FilmgeschichteReise nach Metropolis

Im Archiv eines Museums in Buenos Aires sind die verschollenen Szenen des Filmmythos von Fritz Lang aufgetaucht. Das ZEITmagazin berichtet exklusiv darüber, wie der Film aufgespürt wurde und wie er auf einem geheimen Weg nach Deutschland kam. von Karen Naundorf

Paula Félix-Didier hatte geahnt, dass ihr niemand glauben würde. Sie saß an dem Schreibtisch in ihrem kalten Büro in Buenos Aires und wartete auf eine Mail aus Deutschland. Doch es kam – nichts. Warum auch sollte irgendein Experte glauben, dass sie, die Direktorin des kleinen Museo del Cine, gefunden hatte, wonach Forscher und Restauratoren seit Jahrzehnten vergeblich in den Archiven der Welt suchten? Und das ausgerechnet hier, in diesem vergessenen Museum, das irgendwo zwischen Lagerhallen und Fabriken im Stadtteil Barracas untergekommen und seit vier Jahren vorübergehend geschlossen ist, weil es an geeigneten Räumen fehlt?

Aber in der kleinen Kammer hinter der grünen Metalltür gleich neben ihrem Büro lagen sie: drei große Rollen, vorsichtig in silbrig schimmernden Blechdosen verstaut. Metropolis, der große deutsche Stummfilm von Fritz Lang. Seit mehr als sieben Jahrzehnten gilt über ein Viertel des Films als verschollen. Félix-Didier wusste: Sie hatte die meisten der fehlenden Szenen. Eine Weltsensation. Und anscheinend wollte niemand etwas davon wissen.

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Félix-Didier, 41, trägt in ihrem Büro eine blaue Daunenjacke gegen die Kälte, denn im Juni ist es Winter auf der Südhalbkugel, und im Museum, das keines sein darf, gibt es keine Heizung. Sie erzählt, dass Stummfilme sie schon immer fasziniert haben und dass sie natürlich Metropolis kannte, oder genauer: Sie kannte eine jener unzähligen Bearbeitungen des Originals, die in Umlauf sind. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie basieren auf einem zerhackten Torso, dem etwa ein Viertel der Premierenversion von 1927 fehlt, zur Enttäuschung von Fritz Lang. Die Handlung wurde vereinfacht, aber dem Schnitt fielen auch einige Schlüsselszenen zum Opfer.

Geschichte schrieb der Film trotzdem – zahllose Science-Fiction-Filme wurden durch ihn inspiriert. Die Unesco erklärte Metropolis zum Weltdokumentenerbe, als ersten Film überhaupt. Ridley Scott fand bei Metropolis Ideen für Blade Runner, Stanley Kubrick für 2001: Odyssee im Weltraum. 1984 wandelte Giorgio Moroder Metropolis ab, er färbte das Material ein und verwendete es als Bildteppich für die Musik von Freddie Mercury und Bonnie Tyler. Musikclips von Queen, Madonna und Pink Floyd bedienten sich bei Langs Bilderwelten. Techno-DJ Jeff Mills entwarf eine neue Musik für den Film.

Auch heute kann sich den magischen Bildern des Films kaum jemand entziehen: der düsteren Vision der Stadt der Zukunft, in der ein Klassenkampf ausbricht. Metropolis – der Monumentalfilm, der ein Großangriff auf Hollywood werden sollte. Für dessen Effekte, Kulissen, 36.000 Statisten und 200.000 Kostüme die Ufa mehr als fünf Millionen Reichsmark ausgegeben hatte. Er war der teuerste deutsche Film, den es bis dahin gegeben hatte. Die Dreharbeiten hatten 310 Tage und 60 Nächte gedauert.

Schon vor langer Zeit habe sie gespürt, dass dieser Film in ihrem Leben mal eine besondere Rolle spielen würde, sagt Félix-Didier. Ihr früherer Mann, Fernando Peña, Kinoenthusiast wie sie, hatte irgendwann Ende der achtziger Jahre eine Bemerkung gehört, die ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf ging. Der Leiter eines Cineclubs in Buenos Aires hatte sich bei ihm beschwert, dass er schon wieder "diese schlechte Metropolis-Kopie" zeigen musste, "du kannst dir nicht vorstellen, wie anstrengend das war, mehr als zwei Stunden am Projektor zu stehen und auf den Film zu drücken, damit der Streifen nicht rausspringt". Mehr als zwei Stunden? Peña hatte sich gewundert. Ob auf den Spulen vielleicht die vermissten Szenen waren?

Es war der Beginn einer atemberaubenden Suche, die oft genug aussichtslos schien. Und nun, 20 Jahre später – Paula Félix-Didier und Fernando Peña sind längst geschieden, aber noch immer durch ihre Liebe zum Film verbunden –, sollte diese Suche zu Ende sein. Wenn denn die Autoritäten aus Deutschland bestätigten, dass der Fund wirklich die verschollenen Filmmeter enthielt, aus dem echten großen Werk des Fritz Lang. Aber niemand meldete sich, und langsam fragte Félix-Didier sich, wie sie dafür sorgen sollte, was sie als ihre Pflicht ansah: "dass der Film in die richtigen Hände gerät. Und dass unser Museum bekannt wird."

Wie aber waren die drei Filmrollen überhaupt in dieses kleine Museum gelangt? Hier warten alte Projektoren, Filmkulissen, Kostüme und Fotos darauf, irgendwann einmal wieder der Öffentlichkeit präsentiert zu werden. In einem modrig riechenden Archiv lagern 45.000 Spulen mit Spielfilmen und 12.000 mit Dokumentar- und Nachrichtenfilmen. Das Essigsäure-Syndrom hat nicht wenige von ihnen befallen – doch Metropolis wurde verschont, wie durch ein Wunder.

Nachdem er von der ungewöhnlich langen Filmvorführung gehört hatte, versuchte Peña Zugang zu dem Filmarchiv zu bekommen, in dem die Kopie lagerte. Vergeblich. Ob es die Angst war, einen privaten Sammler ins Archiv zu lassen, weil man womöglich fürchtete, der könnte dort etwas mitgehen lassen? Peña durfte die Kopie nicht sehen, aber er fand einiges über die mysteriösen Rollen heraus.

Die Urfassung von Metropolis hatte Fritz Lang am 10. Januar 1927 im Ufa-Palast in Berlin präsentiert. Vor der Filmpremiere staute sich der Verkehr auf dem Ku’damm, 1200 Gäste waren auf dem Weg ins Kino. Doch bei den Kritikern fiel der Film durch; sie fanden die Handlung unglaubwürdig. Der Vorstand der Ufa erkannte in den Zwischentiteln "kommunistische Tendenzen". Andere empfanden den Film eher als reaktionär. Und die Vertreter der amerikanischen Paramount, die den Film in den USA rausbringen sollte, waren bestürzt: Dieser Film in Überlänge – mehr als 150 Minuten – würde keine Chance haben, fanden sie. Er müsse kürzer werden. Und einfacher.

Ein Mann aus Buenos Aires fand das nicht, wie Peña herausbekommen hat. Adolfo Z. Wilson, der Chef der Verleihfirma Terra, holte eine Langfassung von Metropolis 1928 nach Argentinien, obwohl sie auch in seinem Land als sperrig und wenig kassenträchtig galt. Wilson nahm das Risiko in Kauf, und kurze Zeit später wäre die Geschichte dieser Filmkopie eigentlich zu Ende gewesen, denn normalerweise müssen die Kopien vernichtet werden, sobald sie nicht mehr in den Kinos laufen. Das ist bis heute so, überall auf der Welt, auch in Deutschland. Doch Wilson hatte einen Bekannten: den Filmkritiker Manuel Peña Rodríguez, und der, so ließ sich rekonstruieren, verhinderte die Vernichtung der Filmrollen und erweiterte mit ihnen seine private Sammlung. In den sechziger Jahren erkrankte Peña Rodríguez an Krebs – und verkaufte seine Filme an den Nationalen Kunstfonds, um seine Behandlung bezahlen zu können. So kam es, dass die Metropolis-Langfassung in argentinischen Staatsbesitz überging.

Leserkommentare
  1. Es wäre gut, wenn solche Entdeckungen auch zukünftige Förderungen für ein Museum wie diese bedeuten würde. Ich selber bin aus Buenos Aires und Jahren lang habe die Schätze der Filmgeschichte dort gesehen. Leider erfahre ich jetzt, dass das Museum zu ist. Wie Schade! Bestimmt gibt es auch viele andere interessante Sachen dort.... Buenos Aires ist doch ein Kulturstadt, wo vieles zu erleben gibt, aber Geld wie in Deutschland gibt es leider nicht. Hoffentlich gibt es ein Fortsetzung der Geschichte in der Murnau Stiftung unternimmt etwas positives für das Filmmuseum Ducrós.

  2. als ich im urlaub in der tageszeitung die ersten informationen zum fund las, begann es im bauch zu kribbeln. metropolis - fast vollständig - entdeckt: sagenhaft. dann: 16mm-format, schlechter zustand... aus kribbeln wurde wut, ärger, enttäuschung. aber was hatte ich schon erwartet? so habe ich denn ein lachendes und ein weinendes auge und freue mich darauf, dass wir normalsterblichen in einigen jahren auch in den genuss einer beinahe integralen version des klassikers kommen werden. die restauration wird sicherlich eine ungeheure herausforderung. ich würde allerdings - zusätzlich zum gedanken an eine "gemischte" version aus "altem" und "argentinischem" material - gern einen weiteren vorschlag machen:zusätzlich zu so einer "historisch-kritischen" version sollte man darüber nachdenken, ob man die "neuen" szenen nicht mithilfe des computers neu erstellt. man hätte dann zwar nicht ein abbild des originalfilmes... auf der anderen seite könnte es so möglich sein, schärfe und tiefenschärfe zu gewinnen, staub und kratzer unsichtbar zu machen. so könnte gerade eine solcherart "restaurierte" version langs metropolis breiteren interessentenschichten zugänglich machen. in der literatur gibt es ja ebenfalls - z.b. bei altsprachlichen texten wie dem nibelungenlied - zweisprachige ausgaben. wem das mittelhochdeutsche (ggf. sogar als kommentierte studienausgabe) zu anstrengend ist, der greift eben zur neuhochdeutschen übertragung und kann das werk dennoch genießen - weil verstehen.vielleicht wird ja auf diesem weg es sogar möglich, dass metropolis wieder im kino zu sehen sein wird, zum ersten mal seit über 80 jahren in der gestalt, in der es fritz lang wollte. wäre das nicht wunderbar?

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