Wie, das war’s? Wo ist denn der neue deutsche Feminismus hin? Wer hat nun gewonnen? Waschen oder nicht waschen, das war doch die Frage?

Nun scheint alles durchdiskutiert zu sein: Alice Schwarzer kann vom Emma- Chefsessel doch nicht lassen, Charlotte Roche erscheint gepflegt in Talkshows, Eva Herman kämpft verzweifelt um Nebenjobs, und die S-Klasse-Frauen haben die Kommentierungsmaschinerien fertig kommentiert. Doch aufgemerkt! Das Ergebnis all der Debatten ist dort verdampft, wo sie produziert wurden: in der schönen, heilen Welt der weißen, christlichen Mittelschichtsfrauen.

Zustande gekommen ist die neuerliche Debatte, weil Frauen plötzlich wieder im Plural sprechen wollen. Nach jahrelanger Ich-Suche, übersetzt in Kunst, Literatur und Performance mit dem trotzigen Hinweis, man spreche hier nur über sich und die eigenen Befindlichkeiten, hat sich etwas im Gesellschaftsclub geändert. Es wird wieder geheiratet, Familien werden gegründet oder nur Kinder bekommen. Der Ernst des Lebens steht plötzlich auf der Matte und die Einsicht, dass das eigene Dasein abhängig ist von Faktoren, die man zusammengefasst Gesellschaft nennt.

Deutsche Frauen haben es schwer. Aber Emine, Hatice, Nilüfer haben es schwerer

Nun sind die Alphamädchen aufgewacht und haben festgestellt, dass das vermeintlich Singuläre auch im Plural existiert. Was alle miteinander verbindet, ist die Frage: Wie sollen wir leben? Bin ich glücklich, mache ich die Arbeit, die mir Spaß macht, wer passt auf die Kinder auf, und braucht man rasierte Achselhöhlen? Bin ich neue, alte, keine Feministin? Und was ist mit der Politik, könnte man ihr noch ein paar Ratschläge mit auf den Weg geben, mehr Kitas, Frauenquote in den Aufsichtsräten, Väter per Gesetz in den Krabbelstall? Und am Ende? Ist nicht doch alles gut so, wie es ist? Ganz gleich, wie die Antwort ausfällt – sie wird gepredigt, gedruckt, analysiert. Die Frage, ob wir einen neuen Feminismus brauchen oder schon haben, scheint bereits beantwortet: Die Mitte der Gesellschaft redet doch schon lebhaft darüber!

Doch wo ist die Mitte der Gesellschaft? Nicht ein einziges Mal tauchte in der Debatte das Wort Migrantinnen auf. Immerhin hat inzwischen ein Fünftel der deutschen Gesellschaft eine nichtdeutsche Herkunft. Nicht ein einziges Mal tauchte der Hinweis auf, dass es Frauen in anderen sozialen Schichten gibt, die über die diskutierten Alternativen – zu Hause bleiben oder arbeiten, Kinder kriegen mit oder ohne Ehemann, allein erziehen oder doch noch einen Masterstudiengang dranhängen – gar nicht verfügen. Kein Wort davon, dass in unserer Gesellschaft Frauen leben, die über keine sexuelle Selbstbestimmung verfügen, die aufgrund ihrer Herkunft bei der Ausbildungs- und Arbeitsplatzsuche systematisch diskriminiert werden. Nichts über Frauen, die doppelt so häufig von häuslicher Gewalt betroffen sind wie diejenigen, über die die ganze Zeit gesprochen wird. Ganz zu schweigen von all jenen, die verheiratet sind und deren Ehemänner in befristeten Arbeitsverhältnissen stehen. Da können die Ehefrauen gar nicht auf die Idee kommen, zu Hause zu bleiben, weil sie finanziell gar keine andere Wahl haben.

Davon kein Wort in den Feuilletondebatten. Der weiße christliche Mittelschichtseintopf kocht und löffelt sich selbst. Das andere wird unter der Überschrift »Integrationsdebatte« gedruckt, wenn es sich um Musliminnen handelt. Oder unter der Überschrift »Unterschicht«, wenn es auch Herkunftsdeutsche betrifft.