Das Buch mit der weltweit größten Auflage ist bekanntlich die Bibel. Weniger bekannt ist, dass die zweithöchste Auflage der Ikea-Katalog erreicht, und man darf annehmen, dass er mit einer Aufmerksamkeit, mit einer Inbrunst studiert wird, wie sie sonst nur ein Gläubiger aufbringt, gebeugt über den heiligen Text. Der Katalog verkündigt auf dem Titelblatt: ZUHAUSE – KEIN PLATZ AUF DER WELT IST WICHTIGER. Was ausbuchstabiert heißen müsste: Die Welt ist ungemütlich geworden. Schließe Fenster und Türen, und mach’s dir bequem!

Der Mensch als Monade, als ein vom Gemeinwesen beschränktes, auf sich beschränktes Individuum: Das ist das Ergebnis, zu dem schon Marx in seiner Analyse der bürgerlichen Gesellschaft gekommen ist. Sollte man also wieder Sartre zitieren, der vor genau 50 Jahren den Marxismus als den »unüberschreitbaren Horizont unserer Zeit« bezeichnet hat? Darf man das Versprechen auf Gemeinschaft und Ganzheit erneuern, mit dem der Marxismus Generationen von Intellektuellen in den Bann geschlagen hat? In deutscher Übersetzung sind drei Bücher französischer Autoren erschienen, die darauf eine Antwort geben können.

Roland Barthes hält seine Vorlesung Wie zusammen leben 1977 am Collège de France noch vor dem Hintergrund, dass in der Intellektuellenkaste »der politische Glaube die religiöse Überzeugung abgelöst hat«. Das war für ihn ein negativer Befund. 1974 erschien in Paris Solschenizyns Buch Der Archipel Gulag und zeigte, was für traurige Ergebnisse dieser Glaube anderswo zeitigte. Aber schon Barthes’ emphatischer Begriff von Befreiung – Befreiung von der Autorität des Sinns, des Autors, der Geschichte – ließ ihn alles verwerfen, was an Vorschrift gemahnte. So kann er jenseits der tradierten Formen der Glaubensgemeinschaften das Zusammenleben nur als Frage formulieren, als sein »Urphantasma«: »In der Phantasie allein leben wollen und zugleich, ohne Widerspruch dazu, zusammenleben wollen.« Einen Anhaltspunkt für sein Ideal findet er auf dem Berg Athos in der Ägäis. Dort hatte sich außerhalb des klösterlichen Lebens mit der Idiorrhythmie eine Form der Einsiedelei entwickelt, die jedem Mönch seinen Rhythmus beließ und ihn dennoch, über ein wöchentliches Treffen etwa, in gemeinsame Strukturen einband.

Mit viel Distanz ließe sich vielleicht glücklich zusammenleben

Lediglich an der Form interessiert, präsentiert Barthes uns eine ganze Materialsammlung solcher Bruchstücke. In Abgrenzung zur Methode, verstanden als zielgerichtetes Nachgehen, konzipiert er sein kulturgeschichtliches Stöbern und Auflesen als Prä-Methode: ein Prozedere, das so vorläufig wie unabschließbar ist. Mit Form und Inhalt seiner Vorlesung verweist uns Barthes auf eine permanente Baustelle, die jeden dazu einlädt, nach eigenem Ermessen fortzufahren. Die Gemeinschaft ist damit im doppelten Sinn aufgegeben: Sie lässt sich nicht verwirklichen, nicht vollenden und birgt dennoch die Hoffnung, man werde sich ihrer annehmen. Inakzeptabel als politisches Projekt, bleibt sie als Ethik, die in individueller Lebensführung wurzelt, gleichwohl praktikabel.

Auch für Maurice Blanchot ist die Gemeinschaft problematisch – möglich scheint sie ihm nur, mit dem Wort seines Freundes George Bataille, als »Gemeinschaft derer, die keine Gemeinschaft haben«. Der Unterschied zu Barthes liegt dann auch weniger in der Argumentation als im Klang. Barthes formuliert den Traum eines glücklichen Zusammenlebens in der Distanz. Blanchot schildert den in jedem Zusammensein latenten Albtraum. In seinem Buch Die uneingestehbare Gemeinschaft von 1983 heißt es: »Dort, wo sich eine vorübergehende Gemeinschaft zwischen zwei Wesen bildet, die füreinander geschaffen sind oder nicht geschaffen sind, baut sich eine Kriegsmaschine auf, oder besser gesagt, die Möglichkeit eines Desasters, die, wenn auch nur in infinitesimaler Dosis, die Drohung einer universellen Vernichtung in sich trägt.« Der Totalitarismus der Schoah wird in den achtziger Jahren zum Ausgangspunkt des Denkens.

Blanchots Text war eine Antwort oder besser ein Echo auf Jean-Luc Nancys im selben Jahr verfassten Aufsatz La communauté désœuvrée, in dem der Derrida-Schüler die Gemeinschaft im Sinne des Werks und der Innerlichkeit – das heißt alle Projekte der Einswerdung, der Verschmelzung, der Abschließung, seien sie nun amourös oder religiös, politisch oder technisch – seinerseits als totalitär brandmarkte. Das Faszinosum des Totalitären erklärte er mit dessen Leugnung des Todes. Wir sterben nicht mehr, sagt Nancy, das »wahre Leben« wird der Unendlichkeit zugeschlagen, das wirkliche Leben aber radikal abgewertet.

Nancy zufolge wird der Tod erst in der Gemeinschaft, durch den Tod eines anderen erfahrbar oder, wie Nancy auch sagt: »mit-geteilt«. Entscheidend ist, dass Nancy die Gemeinschaft als Mitsein und Mit-Teilung nicht normativ versteht, wie es seit Aristoteles’ Bestimmung des Menschen als Zoon politikon, als Wesen, das sein Potenzial erst in der politischen Gemeinschaft realisiere, üblich geworden ist. Nancy konzipiert die Gemeinschaft ontologisch: Sie ist gewissermaßen die Mitgift des Seins. Und dieser Gabe wird keine gemeinschaftliche Organisationsform gerecht, sondern nur eine Praxis des Teilens.

Im Mai 1968 hatte plötzlich jeder etwas zu sagen. Was? Nicht so wichtig

Wie wichtig es ist, gerade heute daran zu erinnern, erläutert Nancy in seinem Essay Die herausgeforderte Gemeinschaft. Er hat den Text 2001 verfasst, mit Blick auf den 11. September und den Konflikt, der mit dem Zusammensturz der gewaltigsten Kathedrale des Welthandels deutlich wurde. Dieser Konflikt wird nicht als Kampf der Kulturen ausgetragen, erklärt uns Nancy. Im Gegenteil, es ist ein Bürgerkrieg innerhalb des Monotheismus, unter den Nancy überraschend den Atheismus subsumiert, weil er in ihm nicht nur dessen Verwirklichung, sondern auch dessen konstitutiven Grund erkennt. Im Monotheismus ist der Gott zum abwesenden Gott geworden: Der Monotheismus ist ein »Absentheismus«.

Wir können Nancys Gedanken als Variation auf das Thema des Horror Vacui auffassen: Vor der unendlichen Leere schaudernd, flüchtet sich der Mensch in die Vorstellung, dass es etwas geben müsse, woran er sich halten kann. Und aus diesem Etwas wird schnell das Ein und Alles: der monotheistische Gott, die universelle Vernunft, die Wissenschaft, der Kommunismus, zuletzt der nihilistische Individualismus, der unrettbar dem Glauben, dass alles seinen Preis hat, dem Glauben ans Geld verfällt.

Nancy meint, dass diese Figuren des identitären Denkens den Wunsch nach Gemeinschaft instrumentalisieren und ihn in ein Werk übersetzen, ohne dabei die Welt mit Wahrheit und Sinn versorgen zu können. Es sind leere Konzepte geworden. Das ist Nancy zufolge die Situation unserer Zeit. Er sieht aber auch die Möglichkeit einer anderen Welt. Wir müssten dazu begreifen, dass in der Leere hinter der Allmacht des Einen selbst die Wahrheit der Gemeinschaft ruht – als Abwesenheit des Sinns und der Wahrheit, die allen gemeinsam gegeben ist.

Predigt Nancy damit das notorische anything goes am Endpunkt der Geschichte? Keineswegs. Wer sich einer spielerischen Beliebigkeit verschreibt, setzt an die Stelle des Einen lediglich die unablässige Zitierung der geschichtlichen Erscheinungsformen dieses Einen. Die Abwesenheit des Sinns und der Wahrheit, »unsere Armut«, wie Nancy sagt, legt uns vielmehr eine Verpflichtung auf: dass wir uns den allgegenwärtigen multiplen Formen des identitären Denken widersetzen und an einer Universalität festhalten, der keine Bestimmung und kein Inhalt gerecht werden kann, an einem Sinnraum also, den wir miteinander teilen und in dem wir uns einander aussetzen. Die Literatur ist für Nancy ein Beispiel dieser Art Mit-Teilung. Die Literatur kennt kein letztes Wort.

Dasselbe kann Nancy zufolge aber auch für eine bestimmte Art der Rede gelten. Womit deutlich wird, dass er kein elitäres Kulturkonzept propagiert. Was ist denn eine Mit-Teilung, die nicht auf Anerkennung oder Aneignung zielt? Nichts anderes als die Äußerungsform der Geselligkeit – die sich im literarischen Lesen und Schreiben gleicherweise niederschlägt wie etwa auf einem Fest. So überraschend es klingt, aber das ist Nancys bleibendes Verdienst: Er hat größte Anstrengungen auf sich genommen (wer ihn liest, verschweigen wir es nicht, muss es auch tun), um uns an die ontologische Wahrheit und weltgeschichtliche Bedeutung des Plauderns zu erinnern.

Auch Roland Barthes hat sich in seiner Vorlesung für ein redseliges Zusammensein ausgesprochen – und es mit dem Mondänen identifiziert. Auf die von Nancy analysierte Weltlage übertragen, hieße das: Gegen die Globalisierung, die unsere Zivilisation zerreißt, müssen wir das Mondän-Werden unserer Zivilisation verfechten. Blanchot wiederum hat mit dem Blick des Poeten, der bis zum Grund der Dinge reicht, ein Datum fixiert, an dem das Mondäne für kurze Zeit zur Domäne aller geworden ist: »Der Mai 68 hat gezeigt, dass sich ohne Projekt, ohne Verschwörung, mit der Plötzlichkeit eines glücklichen Zusammentreffens eine explosive Kommunikation affirmieren konnte, wie ein Fest, das die erlaubten oder erwarteten sozialen Formen umstieß. Jeder hatte etwas zu sagen, manchmal etwas zu schreiben.« Was das war, fügt er hinzu, darauf kam es nicht an.

Begreifen wir so die Geselligkeit und die allgemeine »Freiheit des Wortes« als das Ereignis des Mai 68, werden wir uns nicht daran erinnern können, ohne zugleich nach vorn zu schauen: Das Datum würde zum unüberschreitbaren Horizont unserer Zeit.