NS-ZeitKriegerische Idylle

Wie die USA 1941 die deutsche Botschaft und die Deutschen die US-Botschaft in Geiselhaft nahmen. Eine bizarre Episode der deutsch-amerikanischen Diplomatiegeschichte von Michael S. Cullen

Der heutige 4. Juli ist Independence Day No. 232. An diesem Tag im Jahre 1776 deklarierten Englands nordamerikanische Provinzen ihre Unabhängigkeit. Seit Langem ist der Fourth of July Amerikas Nationalfeiertag. Ein schönes Datum auch, um endlich die neue Botschaft der USA in der Bundesrepublik einzuweihen, am Pariser Platz 2 in Berlin. Und bei dieser Gelegenheit wieder einmal die deutsch-amerikanische Freundschaft zu feiern.

Glücklich war diese Beziehung in der Tat viele, viele Jahre lang. 1785 bereits hatte das Preußen Friedrichs des Großen den jungen Staat jenseits des Atlantiks anerkannt, im ganzen 19. Jahrhundert war man aufs Herzlichste miteinander verbunden. Deutsche Emigranten machten in den USA erstaunliche Karrieren; etliche Fourty-Eighters – Deutsche, die nach der gescheiterten Revolution von 1848 in den Vereinigten Staaten Zuflucht gefunden hatten – kämpften im Bürgerkrieg mit, fast alle auf der Seite Abraham Lincolns und der Nordstaaten, darunter auch Friedrich Hecker, der deutsche Freiheitsheld. Mancher übernahm sogar als General das Kommando, wie der legendäre Franz Sigel, dessen Denkmal heute in Manhattan steht; ein anderer, Carl Schurz, stieg in jener Zeit zum Innenminister auf.

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Wie anders aber sah das politische Verhältnis der beiden Nationen im dunklen 20. Jahrhundert aus! Während des Ersten Weltkriegs standen sie sich als Todfeinde gegenüber – was sich dann im Zweiten Weltkrieg wiederholte.

In jene Zeit zurück führt auch ein bizarres, seltsamerweise kaum bekanntes Kapitel der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern: die gegenseitige Geiselnahme ihrer Botschaften. Diese ungewöhnliche Geschichte begann am 11. Dezember 1941, vier Tage nachdem die mit Deutschland verbündeten Japaner den amerikanischen Stützpunkt Pearl Harbor im Pazifik bombardiert und damit den Krieg gegen die USA eröffnet hatten.

An jenem Dezembertag, einem Donnerstag, gegen 14 Uhr Berliner Zeit traf der US-Gesandte Leland Morris bei Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop ein (ihre Botschafter hatten beide Staaten schon nach den Kristallnachtpogromen 1938 zurückbeordert). Was seit Pearl Harbor erwartet und befürchtet worden war, geschah. Ribbentrop überreichte Morris die Kriegserklärung, die Hitler in just jenem Augenblick vor dem Reichstag der Welt verkündete. Zugleich überbrachten die Deutschen auch in Washington das entsprechende Dokument, dort war es gerade acht Uhr in der Früh. Empfangen wurde der Gesandte Hans Thomsen vom Leiter der Europaabteilung des Außenministeriums, Ray Atherton.

Nach Abgabe der Kriegserklärung bat Thomsen, diplomatischer Gepflogenheit entsprechend, Atherton um freies Geleit. Der Bitte wurde allerdings, zur großen Überraschung der Deutschen, nicht entsprochen. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Es war wohl ein Zugeständnis der Regierung an die aufgewühlte Stimmung im Land; nach Pearl Harbor sahen sich viele in den USA unmittelbar bedroht. Statt sofort in die Heimat zurückzukehren, sollten alle Diplomaten und akkreditierten Korrespondenten der Achsenmächte zunächst interniert und erst später gegen die amerikanischen Diplomaten in Berlin, Rom und Tokyo ausgetauscht werden.

In Berlin reagierte man umgehend. Am Samstag, dem 13. Dezember, wurden der Gesandte Morris und sein Erster Sekretär George F. Kennan für elf Uhr in die Wilhelmstraße bestellt. Dort teilte man ihnen mit, dass alle Botschaftsangehörigen sowie die Korrespondenten sich auf eine Reise am nächsten Tag vorbereiten sollten. Man sagte ihnen nicht, wohin, aber dies bekamen die Journalisten bald heraus.

George F. Kennan gründet in Bad Nauheim eine Zeitung und ein College

Sowohl in Deutschland wie in Amerika wurde improvisiert. Innerhalb weniger Tage war entschieden worden, dass die Amerikaner nach Bad Nauheim in ein Luxushotel kommen sollten, während man die Deutschen in einem nicht minder angenehmen Grandhotel in White Sulphur Springs, West Virginia, festsetzen wollte.

Nachdem das Gepäck in Berlin verladen worden war, fuhr der Zug kurz nach 13 Uhr los. Erst im Speisewagen erfuhren die Amerikaner offiziell, wohin die Reise ging: Auf der Karte stand »Berlin–Bad Nauheim«. Nach sieben Stunden Fahrt erreichte man den ehrwürdigen Kurort bei Frankfurt am Main. Das Hotel allerdings war auf die Gäste kaum vorbereitet, sodass im Zug übernachtet werden musste.

Warum die Wahl auf Nauheim gefallen war, ist nicht bekannt. Das Grand Hotel Jeschke (das heute nicht mehr existiert und dessen Gebäude 2004 zu einem Appartementhaus umgebaut wurde) gehörte zu jenen Kurhotels, die nur im Sommer geöffnet hatten. Es stammte aus den letzten Jahren der Kaiserzeit, ein 400-Zimmer-Haus, semimodern und komfortabel. Seit Kriegsbeginn allerdings hatte es geschlossen.

Leserkommentare
  1. wie waere es mit einem Botschafter, der etwas Deutsch sprechen koennte?(Und somit auch deutsche Zeitungen lesen.)Zwischen Berlin und Washington herrscht ansonsten Funkstille. Das muss uns Deutsche nicht beunruhigen nach all den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, fuer die im wesentlichen Amerika die Verantwortung traegt.Und an fuer un sich kann uns die bankrotte, angeblich letzte Supermacht auch ziemlich egal sein. Nur ein deutschsprechender Botschafter waere uns schon ganz lieb - schon allein um klarzustellen, dass uns Deutschen die selbstherrliche und unverantwortliche (Kriegs-)Politik Washingtons ganz gehoerig auf die Nerven geht.

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    "all den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, fuer die im wesentlichen Amerika die Verantwortung traegt"  ??? Wie bitte ?
    Ich meine mich zu erinnern dass sowohl der erste als auch der zweite Weltkrieg, die wohl unstreitig zu den größten Katastrophen des 20.Jhd. zählen, von Deutschland ausgingen. Und ich persönlich bin den Amerikanern sehr dankbar dass sie 1944 nach Deutschland kamen, denn sonst hätte es mangels BRD vermutlich keine Wiedervereinigung geben müssen, und wir würden in einer riesigen DDR leben.
    Ich bin kein Freund vom Cowboy George, aber dieses billige gehäme gegenüber den Amerikanern, das völlig überzogene moralische (und das als Deutscher !) Überlegensheitsgefühl, das ist echt nicht zu ertragen.
     

  2. 2. ??

    "all den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, fuer die im wesentlichen Amerika die Verantwortung traegt"  ??? Wie bitte ?
    Ich meine mich zu erinnern dass sowohl der erste als auch der zweite Weltkrieg, die wohl unstreitig zu den größten Katastrophen des 20.Jhd. zählen, von Deutschland ausgingen. Und ich persönlich bin den Amerikanern sehr dankbar dass sie 1944 nach Deutschland kamen, denn sonst hätte es mangels BRD vermutlich keine Wiedervereinigung geben müssen, und wir würden in einer riesigen DDR leben.
    Ich bin kein Freund vom Cowboy George, aber dieses billige gehäme gegenüber den Amerikanern, das völlig überzogene moralische (und das als Deutscher !) Überlegensheitsgefühl, das ist echt nicht zu ertragen.
     

  3. dass die US-Amerikaner zu erst internationale Regeln gebrochen haben. Sonst hört man immer nur, dass die "bösen" Deutschen das us-amerikanische Botschaftspersonal eingesperrt haben. Jetzt ist das Bild aber mal vollständig. Es war nur eine Reaktion auf die überraschende und unehrenhafte Aktion der USA. Ich frage mich wie viele historische Informationen über die Bosheit der Deutschen eine Vorgeschichte haben, die einfach totgeschwiegen wird.PS: das Gebot der Höfflichkeit würde es mir verbieten so hämisch über die ungerechte Gefangennahme in meinem Land zu sprechen wie es der Autor tut. Sein Essen geschenkt zu bekommen, auch wenn es nur die ganz normale einfache Ration eines gewöhnlichen Bürgers ist (9mal/Woche Fleisch in Kriegszeiten!), ist sicherlich großmütiger als Luxusessen teuer kaufen zu müssen. Und dass man in dem Luxus-Gefängnis in das man eingesperrt worden ist, Trinkgeld bezahlen muss entgeht mir auch völlig. "typisch deutsch", ha! Das ist genau richtig.

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