FilmgeschichteReise nach MetropolisSeite 2/3

Doch auch im Depot des Kunstfonds blieb sie nicht lange. Das 35-Millimeter-Filmmaterial aus Nitrozellulose galt als Zeitbombe: Mit Hilfe von Schwefel- und Salpetersäure hergestellt, kann es sich selbst entzünden. Also wurde das Nitro-Material vernichtet, der Film umkopiert. Und so kam es, dass der Nationale Kunstfonds, als er 1992 die Sammlung von Peña Rodríguez dem Museo del Cine übertrug, auch eine 16-Millimeter-Kopie der Metropolis-Langfassung überreichte. Es war die Version, die 1928 von Wilson vertrieben worden war und die man in Argentinien bis in die späten sechziger Jahre im Kino sehen konnte.

Während die 16-Millimeter-Rollen unberührt in Buenos Aires lagerten, suchten Filmhistoriker in den Archiven der Welt, von Moskau bis New York, nach den verschollenen Szenen. Als ihre Hoffnung nachließ, begann der damalige Leiter des Münchner Filmmuseums, Enno Patalas, mit der Rekonstruktion des Films. Mit Hilfe der Partituren der Filmmusik, von Set-Fotos und Zwischentitel-Texten, die er auf Karten der Zensurbehörde fand, versuchte er, der Premierenfassung so gut wie möglich zu entsprechen. Er erstellte eine Studienfassung, in der er die fehlenden Stellen markierte. Auf dieser Basis entstand im Jahr 2001, von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung finanziert, eine restaurierte Fassung, die mit einer Einblendung beginnt: "Von dem Film Metropolis sind nur ein unvollständiges Original-Negativ und unvollständige Kopien gekürzter und veränderter Fassungen erhalten. Über ein Viertel des Films muss als verloren gelten."

Fernando Peña hatte seine Zweifel. Aber hätte er ahnen können, dass seine Exfrau wenige Jahre später genau das Archiv leiten würde, in dem jene Kopie lagerte, die er so dringend sehen wollte? Seit zehn Jahren gehen sie getrennte Wege, und beide haben die Liebe zum Film zu ihrem Beruf gemacht. Fernando Peña leitet die Filmabteilung des Museums für Lateinamerikanische Kunst in Buenos Aires. Er hat seine eigene Fernsehsendung und ist Programmchef beim internationalen Filmfest Mar del Plata. Paula Félix-Didier unterrichtet an verschiedenen Universitäten Filmgeschichte. Im Januar trat sie ihre Stelle beim Museo del Cine an. Plötzlich lag die Entscheidung bei ihr. Sie konnte bestimmen, wer das Archivmaterial sehen durfte. "Wann kommst du?", lud sie Peña zur Schatzsuche ein, als sie ihn bei einem Filmfest traf. Ihr Exmann kam am Wochenende darauf. "Es dauerte keine zwanzig Minuten", erzählt Félix-Didier. "Wir schauten in das Verzeichnis, die Leute in der Cinemathek suchten die Rollen. Dann hielt Fernando einen der Filmstreifen gegen das Licht und sagte: Está todo, alles ist da."

Peña und Félix-Didier sahen sich an, lachten ungläubig, und beide wussten, was in dem anderen vorging. »Uns war klar: Das ist ein historischer Moment.« Da das 16-Millimeter-Material ein Negativ war, ließen sie eine Positiv-Kopie entwickeln und sahen sich den Film ein paar Tage später an. "Bei jeder neuen Szene, bei jeder neuen Einstellung zeigten wir auf die Leinwand und riefen: Das ist neu! Das war nicht drin!", erzählt Félix-Didier. Und dann fragte sie Peña: "Was machen wir nun?" – "Das glaubt uns niemand", sagte er.

Félix-Didier und ihr Exmann wurden wieder ein Team: Peña, der ohnehin nach Spanien reisen musste, nahm eine VHS-Kopie des entdeckten Films mit und suchte in Madrid im Telefonbuch die Nummer des Stummfilmspezialisten Luciano Berriatúa. Dessen Urteil war eindeutig: "Mir diese Szenen zu zeigen ist das schönste Geschenk überhaupt." Berriatúa bestätigte: Fast alle Szenen, die seit 1927 als vermisst galten, waren da. Aber er war nicht die oberste Instanz. "Es fehlte das Siegel der Experten in Deutschland", sagt Félix-Didier. Also schrieb sie eine E-Mail an die Murnau-Stiftung in Wiesbaden, die die Rechte an Metropolis besitzt, und eine zweite an den Restaurator Martin Koerber in Berlin, der zusammen mit seinem Team über drei Jahre hinweg in minutiöser Kleinarbeit Bild für Bild des bekannten Filmmaterials restauriert hatte. Die Experten schwiegen zunächst, doch dann schaltete Berriatúa sich ein und schrieb eine Mail nach Berlin: "Martin, c’est incroyable! Eine Kopie von Metropolis mit allem, was fehlt! Man kann jetzt zum ersten Mal die verlorenen Szenen sehen!" Sobald er diese Mail gelesen hatte, rief Koerber bei Félix-Didier in Buenos Aires an. "Sie ahnen gar nicht", sagte er zu ihr, "wie oft ich E-Mails von Leuten bekomme, die glauben, Metropolis gefunden zu haben, und nie ist es wahr. Aber Luciano kennt sich aus. Ich werde nicht mehr schlafen, bis ich das Material gesehen habe."

Am Dienstag vergangener Woche fliegt Félix-Didier nach Berlin, mit einer Kopie des gefundenen Materials in der Tasche. Im Filmhaus am Potsdamer Platz, gleich im Erdgeschoss, steht eine Plastik der berühmten Roboterfrau aus Metropolis. Als Félix-Didier mit ihrem Rollköfferchen den Vorführraum der Deutschen Kinemathek betritt, warten drei der größten Fritz-Lang-Kenner, die es gibt, auf sie. Da ist Rainer Rother, der Leiter der Deutschen Kinemathek und Chef der "Retrospektive"-Sektion der Berlinale. Er hat sich in der ersten Reihe platziert, den Laptop auf den Knien. Während der Vorführung wird er eine Studienfassung des Films auf DVD mitlaufen lassen, in der die fehlenden Stellen markiert sind.

Da ist Anke Wilkening, Restauratorin von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung. Sie setzt sich in die Mitte und zückt einen kleinen Block. Ihr Urteil wird entscheidend beeinflussen, was mit dem in Buenos Aires gefundenen Film in Zukunft passiert. Und da ist Martin Koerber, der Restaurator, mit kariertem Hemd und randloser Brille. Er hat von allen im Raum die meiste Zeit mit Metropolis verbracht. Der Rummel scheint ihm nicht zu behagen, er geht zur letzten Reihe, wo das Schaltpult steht. "Schauen wir mal, was wir da haben", sagt er und startet den Film.

Es ist still im Minikino, einem schwarz ausgekleideten Raum, in dem statt Kinositzen Bürostühle mit Armlehnen stehen. Nur der Beamer surrt leise, ein Magen knurrt. Félix-Didier ist nervös, will etwas zu dem Film sagen. "Nehmen Sie doch nichts vorweg!", sagt Koerber, Wilkening sitzt kerzengerade. "Der Film wurde für Argentinien bearbeitet", warnt Félix-Didier vor. "Es gibt sehr poetische Zwischentitel." - Dann kommt das, was alle kennen: der Vorspann von Metropolis. Die Walzen einer Kurbelwelle, Zahnräder, eine Drehbank. Dampfpfeifen, die den Schichtwechsel für die Arbeiter ankündigen. Ein zweiteiliges Gittertor, Arbeiter in Reih und Glied. Der Zwischentitel rollt nach unten: "Tief unter der Erde lag die Stadt der Arbeiter."

Das Geschichte von Metropolis ist so pathetisch wie verwirrend: Ein Heer von Arbeitern schuftet unter der Erde an riesigen Maschinen, in der Oberwelt leben die Reichen. Über beide Welten wacht gottgleich der Großkapitalist Joh Fredersen. Dessen Macht wird bedroht, als sein Sohn sich in die schöne Maria aus der Arbeiterwelt verliebt, die von ihren Leuten verehrt wird und für Harmonie wirbt. Der Erfinder Rotwang, einst Rivale seines Vaters um eine inzwischen verstorbene Geliebte, entwirft eine Roboterfrau, um seine große Liebe wieder auferstehen zu lassen. Doch dann gibt er der Maschine die Gestalt von Maria und den Auftrag, Fredersen zu schaden. Die falsche Maria bringt die Menge dazu, die Maschinen von Metropolis zu zerstören. Dabei wird die Stadt der Arbeiter überschwemmt, die echte Maria und Fredersens Sohn retten die Kinder der Arbeiter und finden zusammen, die falsche Maria wird auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Am Ende siegt die Liebe: Der Vorarbeiter und Fredersen geben sich die Hand.

Der Film aus Buenos Aires ist stark verkratzt, wahrscheinlich wurde die Kopie Hunderte Male vorgeführt, bevor sie auf 16 Millimeter umkopiert wurde, ohne vorherige Reinigung. Félix-Didier legt die Hände auf die Armlehnen, dreht den Bürostuhl unruhig hin und her. Ob den Experten die Qualität des Materials zu schlecht ist? Was, wenn doch eine Szene fehlt? So lang wie in diesem Moment sind ihr die ersten Minuten des Films noch nie erschienen. - Dann kommt der Klub der Söhne, alles bekannt. Weiß gekleidete Menschen in einem gigantischen Sportstadion, darunter Freder, der Sohn von Fredersen, dem Lenker von Metropolis. Eine heile, reiche Welt ist zu sehen. Die Experten kennen diese Bilder auswendig. Das erste neue Bild erscheint nach fünf Minuten. Der Zeremonienmeister schminkt eine Dame, die Freder vergnügen soll. Den Paramount-Leuten war diese Szene offenbar zu anzüglich, sie schnitten sie raus. - "Here we go", sagt Koerber und macht sich Notizen. Félix-Didier ist ungeduldig, sagt: "Das ist nur ein Vorgeschmack." Aber niemand antwortet. So stumm war Metropolis wohl selten. -

Türflügel, die sich öffnen, Maria tritt ins Bild, fasziniert Freder. Es ist einer der Schlüsselmomente des Films: Der Sohn des Hierarchen verliebt sich, später sucht er Maria in den Tiefen der Arbeiterstadt, tauscht dort seine Kleider mit einem Arbeiter, stellt sich selbst an die Maschinen. Sein Vater gibt die Anweisung, jedem Schritt des Sohnes zu folgen. Ab sofort ist "der Schmale" ihm auf den Fersen. - War es vorher ungläubige Erwartung, ist es jetzt die Spannung, die keine Gespräche im Vorführsaal erlaubt: Der Schmale versteckt sich hinter einer Zeitung, er verfolgt Georgy, den Arbeiter, mit dem Freder seine Kleider getauscht hat. "Super", sagt Koerber leise. Endlich eine Reaktion. Félix-Didiers Hände entkrampfen sich ein wenig.

Leserkommentare
  1. Es wäre gut, wenn solche Entdeckungen auch zukünftige Förderungen für ein Museum wie diese bedeuten würde. Ich selber bin aus Buenos Aires und Jahren lang habe die Schätze der Filmgeschichte dort gesehen. Leider erfahre ich jetzt, dass das Museum zu ist. Wie Schade! Bestimmt gibt es auch viele andere interessante Sachen dort.... Buenos Aires ist doch ein Kulturstadt, wo vieles zu erleben gibt, aber Geld wie in Deutschland gibt es leider nicht. Hoffentlich gibt es ein Fortsetzung der Geschichte in der Murnau Stiftung unternimmt etwas positives für das Filmmuseum Ducrós.

  2. als ich im urlaub in der tageszeitung die ersten informationen zum fund las, begann es im bauch zu kribbeln. metropolis - fast vollständig - entdeckt: sagenhaft. dann: 16mm-format, schlechter zustand... aus kribbeln wurde wut, ärger, enttäuschung. aber was hatte ich schon erwartet? so habe ich denn ein lachendes und ein weinendes auge und freue mich darauf, dass wir normalsterblichen in einigen jahren auch in den genuss einer beinahe integralen version des klassikers kommen werden. die restauration wird sicherlich eine ungeheure herausforderung. ich würde allerdings - zusätzlich zum gedanken an eine "gemischte" version aus "altem" und "argentinischem" material - gern einen weiteren vorschlag machen:zusätzlich zu so einer "historisch-kritischen" version sollte man darüber nachdenken, ob man die "neuen" szenen nicht mithilfe des computers neu erstellt. man hätte dann zwar nicht ein abbild des originalfilmes... auf der anderen seite könnte es so möglich sein, schärfe und tiefenschärfe zu gewinnen, staub und kratzer unsichtbar zu machen. so könnte gerade eine solcherart "restaurierte" version langs metropolis breiteren interessentenschichten zugänglich machen. in der literatur gibt es ja ebenfalls - z.b. bei altsprachlichen texten wie dem nibelungenlied - zweisprachige ausgaben. wem das mittelhochdeutsche (ggf. sogar als kommentierte studienausgabe) zu anstrengend ist, der greift eben zur neuhochdeutschen übertragung und kann das werk dennoch genießen - weil verstehen.vielleicht wird ja auf diesem weg es sogar möglich, dass metropolis wieder im kino zu sehen sein wird, zum ersten mal seit über 80 jahren in der gestalt, in der es fritz lang wollte. wäre das nicht wunderbar?

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  • Quelle ZEITmagazin, 2008-07-03T12:00Z Nr. 28
  • Schlagworte Reise | Fritz Lang | Film | Filmgeschichte | Archiv | Argentinien
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