"Metropolis" "Eine sensationelle Entdeckung"

Die wiederentdeckten Szenen von Fritz Langs "Metropolis" verleihen dem Film eine neue Intensität. Das Gutachten des Künstlerischen Direktors der Deutschen Kinemathek

Die Filmgeschichte ist bedauerlich reich an verschollenen Filmen, an Fragmenten und Torsi, gerade aus der Periode des Stummfilms. Was damals verloren ging, beschädigt oder verkürzt wurde, ist in vielen Fällen unwiederbringlich verloren. Wo Restaurierung oder Rekonstruktion möglich war, haben oft Archivare auf der ganzen Welt dazu beigetragen.

Vermutlich ist Metropolis unter den verstümmelten Filmen der berühmteste. Kaum ein Film ist in ähnlich beharrlicher Weise Stück für Stück seiner ursprünglichen Form angenähert worden. Enno Patalas hat sich diesem Film, einem Wunderwerk an filmischer Erfindungsgabe und zugleich einer Produktion mit unverkennbar monströsen Zügen, über Jahrzehnte gewidmet. Bis dann im Jahr 2001 eine gemeinsam mit Martin Koerber erarbeitete Fassung vorlag, die alle bekannten Überlieferungen einbezog und erstmals auf ein nicht verschollenes, nur nie als solches erkanntes Original-Negativ der gekürzten Fassung zurückgriff.

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Das Resultat war ein bildschöner Torso, im Wortsinne. Denn durch den Rückgriff auf das Negativ gewann der Film eine bis dahin ungekannte Qualität. Zugleich blieben Lücken, etwa 30 Minuten fehlen gegenüber der nur kurz in wenigen Kinos in Deutschland gezeigten Premierenfassung. Der Fund im Museo del Cine in Buenos Aires wird es ermöglichen, einen beträchtlichen Teil des Fehlenden zu ergänzen, wenn auch in einer beklagenswerten Bildqualität. Aber schon am Anfang dieser Quelle, die im Schnitt dem bekannten Rhythmus folgt, gibt es aufregende Entdeckungen: die Frau, deren Lippen vom Majordomus geschminkt werden, zum Beispiel. Oder die Szene nach der Entlassung von Josaphat. Er geht die Treppe hinunter – man sieht eine zusätzliche, bislang vermisste Einstellung, weitere, entscheidendere, ganze Sequenzen werden folgen.

Was Paula Félix-Didier nach Berlin gebracht hat, stellt eine sensationelle Entdeckung dar und eine große Herausforderung. Nun eine annähernd integrale Fassung herzustellen wird schwierig sein, aber diese Arbeit, darüber besteht Einigkeit, wird getan werden. Schon deswegen, weil die Szenen, die nun erstmals wieder zu sehen sein werden, nicht nur den Bau des Filmes vervollständigen, sondern vor allem, weil sie ihm ungeachtet verschrammter Bilder etwas zurückgeben, was mich bei der Betrachtung ganz unvermutet traf. Metropolis, das war ein Film, der für viele Qualitäten bewundert wurde, geliebt aber wurde er nicht. Denn er berührte oft nicht wirklich. Die Brillanz der filmischen Einfälle war entscheidend für den Respekt gegenüber dem fragmentarischen Meisterwerk. Seine Figuren aber schienen arg kolportagehaft, der Schlusstitel, in dem das Herz als Mittler zwischen Hirn und Hand bezeichnet wird, erschien unfreiwillig komisch.

Wenn man die "Studienfassung", in der Enno Patalas und Anna Bohn alle Fehlstellen in ihrer durch die Uraufführungsmusik definierten Länge als Graufilm integrierten, mit dem Fund aus Buenos Aires sozusagen parallel liest, bemerkt man, wie wunderbar die Lücken nun gefüllt werden. Und damit erhält der Torso eine neue Balance. Denn ein Torso wird Metropolis (bis auf Weiteres?) bleiben. Der Fund aber, auf den wohl kaum jemand, der sich mit dem Film intensiv beschäftigt hat, noch zu hoffen wagte, gibt Metropolis zurück, was nach der Uraufführung niemand mehr hat entdecken können. Die Figuren von Josaphat und Georgy, auch dem Schmalen: Nun tragen sie die Handlung über weite Strecken. Damit gewinnt der Film neue Themen. Josaphat etwa wird jetzt tatsächlich der Gefährte Freders. Georgy, mit dem Freder an der Maschine die Kleider tauschte, taucht ein in die Welt der Reichen, erliegt ihren Verführungen, lässt sich vom Schmalen erpressen und zum Verrat bewegen. Nun erst versteht man die Bindung zwischen ihm und Freder, begreift, warum sich Georgy im letzten Moment der von der falschen Maria aufgehetzten Menge entgegenstellt und Freders Leben rettet.

Es ist ein klassisches Thema, ein Fritz-Lang-Thema, das hier durchgespielt wird, eine Geschichte um Loyalität, um Freundesverrat. In solchen Momenten gewinnt Metropolis plötzlich neue Intensität: Die Handlung war ja durch das Drehbuch bekannt, viele Szenen waren durch Fotos belegt. Aber nun sind es bewegte Bilder, und sie bewegen anders, als das die überlieferte Idee, das bekannte Konzept konnten.

An vielen anderen Stellen ergeht es einem ähnlich. Die Statue der verstorbenen Hel in Rotwangs Haus: Man kannte sie als Foto. Nun treffen sich Rotwang und Joh Fredersen vor ihr. Und was lange eher wie eine Behauptung schien – die aus Liebe zur, aus Trauer um die gleiche Frau gespeiste Komplizenschaft und Rivalität der beiden –, wir sehen es nun. In anderen Szenen steigert sich die Dramatik, vor allem bei der Flucht der Kinder vor der Überflutung der Unterstadt. Die schon immer beeindruckende Szene ist nun erschreckend, ja beklemmend, weil die Gefahr in kalkulierter Steigerung präsentiert wird. Auf ähnliche Weise intensiver wird eine andere, scheinbar kleine Szene. Joh Fredersens Befehl, das Tor zu öffnen und damit der aufgepeitschten Menge den Weg zur "Herzmaschine" freizugeben und so deren Zerstörung zu ermöglichen, stand in der bislang bekannten Fassung isoliert da. Nun sieht man, dass Groth, der Wächter der Herzmaschine, das Tor schließt, als er die Menge nahen sieht. Er widersetzt sich Joh Fredersens Aufforderung, kommt ihr erst nach, als der Herr über die Stadt sie mit Härte erneuert. Und tritt widerwillig, noch immer im Kampf mit sich selbst, schließlich an den Hebel, der die Tore öffnet. Die Masse strömt herein, das Unheil ist nicht mehr aufzuhalten. Nun besitzt die Szene wieder dramatische Struktur, alles nur Behauptete fällt von ihr ab. Sie ergreift den Zuschauer.

Metropolis, Fritz Langs berühmtester Film, kann neu gesehen werden. Nicht so, wie er einmal war: wegen nach wie vor bestehender, allerdings nun kleiner Verluste gegenüber der Originallänge. Vor allem aber wegen der neuen Gestalt, die die Vervollständigung unvermeidlich besitzen wird. Beste Bildqualität, abwechselnd, oft sogar gemischt mit verschrammten, kontrastarmen Einstellungen und Szenen. Aber diese Gestalt wird sein, was frühere Restaurierungen nie ganz sein konnten. Ein Fritz-Lang-Film.

Rainer Rother ist Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek in Berlin und Leiter der "Retrospektive"-Reihe der Berlinale

 
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