Veschab ist ein frostiges und raues Gebirgsnest in Tadschikistan, Zentralasien. Mangue ist ein heißes und schwüles Tropendorf in Angola, südliches Afrika. In Veschab leben Muslime, in Mangue leben Christen, der katholische Pater stammt aus Kolumbien. Veschab und Mangue – die beiden Orte trennen ungefähr 10000 Kilometer, und ihre Gegensätze könnten größer nicht sein.

Wenn man aber ihre Bewohner befragt, erhält man bisweilen wortgleiche Antworten. »Unsere Kinder haben zu wenig zu essen.« Oder: »Wir brauchen Kunstdünger, damit unsere Ernten besser werden.« Die Not verbindet die Menschen. Sie müssen hier wie dort von weniger als einem Dollar am Tag leben, sie leiden unter tückischen Krankheiten und hungern in den kargen Jahreszeiten.

Die beiden Orte haben noch etwas anderes gemeinsam: Sie sind sogenannte Millenniumsdörfer, zwei von fünfzehn, die die Deutsche Welthungerhilfe auf drei Kontinenten ausgewählt hat. Die humanitäre Organisation hat bei der Bekämpfung von Unterernährung, Kindersterblichkeit und Analphabetismus große Verdienste erworben. Nun will sie beweisen, dass sich der Millenniumsplan der Vereinten Nationen, die weltweite Armut bis zum Jahr 2015 zu halbieren, auch viel schneller verwirklichen lässt.

Die deutschen Helfer haben sich vorgenommen, bereits 2010 eines oder mehrere der acht Kernziele zu erreichen. Veschab und Mangue sind also lokale Testgelände für einen globalen Großversuch. Die Welthungerhilfe verstärkt ihre Anstrengungen just in einer Zeit, in der die Bundesregierung kleinlaut mitteilt, dass sie ihre Versprechungen von mehr Entwicklungshilfe nicht halten wolle, und in der auch andere G8-Nationen offenbar von ihren Versprechungen für arme Länder abrücken wollen.

Die Reise nach Veschab beginnt auf einer »Straße der Macht«, auf einem makellosen Teerband, das aus der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe hinausführt und an der Luxusdatsche von Präsident Emomali Rachmonow abrupt abreißt. Dahinter beginnt die Dritte Welt. Wir fahren durch eine wilde Gebirgslandschaft, die Schneegipfel sind über fünftausend Meter hoch. Goldenes Herbstlicht durchglüht die Walnusshaine, Aprikosenwäldchen und Tabakfelder auf den terrassierten Bergflanken.

Die Armut nimmt man erst richtig wahr, wenn man nach Veschab kommt. Ein stilles, abgelegenes Bergdorf, Lehmhäuser, die sich in schroffe Hänge krallen. 2036 Einwohner, 75 Prozent arm, ein Viertel der Kinder mangelernährt. Man sieht es den Erstklässlern an, die in der Kantine der Grundschule gerade ihre Gemüsesuppe löffeln. Es sind struppige, schmächtige Wichte, die noch viel dünner wären, gäbe es die Schulspeisung nicht. Für die meisten ist es die einzige warme Mahlzeit am Tag.

»Wer hungert, kann nicht richtig lernen«, doziert Omar Atoev, einer der Lehrer. Er führt uns in eine Klasse, zur Deutschstunde. Vierzig Kinder, ein Lehrbuch – eine Fibel aus der DDR. »Das ist ein Pionier«, liest ein Junge vor. Die älteren Kinder schwänzen gelegentlich die Schule, sie müssen bei der Feldarbeit helfen. Eine Stunde dauert der Fußweg zu den Anbauflächen auf der anderen Seite des Flusses mit dem schönen Namen Serafschan, Goldfluss. Auf einem trockenen Acker treffen wir Sanowar Raipowa, sie klaubt gerade Steine. Seit ihrer frühen Jugend macht sie das, um der Natur ein paar Quadratmeter abzutrotzen; sie ist fünfzig, aber nach all der Mühsal und sechs Geburten sieht sie aus wie eine alte Frau.