Georgy steigt in ein Auto, findet Geld in den Taschen von Freders Kleidern. Sieht im Auto nebenan eine Dame, die sich schminkt. Ihm fällt ein Flugzettel auf den Schoß, "Yoshiwara" steht darauf. Georgy lässt sich in das Vergnügungsparadies fahren. "Exzellent", sagt Koerber. Die fehlenden Stellen hat der Restaurator bisher nur im Kopf gesehen, sie sich vorgestellt. »Wahnsinn«, sagt Rother, der Kinemathek-Chef und Berlinale-Mann, in der ersten Reihe. "Das hat seit 1927 niemand mehr gesehen. Außer den Argentiniern, die vielleicht nicht wussten, was sie da hatten."

Nun sind sie wieder da: die Autoszene und Yoshiwara, beide hatte der Filmkritiker Roland Schacht 1927 als besonders gelungen herausgestellt. Nach der Kürzung sei Metropolis nicht mehr der Film, den er bei der Premiere im Ufa-Kino gesehen habe, schrieb Schacht unter dem Pseudonym Balthasar. "Fast alles Dramatische" und "viel des photographisch besonders Gelungenen" fehlten in der neuen Version. Auch das Fehlen der nächsten von Peña und Félix-Didier wiederentdeckten Szene bedauert Schacht in seiner Kritik: Joh Fredersen, der Vater von Freder, steht im Haus des Erfinders Rotwang. Er öffnet einen Vorhang und findet dahinter eine Statue: "Hel. Geboren mir zum Glück, allen Menschen zum Segen. Verloren an Joh Fredersen. Gestorben, als sie Freder, Joh Fredersens Sohn, das Leben schenkte." Diese kurze Szene macht klar: Rotwang und Fredersen sind Rivalen, sie liebten die gleiche Frau.

Genau diese Szene hatten die Amerikaner entfernt. Channing Pollock, der das Material umgeschnitten hatte, sagte später: "Ich habe ihm meine Bedeutung gegeben." Durch diese Kürzung wurde der Film entstellt, die Rivalität zwischen Fredersen und Rotwang um die geliebte Frau war nicht mehr zu erkennen. Wenn Rotwang nun vor Fredersens Gesicht wütend mit den Armen herumfuchtelte, fragte man sich, warum. Kein Wunder, dass H. G. Wells über die gekürzte Fassung schrieb: "Ich habe vor Kurzem den dümmsten Film gesehen." - Doch nun ist die Hel-Szene wieder da. "Auf einmal macht alles Sinn. Jetzt wird der Film zum männlichen Melodram", sagt Wilkening, sie hat sich seit Beginn der Vorführung nicht bewegt, nur wie gebannt auf die Projektion gestarrt.

Rotwang arbeitet an einer Roboterfrau, er will seine geliebte Hel wieder zum Leben erwecken. Doch dann bittet ihn Joh Fredersen, ihr das Gesicht von Maria zu geben. Maria ist die weibliche Hauptfigur, die einen Mittler sucht, der den Streit zwischen den Arbeitern und den Lenkern von Metropolis beilegen soll. Nun gibt es eine zweite, eine Roboter-Maria. Sie stachelt die Massen auf, die Maschinen zu zerstören und ihre Kinder in Gefahr zu bringen.

Die nächste neue Szene. Georgy hat das Geld in Yoshiwara ausgegeben, steigt ins Auto und wird von dem Schmalen überrascht, der ihn in die Stadt der Arbeiter zurückschickt. "Davon hatten wir bis jetzt nicht mal Szenenfotos", sagt Rother. - Es geht weiter: ein Kampf in der Wohnung des vom Vater entlassenen Sekretärs, der nun dem Sohn Freders treu ist. Die aufgebrachten Massen verfolgen die gute und schließlich die böse Maria. Dann die Panik der Kinder.

Ein Riss geht durch den Asphaltboden der Arbeiterstadt, Wasser quillt heraus. Zuerst wenig, dann birst der Beton. Die Stadt wird überflutet. Aus den Häusern strömen die Kinder zu Hunderten. Sie versuchen, über eine Treppe zu entkommen, rütteln verzweifelt an der Gittertür, die den Ausgang versperrt, während das Wasser immer höher steigt. 14 Tage lang hatten die Komparsen beim Dreh immer wieder unter Wasser gestanden, die meisten stammten aus den Elendsvierteln des Berliner Nordens. Einer fing sich eine Lungenentzündung ein und verlor die Stimme. In der Paramount-Version war diese Szene stark gekürzt, man wollte dem US-Publikum wohl nicht zu viel zumuten. "Wie spannend diese Szene auf einmal ist", sagt Rother. "Jetzt ist Metropolis ein echter Fritz-Lang-Film." Dann sehen die Experten das bekannte, kitschige Ende: Die Liebe überwindet die Differenzen, es kommt zum Handschlag zwischen Arbeiter und Magnat.

Das Licht im Vorführraum geht an. Félix-Didier liest den Experten nun jedes Wort von den Lippen ab. Ihr Urteil wird darüber entscheiden, wie es mit Metropolis weitergeht. Es geht reihum: "Der Zustand des Materials ist bedauerlich", sagt Koerber, der Restaurator. "Mir hatte Metropolis nie wirklich gefallen", sagt Wilkening, die Frau von der Murnau-Stiftung, "aber ich überlege, ob ich dieses Urteil revidieren muss. Die wichtigen Nebenfiguren machen nun Sinn." - "Vorher war der Film holprig, jetzt ist er rund", sagt Rother, der Chef der Kinemathek.

Ganz am Ende sagt Anke Wilkening den entscheidenden Satz: "Wir als Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung sehen uns in der Verantwortung, das Material zusammen mit dem Archiv in Buenos Aires und unseren Partnern der Öffentlichkeit zugänglich zu machen." Es sind Zauberworte in Félix-Didiers Ohren. Irgendwann, hoffentlich, werden die fehlenden Metropolis-Stellen nicht mehr nur im Kopf der Zuschauer laufen, sondern auf einer echten Leinwand.

Seit ihrer Gründung vor 42 Jahren setzt sich die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung dafür ein, einen Großteil des deutschen Filmerbes vom Beginn der Laufbilder bis zum Anfang der sechziger Jahre zu erhalten, zu pflegen und zu verbreiten. In der Obhut der Stiftung finden sich die großen Klassiker des deutschen Kinos: Das Cabinet des Dr. Caligari, Nosferatu, Nibelungen, Der blaue Engel, Die drei von der Tankstelle, Münchhausen, Große Freiheit Nr. 7 – und eben Metropolis. Nachdem seine Restauratorin von ihrer Reise nach Berlin zurückgekehrt ist, sagt Helmut Poßmann, der Vorstand der Stiftung: "Je mehr Materialien zusammengetragen, vergleichend betrachtet und ausgewertet werden, umso historisch zuverlässiger ist das Ergebnis von Restaurierungen. Das bisher verschollen geglaubte Material führt zu einem neuen Verständnis dieses Meisterwerkes von Fritz Lang."

Fehlt nur noch ein Urteil: das von Enno Patalas, dem Mann, der seit Anfang der siebziger Jahre Metropolis erforscht und versucht hat, den Film zu rekonstruieren – ohne ihn je vollständig gesehen zu haben. Patalas erwartet Félix-Didier in seiner Wohnung in München. Durchs Fenster sieht man Kastanien, das Wohnzimmer steht voll mit Büchern, viele über Fritz Lang, eine Sammlung der Cahiers du Cinema. Patalas legt die DVD ein, guckt und schweigt. "Das könnte eine Kopie vom Original sein", sagt er am Ende zu der mittlerweile von der Reise völlig erschöpften Paula Félix-Didier. "Es ist das authentischste Material, das wir kennen."

Patalas glaubt wie die anderen Experten, dass die neuen Stellen selbst nach einer Restaurierung nicht an die Qualität des bekannten Materials herankommen würden. Aber vielleicht sollte Félix-Didier das nicht zu sehr bedauern. Es sind gerade die Materialfehler, die ihrem kleinen Filmmuseum bald ein großes Denkmal setzen könnten: in einer neuen Version von Metropolis, die die in Buenos Aires wiedergefundenen Szenen enthält. Und diese würden – dank der Kratzer auf dem Film – für immer als solche zu erkennen bleiben.