Film Linker Hobbit, froher Griesgram
Der Regisseur Mike Leigh ist der Meister fesselnder Sozialdramen. Jetzt hat er seinen heitersten Film gedreht
Eigentlich sieht er wie ein Hobbit aus. Oder wie ein Chef-Gartenzwerg. Der kleine Mann mit der rundlichen Statur und dem Vollbart wirkt ein wenig fremd im Pseudoluxus der Berliner Hotelsuite. »Hallo, wo wollen Sie sitzen, möchten Sie Tee, Kaffee? Soll ich das Mikrofon selbst halten?«, fragt er, offen und liebenswürdig. Mike Leigh kann aber auch ein Rumpelstilzchen sein. Der britische Regisseur ist bekannt für grimmige Ausfälle gegen Gesprächspartner, die seine Filme nicht oder angeblich ungenau gesehen haben. Vor allem hasst er Festlegungen. Und besonders wütend konnte er schon immer werden, wenn jemand seine Filme deprimierend nannte.
Nun kann man schwerlich leichten Schrittes Filme verlassen, die von unehelichen Kindern und familiären Abgründen erzählen (Lügen und Geheimnisse, 1996), von Alkoholismus und miesen Taxifahrerjobs (All or nothing, 2003) oder vom Schicksal einer Engelmacherin im bigotten England der fünfziger Jahre (Vera Drake, 2004). Kein anderer britischer Regisseur stellt sich dem Verschwinden der politischen Utopien so konsequent wie Mike Leigh. Seit Anfang der siebziger Jahre ist Leighs großes Thema die Stagnation und Lethargie einer Gesellschaft, die er immer wieder mit erschütternden Figuren- und Familienporträts beschreibt. Seine Heldinnen und Helden sind in den Verhältnissen gefangen, ohne dass sie sie benennen, geschweige denn attackieren könnten. »Es ist wie ein Band aus Stahl, das sich fest um meine Schläfen legt«, sagt eine der drei erschöpften Ehefrauen in Home Sweet Home (1982). Fast jede Mike-Leigh-Figur könnte das sagen.
»Nein!«, sagt Leigh. Nicht wütend, aber mit deutlich erhöhtem Stimmpegel. »Deprimierend sind nicht die Filme, sondern die Zustände, die sie beschreiben. Aber jeder dieser Filme hat einen Stil, eine Form, die den Zuschauer fesselt. Und fesselndes Kino ist niemals deprimierend.«
Es ist nicht so einfach, mit Leigh, der selbst einige seiner härtesten Filme als Komödien sieht, über die veränderte, beschwingte Tonlage seines neuen Films zu sprechen: »Alle meine Filme sind unterhaltsam!« Wir einigen uns darauf, dass Happy-Go-Lucky der heiterste Film ist, den er je gedreht hat. Mit der heitersten aller Leigh-Heldinnen. Die junge Grundschullehrerin Poppy ist ein ununterbrochener Rhythmus aus Kichern und Glucksen, kleinen Witzen und absurden Bemerkungen, eine wandelnde Glücksentschlossenheit. In der allerersten Szene versucht sie, einen griesgrämigen Buchhändler aus der Reserve zu locken, und man fragt sich, wie eine derart penetrante gute Laune über zwei Filmstunden hinweg zu ertragen ist.
»Ich würde sie gerne mal treffen«, sagt Leigh über seine Heldin Poppy
»Die Frage ist vielmehr, warum wir jemanden, der so positiv durchs Leben geht, sofort seltsam oder penetrant finden«, sagt Leigh. »Es scheint uns automatisch angemessen und cool, die Welt immer nur negativ und pessimistisch zu sehen. Zum Glück gibt es Menschen, die anders sind. So wie Poppy.«
Tatsächlich dauert es nicht lange, bis man sich mit dem philanthropischen Wesen dieser Filmheldin angefreundet hat. Nicht zuletzt, weil das Leben dieser etwa dreißigjährigen Frau, die im Norden Londons unterrichtet und an ihren Job glaubt, so alltäglich und greifbar ist wie die Figurenwelten anderer Leigh-Filme. Wir sehen Poppy in der Schule, zu Hause und im Pub mit ihren Freundinnen, bei Fahrstunden und bei einem Flamencokurs. Die junge britische Schauspielerin Sally Hawkins spielt sie mit einer Mischung aus lebenskluger Schlagfertigkeit und ewigem Staunen. Und mit einem anarchischen Grundgestus, der den Zuschauer immer wieder sanft über die eigene Engstirnigkeit hinwegträgt. Etwa zu einem Lebensentwurf, in dem sich die leidenschaftliche Liebe zum neuen Freund und die ewige WG mit der besten Freundin nicht ausschließen. Oder auch zu der Einsicht, dass Leopardenstiefel, ein pinkfarbener BH und ein zitronengelbes Tutu zunächst einmal zu ihrer Trägerin und ebendeshalb zusammenpassen. »Poppy mag anarchisch sein, aber sie weiß sehr wohl, was sie will«, sagt Leigh. »Und sie ist absolut real. Ich würde sie übrigens gerne einmal treffen.« Er lacht in sich hinein, ein Gartenzwerglachen.
Seine Filme entstehen ganz ohne Drehbuch während der Proben
Die Wahrhaftigkeit der Figuren, der Eindruck, dass jeder Blick, jede Geste und jeder Satz von Happy-Go-Lucky der Unmittelbarkeit des Lebens und keiner vorgefassten Idee entspringen, ist Leighs besonderer Arbeitsweise geschuldet. Wie immer gab es kein Drehbuch. Wieder entwickelte er Figuren, Handlung und Szenen über Monate hinweg mit seinen Schauspielern. Leighs Darsteller leben, wohnen und denken mit ihren Figuren. Sie wissen, was sie essen, wie sie ihre Kindheit verbracht haben und wie sie in jeder Situation reagieren würden. Seit Jahrzehnten entsteht alles, jedes Detail, auch die Ästhetik der Leigh-Filme während der Proben. So ergaben sich aus der überbordenden Heiterkeit der Hauptfigur auch die knalligen Farben und das Breitwandformat von Happy-Go-Lucky.
Und doch, auch hier gibt es eine Figur, in der der Zynismus, die Verkorkstheit und die Hoffnungslosigkeit früherer Leigh-Figuren nachhallen: Poppys zwangsneurotischer, rassistischer Fahrlehrer Scott (Eddie Marsan) wird durch die unerschütterliche gute Laune seiner Kundin zunehmend irritiert und aggressiv. Irgendwann schleudert er ihr seinen Welt- und Selbsthass vom Beifahrersitz entgegen. »Scott ist eine Figur« – Leigh macht eine kleine Kunstpause und lächelt – »die man unter Umständen ›deprimierend‹ nennen könnte. Er kann nicht anders. Poppy hingegen hat die Freiheit, sich zu entscheiden.«
Vielleicht liegen genau hier die Schönheit und die Grazie von Happy-Go-Lucky. Der Frohsinn der Heldin ist gerade nicht Ausdruck einer Naivität oder eines einfach gestrickten Charakters, sondern freie Entscheidung und gewählte Haltung. Menschenliebe als Lebens- und Überlebensstrategie.
Schon einmal trat eine Leigh-Figur aus der allgemeinen Misere und gesellschaftlichen Lethargie heraus. In Naked (1993) streifte der zynische arbeitslose Johnny durch ein nächtliches London und überzog jeden Menschen, der ihm begegnete, mit Hass, Ekel und Beleidigungen. Es war ein bösartiger Feldzug gegen Resignation und Stagnation, ein misanthropisches Weckprogramm.
Dass uns der 65-jährige Mike Leigh, linker Hobbit und großer Griesgram des sozialkämpferischen britischen Kinos, nun in Happy-Go-Lucky die genau gegensätzliche Strategie unterbreitet, ist überraschend. Und vor allem schön. Vor genau zwanzig Jahren blickte der Althippie Cyril in Leighs Film High Hopes mit resigniertem Achselzucken auf die Grabinschrift von Karl Marx: »Die Philosophen haben die Welt lediglich auf verschiedene Arten interpretiert. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern.« Eine notorisch optimistische junge Lehrerin im pinkfarbenen BH ist vermutlich nicht der Phönix aus der Asche der großen alten Hoffnungen. Und doch ein kleiner Neuanfang. Marx und Poppy hätten sich verstanden.
- Datum 16.12.2008 - 09:35 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2008-07-03T12:00Z Nr. 28
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