Jazz Aufreißer trifft Musterschüler

»Two Men with the Blues«, das Album des Countrysängers Willie Nelson und des Jazztrompeters Wynton Marsalis

Der eine: weißer Rebell, Pot rauchender Hippie, ein Trinker, Aufreißer, Steuerhinterzieher, kurz ein Typ, der jedem guten Amerikaner unsympathisch sein müsste. Der andere: ein Vorzeigeschwarzer, clean, etabliert, erfolgreicher Prediger und Manager des traditionellen Jazz, Klassiker schon zu Lebzeiten, ein Nachbar, wie ihn sich jeder wünschen könnte. Willie Nelson, Countrysänger, und Wynton Marsalis, Jazztrompeter, gaben am 12. Januar 2007 im Lincoln Center in New York ein Konzert, das man als Vorzeichen und als Botschaft für das weiß-schwarze, demokratische Duo im Wahlkampf 2008 handeln und hören könnte – so verschieden sie sind, Country und Jazz, wir lieben sie beide. Oder wie die Washington Post schreibt: »Wir erinnern uns, dass im Idealfall unsere Musik – wie unsere Nation – einem Prinzip folgt: E pluribus unum« – aus vielen eins.

Es klingt vielversprechend und trifft doch nicht den Kern. »In einem vieles« wäre die treffendere Umkehrung. »Sometimes I wonder why I spent the lonely night dreaming of a song«, setzt die Stimme Willie Nelsons über den verlorenen Pianoakkorden zu Stardust ein, »and the melody haunts my reverie«, während dieser todtraurig schöne, ungewöhnlichste aller Hits die Melodie selbst zum Thema macht. Es ist Cocktail Hour für das Saxofon von Walter Blanding, Wee Wee Hour für die Trompete von Wynton Marsalis, bis die Stimme wieder einsetzt und deutlich macht, dass hier nicht Country auf Jazz trifft, sondern zwei eigenwillige, sture Männer ihre gemeinsame amerikanische Vergangenheit kreuzen.

1978 veröffentlichte Willie Nelson sein herzerweichendes Album Stardust, eine Sammlung von amerikanischen Standards, die ihn vom Songwriter für Nashville zum Frank Sinatra aller Cowboys weltweit beförderte. Seine Kompositionen Crazy oder Funny How Time Slips Away durfte er noch nicht selbst singen – ein Produzent über seine Stimme: »Das ist Sprechen, nicht Singen.« Der Umzug von Nashville nach Austin machte ihn dann in den siebziger Jahren zusammen mit Waylon Jennings zum Outlaw, Red Headed Stranger war Widerstand gegen das Country-Establishment, aber es blieb Country. Stardust dagegen war der Kniefall vor den Volksliedern des Broadway, und es wurde zum Sieg über alle Genres. Mit Streicherseligkeiten und Popgefühlen, mit Country, Blues und Jazz setzte es die Tradition der Porträts der großen amerikanischen Komponisten fort, mit George Gershwin als Hauptdarsteller und vor allem mit Hoagy Carmichael, dem lässigsten aller klavierspielenden Romantiker.

Fast wirkt Willie Nelson wie eine Wiedergeburt des 1899 geborenen und 1981 gestorbenen Hoagland Carmichael, Komponist von Skylark, Rockin’ Chair, Lazy River oder Georgia On My Mind, stilvoll, cool und mit einer Gesangstechnik, bei der man den Zahnstocher nicht aus dem Mund nehmen muss. »When the evening sun goes down«, und Willie Nelson setzt nach dem einleitenden Chorus von Wynton Marsalis ein, als hätte man ihn überraschenderweise zu einer Jamsession kurz auf die Bühne gebeten. Er weiß, dass nichts ungeschickter wäre, als Texte mit Emphase zu doppeln, er hat seine Sinatra-Lektion gelernt. »Du darfst ein Gefühl nie übertreiben. Du musst etwas in der Hinterhand behalten.« Willie Nelson phrasiert wie ein Jazzsänger, lässt die Kernsätze von Nite Life abtropfen, »The night life ain’t no good life, but it is my life«, und da gibt es nicht viel Platz zwischen Singen und Sprechen, zwischen Beichtstuhl und Bartheke.

Neben ihm steht der schwarze erfolgreiche Mittelstand: Erwähnt man den Namen Wynton Marsalis, dann taucht das Bild jenes geschniegelten Musterschülers auf, der in den achtziger Jahren sowohl den Grammy als bester Solist mit Orchester in der klassischen Musik wie als bester Jazzsolist bekam. Doch es war nicht das musikalische Genie des damals 22-jährigen Superstars, sondern sein dezidiertes Auftreten für die Bewahrung und Konservierung des schwarzen Erbes des Jazz, das ihn so umstritten machte. Bücher, Fernsehserien, Dokumentationen über die Geschichte des Jazz, dazu seine Arbeit als Leiter für Jazz im Lincoln Center in New York beförderten ihn zum ungekrönten Jazzbeauftragten der Nation. Er bestimmte, was in den Kanon aufgenommen wurde und was als Verirrung der freien sechziger und siebziger Jahre gestrichen werden durfte. Wie Enzykliken lasen sich die umfänglichen Begleittexte zu seinen Platten, meist verfasst von seinem Mentor Stanley Crouch oder vom Schriftsteller Albert Murray, die Gut und Böse benannten, Irrläufer und Renegaten an den Pranger stellten.

Und nun? Der 47-jährige Wynton Marsalis bescheidet sich, spricht und quakt auf seiner Trompete, erzählt mit dem Wah-Wah-Dämpfer Geschichten aus seiner Heimat New Orleans, umspielt den Sänger, als sei Louis Armstrong neu geboren. Macht er sich etwas kleiner, kann Wynton Marsalis ganz groß sein.

»Wenn er seine zerschrammte Gitarre zupft, dann hört sich das an wie ein Kuss zwischen zwei Liebenden, Country und Jazz«, schrieb der Schriftsteller Franz Dobler zum Geburtstag des jetzt 75-jährigen Willie Nelson, und so verwundert es nicht, dass er vor ein paar Jahren zu einem Konzert die vergessene Grande Dame des Pianos, Marian McPartland, in New York auf die Bühne holte, dass er die Musik von Django Reinhardt und dessen Quintette du Hot Club de France als »die beste Sache, die ich jemals gehört habe« bezeichnete.

Willie Nelson, der in den vierziger Jahren mit dem Western Swing eines Bob Wills aufwuchs, war mit seiner Phrasierung, dem leichten Schweben des Rhythmus, mit seinem Timing dem Understatement eines Jazzsaxofonisten schon immer bedeutend näher als der Countrymusic eines George Jones oder Garth Brooks. Weder Willie noch Wynton mussten sich also bei jenem Konzert verbiegen, um diese Melange zu kreieren, die man sowohl als Cappuccino wie als Latte macchiato hören kann, eine Garantie für künftigen Erfolg.

»Listen to what the blues says«, murmelt Willie Nelson, und dann erzählt die Gitarre vom Sound des Blues, von der Heimat, von der mythischen Geschichte Amerikas, von allem, was den Blues so metaphernreich, so tief, aber auch so schablonenhaft macht. Unter Two Men with the Blues firmiert die Platte, zitiert New Orleans und Gospel, lässt den Honky Tonk wie den Schieberblues aufleben, manchmal plätschert’s auch im Blues, lähmt die Form den Inhalt. Und doch ist es die Majesty of the Blues – wie ein großes Album Wynton Marsalis’ von 1988 heißt –, die durch die Konfrontation mit der entspannten Stimme Willie Nelsons ihre Spannung erhält. »It’s all one song«, erklärte Willie Nelson einmal, als er auf die verschiedenen Genres angesprochen wurde. Die Lieder müssten nur zu ihm passen, dann könne er sie singen. Es könnte der Blues sein, der wie kaum eine andere Musik die Einheit der Widersprüche in einer Person verkörpert – in uno plures. In diesem Fall hat die sympathische Seite des Amerikanischen Traums ihren Sänger schon gefunden.

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