal, der Mann ist schwanger!" "Nein, Marie, Männer können nicht schwanger werden. Der Mann ist dick!" "Warum?", fragt Marie. "Weißt du, es gibt ganz schlimme Menschen, die sich mit Essen vollstopfen, obwohl das furchtbar ungesund ist", erklärt die Mutter und sieht mich ärgerlich an: "Ein schönes Beispiel für die Kinder geben Sie ab. Einsperren sollte man so was wie Sie!"
Keine Sorge, gute Frau, das hat man schon getan! Drei Monate Leibesertüchtigungslager wegen öffentlichen Konsums stark zuckerhaltiger Genussmittel, ein halbes Jahr Gefängnis wegen Weitergabe von über offener Flamme gegrilltem Fleisch an Minderjährige und schließlich noch einmal drei Monate wegen der illegalen Einfuhr von belgischen Pralinen. Ich habe einiges auf dem Kerbholz. Drei Therapien habe ich schon hinter mir, aber jedes Mal bin ich rückfällig geworden.
Am nächsten Morgen habe ich meinen monatlichen Termin bei der Bewährungshelferin vom Gesundheitsamt. Frau Distel, eine hagere, pflichtbewusste Frau. Sie mustert mich streng und zieht ein Blatt Papier hervor: „Richard S., Inhaber des Restaurants Zum Löwen hat gestern folgende telefonische Pflichtmeldung gemacht: Ein Herr mit deutlich erkennbarem Bauch hat versucht, ohne die erforderlichen Dokumente gesundheitlich bedenkliche Lebensmittel zu erstehen. Der Betreffende war ca. 1,90 Meter groß, hatte sehr schwach ausgearbeitete Oberarmmuskulatur. Man konnte ihm seine gut 50 Jahre deutlich ansehen.“ Sie legt das Blatt beiseite. „Genauer kann man Sie wohl kaum beschreiben. Sie wissen, dass Sie so Ihre Bezugserlaubnis für tierische Fette nie zurückbekommen.“
Verzweifelt versuche ich mich zu rechtfertigen: „Aber Frau Distel, Sie wissen doch, in meiner Jugend konnte man das ganze Teufelszeug an jeder Ecke kaufen.“ Die Strenge in ihrem Blick weicht offener Verachtung: „Ja ja, früher war alles besser, nicht wahr?“, zischt sie. „Und wenn es nach verantwortungslosen Menschen wie Ihnen gegangen wäre, wäre alles beim Alten geblieben. Was hat man damals, 2008, nicht versucht, um die Menschen zur Einsicht zu bringen: gutes Zureden, millionenschwere Kampagnen, nichts hat geholfen. Da mussten halt andere Saiten aufgezogen werden.“ Frau Distel atmet tief durch. „Ich streiche Ihnen die leichten Milchprodukte und erhöhe ihre Dauerlaufquote auf 20 Wochenkilometer“, bescheidet sie kühl. „Ich rate Ihnen sehr, mehr guten Willen zu zeigen. Das können wir Ihnen strafmildernd anrechnen. Bis nächsten Monat.“
Schweißgebadet verlasse ich das Gesundheitsamt. Ich brauche dringend einen Schokoladenschub! Aber am Hauptbahnhof, wo sich die anderen Zuckerjunkies rumdrücken, darf ich mich in meiner Situation wirklich nicht erwischen lassen.
So schweifen meine Gedanken in die Vergangenheit, in das längst untergegangene Schlaraffenland meiner Jugend: geräucherte Würstchen, fetter Käse, knusprige Fritten. Kinder mit eisverschmierten Mündern. Männern, die die Früchte ihrer Völlerei stolz vor sich hertragen und unverhohlen üppigen Frauen zulächeln. Menschen, die sich mit Todesverachtung die Bäuche vollschlagen und danach auch noch Zigaretten anzünden.
Moment mal, was ist das denn für ein Geruch? Den habe ich ja schon seit Jahren nicht mehr in der Nase gehabt! Ich drehe mich um und sehe, hinter den Mülltonnen versteckt, Frau Distel. Die sich genüsslich eine Zigarette anzündet. Ich glaube, es gibt diese Woche doch noch Schokolade ...
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- Datum 01.07.2008 - 16:52 Uhr
- Quelle ZEIT online
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Super lustiger und zutreffender Artikel. Irgendwann geht es den Dickeren auch so wie den Rauchern. Die werden auf der Straße ja auch schon wie Assis angesehen...
Guter Artikel! Aber ich denke, den Trinkern wirds als erstes so gehen. Schon heute gibts in vielen deutschen Städten verordnungen die den Genuß von Alkohol auf offenener Strasse untersagen (auch wenn es derzeit "nur" genutzt wird, damit die Polizei gegen Penner vorgehen kann).
Herr Hammes,
ein Lob an Sie! Sehr gut geschrieben dieser Artikel. Übertreibungen zeigen uns manchmal, wie sehr wir bereits heute eingeschränkt sind/werden. Eigenverantwortung und der Glaube an das Individuum von Seiten der Politik wären aus meiner Sicht wichtige Werte, welche solche - zurzeit noch visionären - Praktiken unsinnig machen.
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