Der heutige 4. Juli ist Independence Day No. 232. An diesem Tag im Jahre 1776 deklarierten Englands nordamerikanische Provinzen ihre Unabhängigkeit. Seit Langem ist der Fourth of July Amerikas Nationalfeiertag. Ein schönes Datum auch, um endlich die neue Botschaft der USA in der Bundesrepublik einzuweihen, am Pariser Platz 2 in Berlin. Und bei dieser Gelegenheit wieder einmal die deutsch-amerikanische Freundschaft zu feiern.

Glücklich war diese Beziehung in der Tat viele, viele Jahre lang. 1785 bereits hatte das Preußen Friedrichs des Großen den jungen Staat jenseits des Atlantiks anerkannt, im ganzen 19. Jahrhundert war man aufs Herzlichste miteinander verbunden. Deutsche Emigranten machten in den USA erstaunliche Karrieren; etliche Fourty-Eighters – Deutsche, die nach der gescheiterten Revolution von 1848 in den Vereinigten Staaten Zuflucht gefunden hatten – kämpften im Bürgerkrieg mit, fast alle auf der Seite Abraham Lincolns und der Nordstaaten, darunter auch Friedrich Hecker, der deutsche Freiheitsheld. Mancher übernahm sogar als General das Kommando, wie der legendäre Franz Sigel, dessen Denkmal heute in Manhattan steht; ein anderer, Carl Schurz, stieg in jener Zeit zum Innenminister auf.

Wie anders aber sah das politische Verhältnis der beiden Nationen im dunklen 20. Jahrhundert aus! Während des Ersten Weltkriegs standen sie sich als Todfeinde gegenüber – was sich dann im Zweiten Weltkrieg wiederholte.

In jene Zeit zurück führt auch ein bizarres, seltsamerweise kaum bekanntes Kapitel der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern: die gegenseitige Geiselnahme ihrer Botschaften. Diese ungewöhnliche Geschichte begann am 11. Dezember 1941, vier Tage nachdem die mit Deutschland verbündeten Japaner den amerikanischen Stützpunkt Pearl Harbor im Pazifik bombardiert und damit den Krieg gegen die USA eröffnet hatten.

An jenem Dezembertag, einem Donnerstag, gegen 14 Uhr Berliner Zeit traf der US-Gesandte Leland Morris bei Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop ein (ihre Botschafter hatten beide Staaten schon nach den Kristallnachtpogromen 1938 zurückbeordert). Was seit Pearl Harbor erwartet und befürchtet worden war, geschah. Ribbentrop überreichte Morris die Kriegserklärung, die Hitler in just jenem Augenblick vor dem Reichstag der Welt verkündete. Zugleich überbrachten die Deutschen auch in Washington das entsprechende Dokument, dort war es gerade acht Uhr in der Früh. Empfangen wurde der Gesandte Hans Thomsen vom Leiter der Europaabteilung des Außenministeriums, Ray Atherton.

Nach Abgabe der Kriegserklärung bat Thomsen, diplomatischer Gepflogenheit entsprechend, Atherton um freies Geleit. Der Bitte wurde allerdings, zur großen Überraschung der Deutschen, nicht entsprochen. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Es war wohl ein Zugeständnis der Regierung an die aufgewühlte Stimmung im Land; nach Pearl Harbor sahen sich viele in den USA unmittelbar bedroht. Statt sofort in die Heimat zurückzukehren, sollten alle Diplomaten und akkreditierten Korrespondenten der Achsenmächte zunächst interniert und erst später gegen die amerikanischen Diplomaten in Berlin, Rom und Tokyo ausgetauscht werden.

In Berlin reagierte man umgehend. Am Samstag, dem 13. Dezember, wurden der Gesandte Morris und sein Erster Sekretär George F. Kennan für elf Uhr in die Wilhelmstraße bestellt. Dort teilte man ihnen mit, dass alle Botschaftsangehörigen sowie die Korrespondenten sich auf eine Reise am nächsten Tag vorbereiten sollten. Man sagte ihnen nicht, wohin, aber dies bekamen die Journalisten bald heraus.

George F. Kennan gründet in Bad Nauheim eine Zeitung und ein College

Sowohl in Deutschland wie in Amerika wurde improvisiert. Innerhalb weniger Tage war entschieden worden, dass die Amerikaner nach Bad Nauheim in ein Luxushotel kommen sollten, während man die Deutschen in einem nicht minder angenehmen Grandhotel in White Sulphur Springs, West Virginia, festsetzen wollte.

Nachdem das Gepäck in Berlin verladen worden war, fuhr der Zug kurz nach 13 Uhr los. Erst im Speisewagen erfuhren die Amerikaner offiziell, wohin die Reise ging: Auf der Karte stand »Berlin–Bad Nauheim«. Nach sieben Stunden Fahrt erreichte man den ehrwürdigen Kurort bei Frankfurt am Main. Das Hotel allerdings war auf die Gäste kaum vorbereitet, sodass im Zug übernachtet werden musste.

Warum die Wahl auf Nauheim gefallen war, ist nicht bekannt. Das Grand Hotel Jeschke (das heute nicht mehr existiert und dessen Gebäude 2004 zu einem Appartementhaus umgebaut wurde) gehörte zu jenen Kurhotels, die nur im Sommer geöffnet hatten. Es stammte aus den letzten Jahren der Kaiserzeit, ein 400-Zimmer-Haus, semimodern und komfortabel. Seit Kriegsbeginn allerdings hatte es geschlossen.