Madame Tussauds Ein Papst zum Küssen
In Berlin eröffnet am 9. Juli Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett. Paula Hurst, die künstlerische Leiterin, über doppelte Hände, Merkels Hosenanzug und Mona Lisas Frisur
DIE ZEIT: Frau Hurst, das Berliner Madame Tussauds ist der siebte Ableger des Londoner Kabinetts. In einer Zeit, in der Prominente allgegenwärtig sind – begeistern sich die Menschen da wirklich noch für ihre Ebenbilder in Wachs?
PAULA HURST: Offenbar ja. Viele Besucher legen den Figuren einen Arm um die Schultern. Und die Frauen hinterlassen überall Lippenstift. George Clooney wird ständig geküsst. Auch Justin Timberlake wird gerne angefasst. In unserer Londoner Ausstellung trug er zunächst einen weißen Anzug. Der blieb keine fünf Minuten sauber. Jetzt trägt er Silber. Da sieht man das nicht so.
ZEIT: Nun stellen Sie ja nicht nur Publikumslieblinge aus, sondern auch Mörder und Diktatoren. Reagieren die Leute da ähnlich emotional?
HURST: Es kam wohl schon mal vor, dass Figuren bespuckt wurden. Ganz schlimm aber erging es einem Star, der eigentlich sehr beliebt ist: dem Fußballer David Beckham. Wir hatten im Londoner Madame Tussauds eine Weihnachtskrippe aufgebaut, mit den Beckhams als Maria und Josef und Kylie Minogue als Engel. Da gab es Aufschreie der Entrüstung. Und irgendwann ist jemand zur Beckham-Figur gestürmt und hat den Kopf auf den Boden geschleudert.
ZEIT: Das könnte auch einer Figur in Berlin widerfahren: Viele Deutsche sind empört, dass Sie einen Wachs-Hitler ausstellen wollen. Haben Sie die Brisanz des Themas unterschätzt?
HURST: So heftige Reaktionen hatten wir nicht erwartet. Hitler wird von uns nicht verklärt. Man sieht ihn als gebrochenen Mann, an seinen letzten Tagen im Bunker. Es wird auch nicht erlaubt sein, Andenkenfotos zu schießen.
ZEIT: Wählen Sie nicht ganz bewusst Figuren aus, die starke Gefühle auslösen – sei es nun Freude oder Abscheu?
HURST: In der Tat versuchen wir Figuren zu finden, die die Leute wirklich bewegen. In Berlin haben wir eigens Marktforscher auf die Straßen geschickt. So wissen wir, was die Deutschen besonders interessiert: Geschichte. Normalerweise beginnt ein Madame Tussauds mit einer Star-Party. Für Berlin haben wir das geändert. Hier begegnet der Besucher zuerst historischen Größen wie Bismarck.
ZEIT: Begeistern sich die Deutschen denn gar nicht für Stars?
HURST: Doch. Nur nicht so sehr wie andere. In unserer Ausstellung in Hongkong ist Paris Hilton der Publikumsmagnet. Alle wollen sie sehen. Das ist in Berlin nicht zu erwarten. Aber auch hier sind Brad Pitt und Co. ausgestellt – am Ende des Rundgangs.
ZEIT: Das klingt ja, als wären die Deutschen ein eher nüchternes Volk.
HURST: Zumindest sind sie sehr bildungsorientiert. Hier sind die Erklärtexte viel ausführlicher als sonst. Das haben uns andere Ausstellungsmacher bestätigt: Deutsche wollen lange Texte.
ZEIT: Und welche Figuren sind nur hier in Berlin zu sehen?
HURST: Bach und Beethoven, Karl Marx, Sophie Scholl, Helmut Schmidt, Klaus Wowereit, Alice Schwarzer, Oliver Kahn und viele mehr. Etwa Sigmund Freud. Man kann sich bei ihm auf die Couch legen. Oder dem Papst die Hand küssen. Auch ihn gibt es nur in Berlin. Aber wir verleihen ihn an andere Städte.
ZEIT: Wie schaffen Sie es, dass die Figuren lebensecht wirken? Sitzen die Stars Ihnen Modell?
HURST: Das ist das Ideal. Gerne ziehen wir den Figuren auch die Kleidung der Originale an. Thomas Gottschalk hat uns gleich zwei seiner Outfits zugeschickt. Angela Merkel trägt einen Hosenanzug, wie sie ihn dieses Jahr auf der Internationalen Tourismusmesse in Berlin anhatte. Wir versuchen auch, den Charakter einer Person zu erfassen. In Hongkong hatten wir mal die Sängerin Miriam Yeung zu Gast. Die hat die ganze Zeit gelacht. Das haben wir dann in die Figur integriert: Wenn man ihr ins Ohr pustet, kichert sie.
ZEIT: Und wie hauchen Sie einer Figur Leben ein, die längst verstorben ist?
HURST: Oft arbeiten wir mit Forschern oder Kuratoren zusammen. In Amsterdam haben wir die Mona Lisa als Wachsfigur. Da haben wir einen Leonardo-da-Vinci-Experten zurate gezogen. Man kennt ja von der Mona Lisa nur den Oberkörper. Und nun mussten wir ermitteln, wie wohl der Stuhl aussah, auf dem sie saß – und wie ihre Frisur von hinten.
ZEIT: Ist auch die Gründerin des Kabinetts selbst, Marie Tussaud, als Wachsfigur zu sehen?
HURST: Na klar. In Berlin sieht man sie auf der Höhe ihres Erfolgs. Sie hält den Kopf Benjamin Franklins in der Hand, den sie gerade bearbeitet.
ZEIT: Madame Tussaud ist 1850 gestorben. Ihr Handwerk hatte sie im vorrevolutionären Frankreich gelernt. Ist die Technik, mit der sie ihre Figuren schuf, heute noch aktuell?
HURST: Ein paar Details sind verbessert worden. Die Zähne lassen wir heute in einem Speziallabor für künstliche Gebisse herstellen – nach den Angaben, die uns der Zahnarzt des Prominenten macht. Auch die Augen können wir heute lebensechter gestalten. Aber die Grundlage, das Modellieren aus Wachs, ist gleich geblieben.
ZEIT: Sind Wachsfiguren nicht zu empfindlich, um ständige Umarmungen und Küsse zu überstehen?
HURST: Leider haben sie öfter Unfälle. George Bush in Las Vegas etwa ist mal die Nase abgebrochen. Vor allem die Hände sind empfindlich. Deshalb fertigen wir von jeder Figur zwei Paar Hände. Ist eine Hand beschädigt, kann sie rasch ausgewechselt werden. Ohnehin ist nur der Kopf aus Bienenwachs gefertigt. Für die Hände benutzen wir ein anderes, härteres Wachs. Die Besucher sollen einer Figur die Hand geben können, ohne dass die gleich abfällt. Und die Körper sind aus Fiberglas. Trotzdem müssen wir die Figuren jeden Tag kontrollieren, gerade die Finger und Ohren.
ZEIT: Liegt es da nicht nahe, auch andere Materialien zu erproben?
HURST: Wir experimentieren mit Silikon. Silikonköpfe fühlen sich an wie echte Haut. Und man kann an den Ohrläppchen wackeln. Hugh Hefner etwa haben wir für das Kabinett in Las Vegas aus Silikon gemacht. Bei Silikon denkt man ja an weibliche Rundungen. Das passt zum Playboy- Gründer.
ZEIT: Einen Vorteil hätte es, die Figuren weiterhin aus Wachs zu fertigen: Ist ein Star nicht mehr gefragt, könnte man ihn einschmelzen und Kerzen aus ihm machen. Oder?
HURST: Schön wär’s. Aber für Kerzen braucht man eine andere Wachssorte.
Interview: Cosima Schmitt
Madame Tussauds, Unter den Linden 74, 10117 Berlin. Geöffnet: Täglich von 10 bis 19 Uhr. Eintritt: 18,50 Euro
Marie Tussaud, 1761 geboren, schuf Wachsbildnisse des Pariser Adels und nach 1789 auch von Revolutionären und der geköpften Prominenz. Als ihre Ehe scheiterte, ging sie nach England und gründete dort 1835 das berühmte Wachsfigurenkabinett
- Datum 08.07.2008 - 11:17 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2008-07-03T12:00Z Nr. 28
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