Nine ist mittlerweile eine Art Expertin für die Gesundheit der Geschlechter. Denn die junge Frau wendet im Hamburger Schnellimbiss Schmitt Foxy Food die Würste. Hier, wo die Pommes Grillgold und die Currywürste Wuchtbrumme heißen, erlebt sie täglich die Unterschiede zwischen Mann und Frau.

Der dreijährige Junge in seinem Buggy und seine wenig ältere Schwester, die sich in dem Imbiss gerade mit Begeisterung Pommes in den Mund schieben, essen noch einfach, was ihnen ihre Mutter vorsetzt. Aber wenn sie in 20 Jahren selbst wählen, werden vermutlich auch sie dem typischen Rollenklischee folgen. »Die Frauen bestellen meist nur Pommes«, berichtet Nine. »Die Männer nehmen lieber beides, Grillgold und Wuchtbrumme.« Dazu stößt sie beide Fäuste vor sich in die Luft – das volle Programm, soll das heißen, rund 1000 Kilokalorien.

Ein Stereotyp, sicherlich. Und doch sind solche Verhaltensweisen weitverbreitet. Sie macht sich Sorgen ums Gewicht, er schaufelt Wuchtbrummen in sich hinein; sie geht regelmäßig zum Arzt, er kommt angeblich vor lauter Arbeit nicht dazu. Am Ende setzen sich viele solcher kleinen Unterschiede im Verhalten zu einem eindeutigen Befund zusammen: Frauen leben hierzulande im Schnitt fast sechs Jahre länger als Männer. Während der kleine Junge von der Pommesbude – nennen wir ihn Max – eine Lebenserwartung von 76,2 Jahren hat, wird seine Schwester – Anna – rein statistisch 82,1 Jahre alt werden.

Frauen scheinen schon von Natur aus für ein längeres Leben prädestiniert zu sein (siehe auch Seite 33). Weltweit sterben in 186 von 191 Staaten Männer früher als Frauen. In drei Staaten ist die Lebenserwartung ausgeglichen, und nur in Simbabwe, in der Zentralafrikanischen Republik und im Inselstaat Tonga leben Männer durchschnittlich länger. Die Statistik lehrt aber auch: In Schweden sterben Männer nur 4 Jahre früher als Frauen, in Russland beträgt die Differenz dagegen satte 13 Jahre.

Diese Variationsbreite zeigt, wie vielfältig die Ursachen der unterschiedlichen Lebenserwartung sind. Nicht nur biologische Gründe, auch die Geschlechterrollen und das gesellschaftliche Umfeld machen den Unterschied aus. Und speziell für Deutschland gilt: Würde in unseren Arztpraxen und Krankenhäusern das Geschlecht als Gesundheitsfaktor wirklich ernst genommen, könnten beide davon profitieren, Männer und Frauen.

Doch beginnen wir von vorn. Noch bevor ein Max oder eine Anna auf die Welt kommt, sorgen die biologischen Unterschiede für eine Auslese. Zwar werden 20 Prozent mehr Jungen als Mädchen gezeugt, aber mehr männliche Föten sterben, sodass das Zahlenverhältnis bei der Geburt fast ausgeglichen ist. Biologisch allerdings bringen weibliche Babys einen Vorsprung mit. »Ein neugeborenes Mädchen entspricht einem vier bis sechs Wochen alten Jungen«, sagt der amerikanische Kinderpsychiater Thomas Gualtieri. In den nächsten Jahren lernen Jungen später das Lesen, sie stottern mitunter und brauchen deshalb meist mehr Aufmerksamkeit.

Auch Alan White sucht nach Antworten auf die Frage, warum Frauen länger leben und, vor allem, warum Männer früher sterben. Der ehemalige Krankenpfleger ist Fachmann für Männergesundheit an der Leeds Metropolitan University und schmückt sich mit dem Titel des weltweit ersten » Professor of Men’s Health «. Wenn der groß gewachsene, bärtige Mediziner mit dem leichten Bauchansatz über seine Studienobjekte spricht, dann bekommt seine weiche Stimme einen ganz verständnisvollen Klang: »Woher weiß der Junge, wie er zum normalen Mann heranwachsen soll?«, fragt White. »Er unterlässt am besten alles, was Mädchen machen.« Auch Eltern und Verwandte hätten einen wichtigen Anteil an diesem Rollenspiel und sähen über die naturgegebenen Schwächen des männlichen Geschlechts gerne hinweg. Stattdessen würden oft klischeehafte Vorstellungen von einem »echten Jungen« gepflegt, meint White: »Selten hört man, dass zu einem Mädchen gesagt wird: Iss noch ein wenig, damit du groß und stark wirst«.