Kriminalroman Was wäre, wenn…
Traumhaft lakonisch: Jenny Silers politischer Thriller "Portugiesische Eröffnung".
Es geht um Leben und Tod, natürlich. Und um Geheimnisse, für die getötet wird, für deren Bewahrung Helden sterben. Doch welche Geheimnisse sind heute noch das Sterben wert? Sabri Kanj in Jenny Silers Politthriller »Portugiesische Eröffnung« ist kein Superhero. Und doch wird der Mann, der in ein Höhlengefängnis irgendwo in der libanesischen Wüste geworfen wird, aller Folter zum Trotz nichts verraten. Sabri Kanj ist bereit zu sterben, aber vorher will er einen Amerikaner sprechen. Er hält durch, bis eine scheinbar ganz andere Geschichte an ihr Ende kommt.
Gewaltanwendung ist ein Eingeständnis von Schwäche. Geschickt inszeniert sich CIA-Agent Valsamis als Mann von Macht, als er Nicole Blake in ihrem abgelegenen Haus in den französischen Pyrenäen aufsucht. Ihm reichen ein paar Andeutungen, um sie dorthin zu zwingen, wohin sie nicht will. Sechs Jahre lang hat die Fälscherin in Marseille im Knast gesessen. Jetzt will sie nur noch die Ruhe genießen und hin und wieder einen Job für eine Sicherheitsfirma erledigen. Valsamis zeigt ihr Fotografien, auf denen ihr früherer Geliebter Rahim Ali mit irakischen Geheimdienstleuten zu sehen ist. Nicole soll ihn für Valsamis in Lissabon suchen. Vielleicht kann sie ihn vom Terrorismusverdacht befreien. Nicole Blake ist die klassische Amateurin mit Fähigkeiten, die eine Spionagegeschichte würzen. Noch schwelgt sie im regennass winterlichen Lissabon in Erinnerungen an die Zeiten vergangener Liebe, da wird der gerade gefundene Geliebte vor ihren Augen erschossen. Sie flieht, mit einer gefälschten Versandrechnung über Stahlkabel aus Transnistrien und einer jungen Portugiesin. Als Zeuginnen sind sie in Lebensgefahr.
Falsche Identitäten, gefälschte Dokumente, das Leben ein Trug – Siler mischt die Elemente der spy novel mit Finesse. Werden die beiden Frauen dem auf sie angesetzten Attentäter entkommen? Können sie die Informationen gewinnen, die ihnen das Überleben für den nächsten Moment sichern? Trickreich und in einer von allen Emotionen skelettierten Sprache verwickelt Siler die Spannungsmomente von Flucht, Verfolgung und Geheimnissicherung mit der Vorgeschichte, in der die persönlichen Schicksale der Protagonisten – ohne Nicoles Wissen – längst verknüpft sind. Siler führt zurück an einen Wendepunkt amerikanischer Nahostpolitik: 1983 wurde die amerikanische Botschaft in Beirut von arabischen Terroristen in die Luft gesprengt, unter den Opfern waren alle Nahostresidenten der CIA – mit einer Ausnahme. Von dieser Tatsache her entwickelt Siler ihre Was-wäre-wenn-Intrige und verknüpft sie mit den Geheimdienstoperationen im Vorfeld des Irakkriegs. Und hier ist auch das Geheimnis verborgen, das den Einsatz des Lebens lohnt. Siler klagt nicht an. Mit traumhafter Lakonie schreibt sie Amblers Tradition fort.
- Datum 31.03.2009 - 16:24 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2008-07-03T12:00Z Nr. 28
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