Nationalelf Die Revolution geht weiter
Deutschland ist Vizemeister. Und doch hat die EM gezeigt: Solange die Bundesliga nicht Weltspitze ist, kann es auch die Nationalelf nicht sein
Ja, es war toll. Auch die deutsche Elf war fantastisch. Aber heute, am Tag vier nach dem Endspiel, muss man zugleich sagen: Es waren eben nicht nur zwei unterschiedlich gute Mannschaften, es war auch ein Klassenunterschied zu sehen. Vielleicht war es diese Erkenntnis, die Michael Ballack wegen einer Nichtigkeit nach dem Spiel ausrasten ließ: Als Manager Oliver Bierhoff ihn aufforderte, sich mit »Danke«-Transparenten in die Fankurve zu bewegen, kam es zwischen beiden zu einem erregten Disput.
Damit endete ein Turnier, in dem die Mannschaft vor allem durch eines auffiel – durch eine unfassbare Fragilität. Die ehemalige Großmacht des Weltfußballs präsentierte sich in diesen drei Wochen als eine Mannschaft, die fast jeden schlagen kann – und von fast jedem geschlagen werden kann. Was in den letzten vier Jahren von Jürgen Klinsmann und Joachim Löw aufgebaut worden war – die radikale Modernisierung des Fußballs in Deutschland –, das erwies sich bei dieser EM als extrem rückfallgefährdet, und zwar in gleich drei Varianten:
1. Bei einer Niederlage gegen Österreich und damit einem Ausscheiden in der Vorrunde wäre Joachim Löw als Bundestrainer nicht mehr zu halten gewesen. Und das ganze neue Spiel- und Trainingssystem wäre mit ihm verabschiedet, jedenfalls verwässert worden. Es ging, wie es Christoph Metzelder ausdrückte, »ums Überleben«.
2. Mindestens einmal bei dieser EM – gegen Österreich – hat Löw aus Angst, sein mutiges, offensives, schnelles System würde nicht funktionieren, auf den alten Kraft-Fußball zurückgegriffen. Der Sieg gegen Österreich, das Erreichen des Viertelfinales gab Löw recht. Aber Rumpeln auf Ansage, Roll-back auf Befehl, das bedeutet auch: Der Bundestrainer weiß um die Fragilität des Systems. In entscheidenden Phasen vertraute er ihm nicht.
3. Mehrmals hat der Trainer sein System zwar vorgegeben, die Spieler jedoch konnten es nicht umsetzen. So war es gegen Kroatien, gegen die Türkei (überwiegend) und im Endspiel (ab der 16. Minute). Ehrlich gerechnet, hat die Mannschaft bei sechs Spielen anderthalbmal erfolgreich angewendet, was sie in den vergangenen vier Jahren gelernt und geübt hatte: gegen Polen und vor allem gegen Portugal.
Woher kommt diese Fragilität? Warum spielt ein großes Land mit sechs Millionen (!) in Vereinen aktiven Kickern, mit einer solch beeindruckenden Fußballtradition und so viel Geld seit 15 Jahren bestenfalls am unteren Rand der Weltspitze? Und was ist in den letzten zwei Jahren passiert, in denen, so wurde nach der WM angekündigt, »die Mannschaft an ihren Zenit herangeführt« werden sollte?
Die Antworten darauf sind vielfältig, eine eigene ausführliche Analyse wäre lohnend. Eine zentrale Ursache jedoch stach bei dieser EM ins Auge. Offenkundig können die Bundestrainer keine konstant spielende Spitzenmannschaft formen, solange die Bundesliga die von Klinsmann und Löw angestoßene Umwälzung nicht nachvollzieht. Die Bundesliga ist international gesehen zweite Liga, da kann die Nationalelf nicht Spitze sein. Eine konstant erstklassige Nationalelf ist nur zu bekommen mit einer Bundesliga, die sich radikal verändert. Eine wichtige Botschaft der EM lautet daher: Was 2006 noch als charmantes Wunder durchging, die Abkopplung der Nationalmannschaft von System und Stimmung der Bundesliga, hat definitiv keine Zukunft.
An einem Beispiel lässt sich das aktuelle Bundesliga-Nationalelf-Dilemma glasklar ablesen: am Komplex Ribéry/Toni/Podolski/Schweinsteiger. Der FC Bayern hatte nach einer mittelmäßigen Saison 2006/07 getan, was viele schon lange gefordert hatten, nämlich endlich richtig Geld in die Hand genommen und mit Franck Ribéry und Luca Toni zwei internationale Stars eingekauft. Und es funktionierte, die beiden verzückten das Publikum und hängten den Rest der Liga fast mühelos ab.
Die Bundesliga verschwendet ihre Talente
Doch hatte diese Aktion, wie sich nun zeigt, einen hohen Preis. Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger spielten wenig oder schwach, weil das ganze System der Bayern auf die beiden Neulinge ausgerichtet wurde. Natürlich heiligt der Erfolg auch diese Mittel. Nur: Welcher Erfolg genau? Im Uefa-Cup (dem Cup der Verlierer, wie Franz Beckenbauer sagt) scheiterten die Bayern im Halbfinale an Zenit St. Petersburg.
Und dann kam die EM. Und dort zeigte sich, dass weder Ribéry (bis zu seiner Verletzung) noch Toni (bis zum Ausscheiden der Italiener) in diesem Umfeld besonders gut spielten, während Podolski und Schweinsteiger aufblühten. Eine Lehre lässt sich daraus ziehen: Die Bundesliga verschwendet ihre deutschen Talente, und die ausländischen Stars spielen für die deutschen Vereine nicht an ihrer Leistungsgrenze. Keine gute EM-Bilanz für die Bundesliga.
Nun trifft es sich gut, dass der Marktführer FC Bayern offenbar entschlossen ist, die Umwälzung à la Klinsmann/Löw jetzt auch im eigenen Verein voranzutreiben, praktischerweise mit Jürgen Klinsmann. Der hat am Montag seine Arbeit aufgenommen und als Erstes, wie es seine Art ist, jede Menge Neuerungen eingeführt. Wenn auch nur wenige Spieler schon da waren, dafür umso mehr hoch spezialisierte Betreuer, so ist der Trend doch klar: Es geht Klinsmann um ein Höchstmaß an gezielter Betreuung, um die präzise Förderung individueller Fähigkeiten, diesseits und jenseits des Platzes. So wird in Zukunft jeder Spieler auf einer elektronischen Tafel an seinem Spind einen auf ihn persönlich abgestimmten Tagesplan aufblinken sehen. Und Tagesplan meint Tagesplan: Vorbei sind die Zeiten, in denen nach anderthalb Stunden Training und ein bisschen Massage die Taktikvarianten zu Hause am Gameboy ausprobiert wurden. Klinsmann führt den Ganztagsprofi in die Bundesliga ein.
Was da beim FC Bayern begonnen hat, wird hochinteressant. Es geht um die Frage, ob sich das System Klinsmann/Löw bei den Bayern selbst und in der Liga durchsetzen, ob es sich vom Turnierspielen auf den Liga-Alltag übertragen lässt. Die Antwort auf diese Frage wird über die Zukunft des deutschen Fußballs entscheiden. Und darüber, ob Löw Wort halten kann. Auf der Fanmeile hat er versprochen: »Wenn wir das nächste Mal in einem Turnier wieder auf Spanien treffen, werden wir sie schlagen.« Das hängt vorerst mehr von seinem Vorgänger ab als von ihm. Auf Wiedersehen zum Bundesliga-Auftakt am 15. August.
- Datum 05.07.2008 - 18:56 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2008-07-03T12:00Z Nr. 28
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Hervorragender Artikel - besser als die nörgeligen aber dennoch unkonkreten und populistisch-oberflächligen Ergüsse so mancher ( selbsternannter ) Fußballgurus. Klasse!
Aber mit Verlaub,die englische Premier League von der immer so weihevoll gesprochen wird hat trotzdem nicht dazu beigetragen dass sich England überhaupt für die EM08 qualifizieren konnte! Und außer dem zweifelhaften Titel in Wembley hat die englische Mannschaft auch keine einzige WM für sich entschieden. Ich denke nicht, dass es Patentrezepte gibt. Für jede These lässt sich ein Gegenbeispiel finden. Es kommt immer auf wenige Akteure an, die sich glücklich zusammenfinden und gut miteinander können in einer Mannschaft. Dass ist eigentlich die einzige Konstante die ich sehen kann wenn ich mir die "Fußballgeschichte" so anschau. Klar kann man aus denen noch das Maximale herauskitzeln, aber aus einem Golf kannst halt auch mit noch soviel Tuning kein Porsche machen. Im übrigen bin ich der Meinung dass Löws Mannschaft auch kicken konnte, sonst wärens nicht ins Finale gekommen. Der ganze Schmäh der immer chronisch von den Deutschen gegenüber ihrer Mannschaft vorgebracht wird ist teilweise einfach unberechtigt. Was denen gefehlt hat war aber die Willenskraft. Hat man doch deutlich gemerkt, im Finalspiel waren die Chancen ausgeglichen (die Deutschen begannen besser, dann kamen die Spanier) - bis zum Tor. Ab dann hat man gemerkt den Deutschen sind die Nerven durchgegangen und nichts hat mehr funktioniert. Vielleicht sollten wir auch aufhören immer so eine riesige Erwartungshaltung aufzubauen, nach jedem Sieg Lobeshymnen anzustimmen und nach einer Niederlage sofort tiefgreifenste Konsequenzen zu fordern. Vielleicht brauchen wir mehr "Spaß am Spiel"!
Zitat:"Warum spielt ein großes Land mit sechs Millionen (!) in Vereinen
aktiven Kickern, mit einer solch beeindruckenden Fußballtradition und
so viel Geld seit 15 Jahren bestenfalls am unteren Rand der Weltspitze?"1996 wurde Deutschland Europameister, 2002 WM-Zweiter, 2006 WM-Dritter, dieses Jahr bei der EM wieder Zweiter. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber gab es überhaupt eine andere Mannschaft auf der Welt , die die letzten 15 Jahre so erfolgreich war? Also dieser Satz vom unteren rand der Weltspitze ist ja mal kompletter Blödsinn!
Mit Ihren aufgezählten Ergebnissen haben Sie zwar Recht, nur ist das eine wohl nicht ausreichende Betrachtung. So viele Aspekte bleiben dabei unberücksichtigt:- Wie hat die Mannschaft gespielt?- Wer waren die Gegner?- Wie stand es um den Zustand der Gegner? etc.Um nur einen Überblick über die Antworten zu geben: Gerade die WM 2002 war mehr Glück als Können, das trifft auch auf die EM 2008 zu. Wir hatten Glück bei den Gegnern und Gruppen. Auch war die Leistung 2008 leider nicht so gut wie das Ergebnis.Und der Bilanz müssen wohl auch noch ein paar Ergebnisse hinzugefügt werden: EM 2004 in der Vorrunde ausgeschieden, EM 2000 in der Vorrunde ausgeschieden - welches Weltklasse-Team hat das geschafft?
... aber da muss ich Ihnen trotzdem Recht geben ;)
Mit Ihren aufgezählten Ergebnissen haben Sie zwar Recht, nur ist das eine wohl nicht ausreichende Betrachtung. So viele Aspekte bleiben dabei unberücksichtigt:- Wie hat die Mannschaft gespielt?- Wer waren die Gegner?- Wie stand es um den Zustand der Gegner? etc.Um nur einen Überblick über die Antworten zu geben: Gerade die WM 2002 war mehr Glück als Können, das trifft auch auf die EM 2008 zu. Wir hatten Glück bei den Gegnern und Gruppen. Auch war die Leistung 2008 leider nicht so gut wie das Ergebnis.Und der Bilanz müssen wohl auch noch ein paar Ergebnisse hinzugefügt werden: EM 2004 in der Vorrunde ausgeschieden, EM 2000 in der Vorrunde ausgeschieden - welches Weltklasse-Team hat das geschafft?
... aber da muss ich Ihnen trotzdem Recht geben ;)
Mit Ihren aufgezählten Ergebnissen haben Sie zwar Recht, nur ist das eine wohl nicht ausreichende Betrachtung. So viele Aspekte bleiben dabei unberücksichtigt:- Wie hat die Mannschaft gespielt?- Wer waren die Gegner?- Wie stand es um den Zustand der Gegner? etc.Um nur einen Überblick über die Antworten zu geben: Gerade die WM 2002 war mehr Glück als Können, das trifft auch auf die EM 2008 zu. Wir hatten Glück bei den Gegnern und Gruppen. Auch war die Leistung 2008 leider nicht so gut wie das Ergebnis.Und der Bilanz müssen wohl auch noch ein paar Ergebnisse hinzugefügt werden: EM 2004 in der Vorrunde ausgeschieden, EM 2000 in der Vorrunde ausgeschieden - welches Weltklasse-Team hat das geschafft?
Wie eine Mannschaft gespielt hat, ist immer eine recht subjektive Sache (und ich kann ihnen auch teilweise zustimmen, die Deutschen haben beispielsweise bei der EM lausig gespielt....aber dann doch noch die Ecke besser, effizienter als die anderen Teams die sie auf dem Weg ins Finale aus dem Turnier gekickt haben). Deshalb hat auch am Ende immer der gewonnen, der mehr Tore geschossen hat, und das war halt nun mal überdurchschnittlich häufig die deutsche Nationalmannschaft. Und wenn sie die Gegner ansprechen - natürlich gibt es große Fussballnationen, aber ist bei dieser WM ein Sieg über die Türkei wirklich weniger Wert als ein Sieg beispielsweise über den Fussballriesen Frankreich (der es als Fussballnation auch geschafft hat, die Gruppenphase nciht zu überstehen) ? Ich denke nicht. Und sind beispielsweise die Engländer eine grosse Fussballnation, obwohl sie doch so gut wie nie einen Pokal gewinnen und diesmal nicht mal die Quali geschafft haben?So wehr man sich auch immer über das rumrumpeln unserer Mannschaft ärgern kann, sie gewinnt halt dann doch recht oft.
Wie eine Mannschaft gespielt hat, ist immer eine recht subjektive Sache (und ich kann ihnen auch teilweise zustimmen, die Deutschen haben beispielsweise bei der EM lausig gespielt....aber dann doch noch die Ecke besser, effizienter als die anderen Teams die sie auf dem Weg ins Finale aus dem Turnier gekickt haben). Deshalb hat auch am Ende immer der gewonnen, der mehr Tore geschossen hat, und das war halt nun mal überdurchschnittlich häufig die deutsche Nationalmannschaft. Und wenn sie die Gegner ansprechen - natürlich gibt es große Fussballnationen, aber ist bei dieser WM ein Sieg über die Türkei wirklich weniger Wert als ein Sieg beispielsweise über den Fussballriesen Frankreich (der es als Fussballnation auch geschafft hat, die Gruppenphase nciht zu überstehen) ? Ich denke nicht. Und sind beispielsweise die Engländer eine grosse Fussballnation, obwohl sie doch so gut wie nie einen Pokal gewinnen und diesmal nicht mal die Quali geschafft haben?So wehr man sich auch immer über das rumrumpeln unserer Mannschaft ärgern kann, sie gewinnt halt dann doch recht oft.
... aber da muss ich Ihnen trotzdem Recht geben ;)
Aber lassen wir nicht eine weitere unabdingbare Erfolgskomponente außer acht. Wieviele deutsche Nationalspieler spielen erfolgreich im Ausland? Nur einer, Ballack, und selbst der ist in Chelsea nicht unumstritten.Die Spieler der besten Mannschaft der letzte Jahrzehnte, die von 1990, spielten zur Mehrzahl erfolgreich in Italien. Dies ist und war ein Gütesiegel.Nur im Ausland bekommt ein Spieler heutzutage seinen letzten Schliff.Eine Nationalmannschaft, deren Spieler nicht überwiegend im Ausland spielen bzw. nicht in der Champions Leaguge vertreten sind, kann unmöglich Titel gewinnen.
Sie ist noch im vollen Gange. Der Begriff und die Befindlichkeiten für ein Fußballspiel sind absolut deplaciert. Wer hat hier wann den Krieg verloren? Das Endspiel um die EM war ein stinknormales Länderspiel in einem Turnier, das zuletzt den Sieger mit einem Pokal auszeichnete. Revolution? Meinten Sie etwa den angelasteten Putschversuch gegen Löw? Wahrscheinlich wider besseren Wissens. Ein Bundestrainer hat Charakter und Charisma, was manch einem fehlte, der vorlaut den Kopf des Bundestrainers forderte. Wer es war? Einfach nur Gerüchteküchte, anders herum vielleicht keine echte Schlagzeile.EUropas Lobby im Sinkflug, die ZEIT der BÜRGERLOBBY beginnt!!!
Isaac Ben Laurence Weismann
hat es mal wieder gescahfft mit Glück ins Finale zu gekommen. Das einzig gute Spiel haben sie gegen Portugal gezeigt. Gegeb die B-Mannschaft von Türkei haben sie Leistug unter Sau gezeigt, dennoch haben sie unverdient gewonnen. Gegen Spanien sind sie richtig unter die REäder gekommen. Glück gehabt dass man nicht 5:0 verloren hat, sonst wäre die Stimmung anders...
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