Der 26. Mai 2008 war ein besonderer Tag in der Erforschung der weiblichen Biologie. Nachdem zuvor schon drei männliche Kandidaten ihr Erbgut hatten entziffern lassen, verkündete das Medizinische Zentrum der Universität Leiden die erste Entschlüsselung eines weiblichen Genoms, des Erbguts der Genetikerin Marjolein Kriek. »Es wurde Zeit, dass etwas für die Ausbalancierung der Geschlechter getan wird«, sagte der Forschungsleiter Gert-Jan van Ommen.

Mit dem Blick in das weibliche Erbgut eröffnet sich eine weitere Chance, dem biologischen Unterschied zwischen Männern und Frauen auf die Spur zu kommen. Dass die Körper von Männern und Frauen unterschiedlich widerstandsfähig gegen Krankheiten sind, wurde schon vielfach dokumentiert. Das männliche Geschlecht hat bei fast allen Spezies ein kürzeres Leben, auch unter Primaten. Ob Gibbons, Gorillas oder Paviane – bis auf wenige Ausnahmen leben bei allen Affenarten die Weibchen länger als die Männchen. Außerdem hausen auf den Körpern männlicher Säugetiere in aller Regel auch mehr Parasiten.

Das männliche Genom muss ohne Reserve auskommen und ist anfälliger

Wie lässt sich das erklären? Der zentrale Grund für die höhere körperliche Widerstandsfähigkeit der Frauen ist in der Fähigkeit zur Schwangerschaft zu finden. Um Kinder bekommen zu können, müssen viele Körperfunktionen besonders robust ausgelegt werden. So sinkt zum Beispiel in der Schwangerschaft der Blutdruck, das Herz vergrößert sich und wirft bis zu 40 Prozent mehr Blut bei jedem Schlag aus. Ohne weiteres Training arbeitet das Herz einer Schwangeren wie das einer Athletin. Das wirkt sich vor allem auf die Anfälligkeit für Herz- und Kreislauferkrankungen aus. Männer erleiden im Schnitt 10 bis 15 Jahre früher als Frauen einen Herzinfarkt. Und die Innenwände männlicher Blutgefäße zeigen sehr viel früher Schäden als diejenigen der Frauen.

Dabei spielen sowohl genetische als auch hormonelle Unterschiede eine Rolle. So hat zum Beispiel das weibliche Geschlechtshormon Östrogen einen protektiven Einfluss. Es wirkt den Attacken der sogenannten freien Radikale in den Zellen entgegen. Diese aggressiven Moleküle entstehen in den Kraftwerken der Zellen, den Mitochondrien, und können die gesamte Zelle schädigen. Nur die Balance zwischen den freien Radikalen und neutralisierenden Stoffwechselprozessen verhindert den verfrühten Zelltod. Da Frauenzellen sehr viel weniger freie Radikale produzieren als Männerzellen, überleben sie länger. Menschen mit fehlerhaften Östrogen-Rezeptoren hingegen weisen früher Anzeichen von Arterienverkalkung auf.

Ein weiterer augenfälliger Unterschied findet sich im Erbgut: Frauen tragen zwei X-Chromosomen, Männer ein X- und ein Y-Chromosom, dessen 78 Gene hauptsächlich für die Ausprägung des Geschlechts zuständig sind. Genetiker mutmaßen, dass sich die Differenz zwischen XX und XY vor allem dann auswirkt, wenn es durch Mutationen zu Schäden im Genom kommt. Das Erbgut von Frauen kann – dank des doppelten X-Chromosoms – solche schadhaften Stellen eher kompensieren. Das männliche Genom dagegen muss ohne solch eine Reserve auskommen und ist daher gegenüber Mutationen anfälliger.

Das Immunsystem von Frauen ist aktiver. Manchmal zu aktiv