Was die Überwachungskamera der Münchner Verkehrsbetriebe im Untergeschoss der U-Bahn-Station Arabellapark am Abend des 20. Dezember 2007 aufgezeichnet hat, ist eine Jagdszene, die dem Betrachter den Atem raubt. Zwei Gestalten kommen die Rolltreppe heraufgerannt, eine dritte Silhouette verfolgend. Der erste Verfolger erreicht die Beute, stößt sie zu Boden und tritt sie in die Seite, schon ist der zweite heran, kniet sich über den Liegenden und schlägt ihm blindwütig mit der Faust ins Gesicht, dann erhebt er sich und tritt gegen seinen Kopf, rennt Anlauf holend aus dem Bild, kehrt zurück und tritt ein zweites Mal gegen den Schädel des Hilflosen, diesmal mit solcher Wucht, dass er danach hinkt. Sein Begleiter schnappt sich den Rucksack des Überfallenen, und beide sind weg. Zurück bleibt die hingestreckte Figur, von der der Betrachter annehmen muss, dass sie diesen Angriff nicht überleben wird.

Fast jeder Deutsche hat diese Bilder gesehen, der Mitschnitt lief um die Weihnachtszeit als Topnachricht auf allen Fernsehkanälen. Auch im Saal A101/I des Landgerichts München hat die Szene nichts von ihrer beängstigenden Aggressivität verloren. Hier, im sogenannten U-Bahn-Schläger-Prozess, der Recht schaffen und den durch die Tat gestörten sozialen Frieden im Volk wiederherstellen soll, begegnen sich die drei Personen der Szene ein zweites Mal: Das Opfer hat jetzt ein Gesicht, es ist der 76-jährige Hubert N., pensionierter Realschuldirektor, ein knorriger kleiner Herr, der die Tat mit mehreren Schädelbrüchen wie durch ein Wunder überlebt und die Klinik bereits nach drei Tagen auf eigenen Wunsch verlassen hat.

N. begnügt sich damit, als Zeuge aufzutreten und zu berichten, durch welche Nichtigkeit er die Wut der mit Zigaretten in der Untergrundbahn lümmelnden jungen Männer auf sich gezogen hat: »Ich sagte zu ihnen: In der U-Bahn raucht man nicht.« Hubert N. lässt sich nicht instrumentalisieren. Er hat darauf verzichtet, im Prozess als Nebenkläger aufzutreten und mit Hilfe eines Anwalts eine besonders harte Bestrafung der Täter zu fordern oder sich gar in einer Talkshow – entgeltlich – als Verbrechensopfer zu präsentieren.

Auf der Anklagebank sitzen die beiden geständigen Gewalttäter: Serkan A., zum Tatzeitpunkt 20-jährig und damit Heranwachsender, ist ein in München geborener Türke. Er hat den Rentner zu Boden gerissen und in den Rumpf getreten. Der seit 2001 in München lebende Grieche Spyridon L. aber war es, der N. die lebensbedrohlichen Schädelverletzungen beigebracht hat. Er war bei der Tat 17 Jahre alt, also Jugendlicher.

Als die beiden wenige Tage nach dem Überfall gefasst wurden und feststand, dass es sich um Einwandererkinder handelte, hatte der im Wahlkampf stehende hessische Ministerpräsident Roland Koch sein Thema gefunden. »Wir haben zu viele kriminelle junge Ausländer«, zitierte die Bild-Zeitung ihn am 28. Dezember 2007 auf der Titelseite und machte die Kampagne des CDU-Politikers über die nächsten Wochen zu ihrer eigenen. Auch von anderen Medien unterstützt, forderte Koch, junge gewalttätige Migranten auszuweisen. Obwohl er für keine einzige seiner Ideen einen Fachmann auf seiner Seite hatte und keiner seiner Vorschläge durch ein wissenschaftliches Argument gestützt wird, dachte er laut über eine Verschärfung des Jugendstrafrechts nach, über die Verlängerung der maximalen Jugendstrafe von 10 auf 15 Jahre, über das Herabsetzen der Strafmündigkeit auf das Alter von 12, über Erziehungscamps nach amerikanischem Vorbild.

Koch ging es offenbar auch nicht um die Zustimmung der Kriminologen und Juristen, sein Ziel war es, Angst vor jungen Ausländern zu entfachen und sich als Problemlöser zu empfehlen. An einer Lösung der gewaltigen Probleme, die Einwandererkinder in Deutschland unbestritten haben, war er weniger interessiert.

Spätestens bei solchen Kampagnen zeigt sich, dass das Recht nicht die von Interessen unabhängige Größe ist, als die es erscheint. Gesetze werden von Menschen gemacht, und der Richter ist auch nicht immer der Fels im Strom, mag er sich auch selbst dafür halten. Das gilt vor allem auf dem Gebiet des Strafrechts. Zu verlockend ist es für die Politik, sich von der Emotion statt vom Erfahrungswissen leiten zu lassen und die Stimmungen, die zu Gesetzesverschärfungen führen, zur eigenen Profilierung erst hervorzurufen. Dass solche Stimmungen auch Richter erreichen, zeigt sich am Süd-Nord-Gefälle beim Maß der verhängten Strafen. Zwar gilt überall in Deutschland das Strafgesetzbuch, doch dieselbe Tat kann in München deutlich härter geahndet werden als in Bremen. Und der für Bayern zuständige 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs gilt als besonders nachsichtig gegenüber harten Urteilen.