Im September 1993 saßen sich Reinhard Mohn, der Patriarch von Bertelsmann, und Detlef Müller-Böling, damals Rektor der Universität Dortmund, in Gütersloh gegenüber. Es ging um ein neues "Centrum für Hochschulentwicklung", das die Bertelsmann-Stiftung finanzieren und zusammen mit der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) auf den Weg bringen wollte. Und es ging darum, ob Müller-Böling den Aufbau und die Leitung dieses Centrums übernehmen wollte. Müller-Böling wollte und hat in den letzten fünfzehn Jahren mit seinen Mitstreitern die deutsche Hochschullandschaft entscheidend verändert.

1993 war das Jahr, in dem Jürgen Mittelstraß die deutschen Universitäten für "reformunfähig" erklärte, was Peter Glotz wenig später auf "im Kern verrottet" zu steigern wusste. Vielen Beobachtern war klar, dass es zu einer grundlegenden Reform der deutschen Hochschulen keine Alternative gab.

Weit weniger klar war, mit welchen Akteuren dieses neue Stück auf der Bühne der deutschen Hochschulpolitik denn besetzt werden sollte. Von den Professoren war im Wesentlichen die Wahrung der Besitzstände zu erwarten; die Rektoren waren zu der Zeit heillos über die Frage von Studiengebühren zerstritten; die Bundesregierung wurde erst 1998 mit Edelgard Bulmahn hochschulreformerisch aktiv, und auf Länderebene waren Initiativen zur Reform erst zarte und vereinzelte Pflänzchen – Meyer (Sachsen) und Zöllner (Rheinland-Pfalz) waren damals schon am Werk, aber die Stunde der Frankenbergs, Drägers und Pinkwarts sollte erst noch schlagen. Hochschulreform in Deutschland in der ersten Hälfte der neunziger Jahre war ein Waisenkind.

In dieser Situation waren die Gründung des CHE und die Berufung von Müller-Böling eine wegweisende und weitsichtige, aber keineswegs unumstrittene Entscheidung. Als Katalysator der Hochschulreform hat diese relativ kleine Einrichtung, in einem Balanceakt zwischen privater Stiftung und halbamtlicher Rektorenkonferenz, seit der Mitte der neunziger Jahre einen kaum zu überschätzenden Beitrag zur Veränderung der deutschen Hochschullandschaft geleistet. Die ersten CHE-Konferenzen markierten bereits die Agenda: "Qualitätssicherung", "Hochschulzugang", "Studiengebühren", "Leitungsstrukturen für autonome Hochschulen" – um nur die wichtigsten zu nennen.

Neben den inhaltlichen Akzenten entwickelten sich daraus sehr bald Netzwerke engagierter Partner aus Wissenschaft, Politik und Verwaltung, die für die hochschulpolitischen Veränderungen der späten neunziger Jahre und danach maßgeblich werden sollten. Besonders wichtig für die frühe Phase der Arbeit des CHE und kennzeichnend für die gewollte internationale Orientierung war ein gemeinsames Seminar mit der University of California in Berkeley und der Stanford University über Veränderungen im Hochschulwesen ("University in Transition") im März 1997, das für eine ganze Generation von Rektoren und Kanzlern deutscher Hochschulen eine prägende Erfahrung wurde.

Hier wie auf allen Veranstaltungen des CHE war Müller-Böling eine zentrale und inspirierende Gestalt, deren sokratisch-provozierendes Talent und deren unbändige Lust am kontroversen Argument eine neue und sehr fruchtbare Debattierkultur in den arg verbiesterten hochschulpolitischen Diskurs einführte.

Im Rahmen dieser Agenda entstanden dann die "Markenzeichen" der Arbeit des CHE: die Identifizierung und Auszeichnung von best practice im Hochschulwesen; die Entwicklung von konkreten Handlungskonzepten in so zentralen Bereichen der Hochschulpolitik wie dem Finanzmanagement, der Qualitätskontrolle, der Governance von Hochschulen (Autonomie, Leitungs-, Entscheidungs- und Steuerungsstrukturen, Zielvereinbarungen, Prozessoptimierung, Controlling, private Hochschulen), der Studienreform (gestufte Studienabschlüsse BA/MA, Studienkredite) und der Bildungsfinanzierung (sozialverträgliche Studiengebühren, neue Finanzierungsmodelle); und schließlich die zunehmend einflussreichen und inzwischen auch international maßgeblichen Rankings von Hochschulen und Fachbereichen (die teilweise in Kooperation mit der ZEIT veröffentlicht werden, d. Red.). In all diesen Arbeitsbereichen etablierte das CHE eine Präsenz angewandter Wissenschaftlichkeit, wo die ohnehin unterentwickelte Hochschulforschung in Deutschland deutliche Lücken gelassen hatte.