Selten gibt es in der von beiden Seiten angeheizten Atmosphäre zwischen dem Westen und Iran Stimmen, die Vernunft walten lassen und die Lage nüchtern betrachten. Zu diesen Ausnahmen gehört die vor Kurzem erschienene Analyse von Christoph Bertram. Der ehemalige Direktor der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik bilanziert den nun seit mehr als fünf Jahren andauernden Streit um das iranische Atomprogramm und stellt fest, dass die westliche Strategie gegenüber Iran nichts taugt und deshalb grundlegend geändert werden muss.

Wie groß ist die Gefahr, die von Iran ausgeht, wie realistisch sind die Horrorszenarien, die tagtäglich in der westlichen Presse gemalt werden, fragt Bertram. Ist der Eindruck, den die Berichte liefern, richtig, dass Iran sich unmittelbar vor dem Bau der Atombombe befindet? Trifft es zu, dass ein nuklear gerüsteter Iran eine ernste Bedrohung für Israel, für Europa, für die USA darstellt? Kann ein atomar bewaffneter Iran gar zum Auslöser eines Dritten Weltkriegs werden?

Bei allen diesen Fragen meldet Bertram erhebliche Zweifel an. Zwar sei es berechtigt, die Beteuerungen Irans zur friedlichen Nutzung der Atomenergie infrage zu stellen. Doch folge man den Berichten der Internationalen Atombehörde, sei das Land noch Jahre von der Bombe entfernt. Und gesetzt den Fall, Iran würde doch rascher als vermutet in den Besitz eines nuklearen Sprengsatzes gelangen, "wieso wäre, wie es in den einschlägigen westlichen Politikerreden gern heißt, ein atomar bewaffneter Iran inakzeptabel?"

Für jene, die seit Jahren an dem Feindbild Iran basteln, klingen solche Fragen wie kalter Hohn. Aber Bertram lässt sich davon nicht beeindrucken. Er bringt überzeugende Argumente dafür, dass selbst jene Radikalen in Iran, die möglicherweise die nukleare Bewaffnung des Landes anstreben, dies nicht mit dem Ziel tun, Israel oder gar Europa und die USA zu vernichten. Auch für Iran gelte der Grundsatz, dass Atomwaffen nicht zum Einsatz, sondern zur Abschreckung dienen. Das Land ist rund um seine Grenzen von amerikanischen Streitkräften und Stützpunkten umzingelt und von mehreren Atommächten umgeben. Dementsprechend groß ist sein Bedürfnis nach Sicherheit.

Die Gefahr eines iranischen Angriffs auf Israel oder gar Europa und die USA sei auch deshalb so gut wie ausgeschlossen, weil dem Regime in Teheran bewusst sei, dass ein solcher Schritt einer Selbstvernichtung gleichkäme. Auch das Argument, Iran wolle durch nukleare Bewaffnung die Rolle einer regionalen Großmacht spielen, sei nicht überzeugend. Diese Rolle habe Iran dank der falschen Politik des Westens bereits ohne Atomwaffen übernommen. Schon heute seien die Probleme in Afghanistan, im Irak, im Libanon oder in Palästina ohne iranische Beteiligung kaum lösbar. Reine Spekulation sei schließlich die Behauptung, eine Atommacht Iran würde die Nachbarstaaten zur Nachahmung bewegen. Wieso sollten diese Staaten dies tun, wenn nicht einmal die atomare Bewaffnung Israels sie zu einer solchen Reaktion veranlassen konnte? Für die arabischen Staaten gäbe es eine bessere Option als eine eigene Atombombe: den Schutz der USA, was für den Westen eher von Vorteil wäre.

Soll man also beruhigt die Hände in den Schoß legen und Iran gewähren lassen? Mitnichten, sagt Bertram. Aber Sanktionen und Kriegsdrohungen seien der falsche Weg. Man müsse den Bedürfnissen des Regimes nach Sicherheit entgegenkommen, müsse das Land nicht als Feind behandeln, sondern als Partner akzeptieren. Erst durch eine enge Kooperation, die auch für den Westen sowohl ökonomisch als auch politisch von großem Nutzen sein könnte, würde man die Probleme lösen und der Führung in Teheran klarmachen können, dass eine nukleare Bewaffnung nicht zum Vorteil, sondern zum Nachteil des Landes sei.

An dieser Stelle verlässt Bertram den Boden der Realität und begibt sich in das Reich der Utopie. Denn jeder, der sich genauer mit dem Atomstreit befasst hat, weiß sehr wohl, dass der Konflikt zwischen Iran und den USA weit über die Atomfrage hinausgeht. Das strategische Ziel der USA ist, unabhängig von der jeweiligen Regierung, die Kontrolle über den Nahen und Mittleren Osten, über ein Gebiet, in dem die reichsten Energiequellen der Welt lagern. Doch dieses Ziel lässt sich nicht erreichen, solange die Islamisten in Iran an der Macht sind. Daher hat Washington nie einen Hehl daraus gemacht, dass es einen Regimewechsel in Iran anstrebt.