"Metropolis" "Eine sensationelle Entdeckung"Seite 2/2

Es ist ein klassisches Thema, ein Fritz-Lang-Thema, das hier durchgespielt wird, eine Geschichte um Loyalität, um Freundesverrat. In solchen Momenten gewinnt Metropolis plötzlich neue Intensität: Die Handlung war ja durch das Drehbuch bekannt, viele Szenen waren durch Fotos belegt. Aber nun sind es bewegte Bilder, und sie bewegen anders, als das die überlieferte Idee, das bekannte Konzept konnten.

An vielen anderen Stellen ergeht es einem ähnlich. Die Statue der verstorbenen Hel in Rotwangs Haus: Man kannte sie als Foto. Nun treffen sich Rotwang und Joh Fredersen vor ihr. Und was lange eher wie eine Behauptung schien – die aus Liebe zur, aus Trauer um die gleiche Frau gespeiste Komplizenschaft und Rivalität der beiden –, wir sehen es nun. In anderen Szenen steigert sich die Dramatik, vor allem bei der Flucht der Kinder vor der Überflutung der Unterstadt. Die schon immer beeindruckende Szene ist nun erschreckend, ja beklemmend, weil die Gefahr in kalkulierter Steigerung präsentiert wird. Auf ähnliche Weise intensiver wird eine andere, scheinbar kleine Szene. Joh Fredersens Befehl, das Tor zu öffnen und damit der aufgepeitschten Menge den Weg zur "Herzmaschine" freizugeben und so deren Zerstörung zu ermöglichen, stand in der bislang bekannten Fassung isoliert da. Nun sieht man, dass Groth, der Wächter der Herzmaschine, das Tor schließt, als er die Menge nahen sieht. Er widersetzt sich Joh Fredersens Aufforderung, kommt ihr erst nach, als der Herr über die Stadt sie mit Härte erneuert. Und tritt widerwillig, noch immer im Kampf mit sich selbst, schließlich an den Hebel, der die Tore öffnet. Die Masse strömt herein, das Unheil ist nicht mehr aufzuhalten. Nun besitzt die Szene wieder dramatische Struktur, alles nur Behauptete fällt von ihr ab. Sie ergreift den Zuschauer.

Metropolis, Fritz Langs berühmtester Film, kann neu gesehen werden. Nicht so, wie er einmal war: wegen nach wie vor bestehender, allerdings nun kleiner Verluste gegenüber der Originallänge. Vor allem aber wegen der neuen Gestalt, die die Vervollständigung unvermeidlich besitzen wird. Beste Bildqualität, abwechselnd, oft sogar gemischt mit verschrammten, kontrastarmen Einstellungen und Szenen. Aber diese Gestalt wird sein, was frühere Restaurierungen nie ganz sein konnten. Ein Fritz-Lang-Film.

Rainer Rother ist Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek in Berlin und Leiter der "Retrospektive"-Reihe der Berlinale

 
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