Beginnt hier nicht eine Realsatire, ergötzlich und schreckensvoll? Ihr neospenglerisches Motiv lautet: Klimakatastrophe und Ölkrise killen Atomkraftrisiko. Die ums Grüne bemühte CDU-Kanzlerin und Physikerin Angela Merkel hat plötzlich etwas überraschend Missionarisches. Sie will die Paranoia der Deutschen im Umgang mit der Tschernobyl-Energie überwinden und Atomkraft, umgetauft in »Öko-Energie« (CDU-Generalsekretär Pofalla), auf dem sich im Zeitalter des Klimawandels und der Ölnot radikal verändernden Macht-Schachbrett der Energiepolitik neu ins Spiel bringen. Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang nicht überflüssig, an Folgendes zu erinnern.

Vor einigen Jahren erteilte der US-Kongress einer wissenschaftlichen Kommission den Auftrag, eine Sprache oder Symbolik zu entwickeln, die noch in zehntausend Jahren über die Gefährlichkeit amerikanischer Atommüllendlager aufklären sollte. Das zu lösende Problem lautete: Wie müssen Begriffe, Symbole beschaffen sein, um eine Botschaft über Jahrtausende an die dann Lebenden weiterzugeben? Die Kommission setzte sich aus Physikern, Anthropologen, Linguisten, Psychologen, Altertumsforschern, Künstlern et cetera zusammen. Die Experten suchten Vorbilder in den ältesten Symbolen der Menschheit, studierten den Bau von Stonehenge (1500 vor Christus) und Pyramiden, erforschten die Rezeptionsgeschichte Homers und der Bibel. Aber diese reichten allenfalls ein paar Tausend, nie zehntausend Jahre zurück. Die Anthropologen empfahlen das Symbol der Totenköpfe. Ein Psychologe führte dagegen Experimente mit Dreijährigen durch: Klebt der Totenkopf auf einer Flasche, rufen sie ängstlich »Gift«, klebt er an einer Wand, rufen sie begeistert »Piraten«!

Gerade also die wissenschaftliche Akribie der Kommission legte offen, dass selbst unsere Sprache versagt vor der Aufgabe, künftige Generationen über die Gefahren zu informieren, die wir wegen des Nutzens der Atomkraft geschaffen haben. Auf dem Hintergrund dieser Einsicht werden die Akteure, die Sicherheit und Rationalität gewähren sollen, völlig anders beurteilt – nicht mehr als Treuhänder, sondern als Verdächtige. Sie gelten nicht mehr als Risikomanager, sondern auch als Quelle des Risikos. Denn dieses wissend, mutet Merkel der Bevölkerung zu, in ein Flugzeug zu steigen, für das noch keine Landebahn existiert.

Die »Sorge um das Sein«, die durch globale Risiken weltweit geweckt wird, hat längst zu einem Vabanquespiel um das Sein, zu einem Welthässlichkeits-Verdrängungswettbewerb der Großrisiken geführt. Die unkalkulierbaren Gefahren, die vom Klimawandel ausgehen, sollen mit den unkalkulierbaren Gefahren, die mit neuen Kernkraftwerken verbunden sind, »bekämpft« werden. Bei vielen Entscheidungen über Großrisiken geht es nicht um die Wahl zwischen sicheren und riskanten Alternativen, sondern um die Wahl zwischen verschiedenen riskanten Alternativen, oft um die Wahl zwischen verschiedenen Alternativen, deren Risiken qualitativ unterschiedliche Dimensionen betreffen und kaum vergleichbar sind. Derartigen Abwägungen sind die heutigen Formen des wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurses nicht gewachsen. Merkel und die CDU/CSU erliegen der Versuchung der unzulässigen Vereinfachung, die jeweilige Entscheidung als eine Entscheidung zwischen sicheren und riskanten Alternativen darzustellen, indem man die Unwägbarkeiten der Atomenergie verdrängt, das Risiko der Ölkrise und der Klimakatastrophe dagegen ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt.

Bemerkenswerterweise sind die Konfliktlinien der Weltrisikogesellschaft kulturelle. In dem Maße, in dem sich globale Risiken der Kalkulation nach den üblichen wissenschaftlichen Methoden entziehen und sich als Gegenstand relativen Nichtwissens entpuppen, erlangt die kulturelle Wahrnehmung, das heißt der Glaube an die Wirklichkeit oder Unwirklichkeit des jeweiligen Weltrisikos, eine zentrale Bedeutung. Wir haben es (um Huntington abzuwandeln) auch innerhalb Europas im Hinblick auf Atomkraft mit einem clash of risk cultures, dem Zusammenstoß der Risikokulturen, zu tun. So wird die Tschernobyl-Erfahrung in Deutschland anders bewertet als in Frankreich oder Großbritannien, in Spanien oder Italien. Für viele Europäer sind die Gefahren des Klimawandels inzwischen viel wichtiger als die Gefahren der Atomkraft oder des Terrorismus. Während aus Sicht vieler Amerikaner die Europäer an Umwelthysterie leiden, sind viele Amerikaner in den Augen vieler Europäer von Terrorismus-Hysterie gepeinigt.

Noch vor Kurzem wäre es einem politischen Selbstmord gleichgekommen, in einen Wahlkampf mit dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomkraft zu ziehen. Doch seitdem der Klimawandel als menschengemacht und seine katastrophalen Folgen für die Natur und Gesellschaft als sicher gelten, werden die Karten in Gesellschaft und Politik neu gemischt. Es ist völlig falsch, den Klimawandel als geradezu unumkehrbaren Weg in die menschheitliche Katastrophe zu sehen. Klimawandel eröffnet unverhoffte Gelegenheiten, die Prioritäten und Regeln der Politik umzuschreiben.

In der Tat braut sich einiges zusammen. Die steigenden Energiepreise beschwören das Armutsrisiko selbst in der Mitte der Gesellschaft herauf. Die Priorität der Sicherheit der Energie, die 20 Jahre nach Tschernobyl immer noch galt, wird durch die Frage unterlaufen, wie lange sich eine wahrscheinlich wachsende Mehrheit der Verbraucher ihren Lebensstandard angesichts der keineswegs vorübergehend steigenden Kosten für Strom, Gas und Auto noch leisten kann.