Trebel ist ein Dorf im Landkreis Lüchow-Dannenberg, östliches Niedersachsen, Gorleben liegt in der Nähe. Hier, auf dem platten Land, im ehemaligen Zonenrandgebiet, wo die Menschen Bauern, Handwerker, Verwaltungsangestellte oder arbeitslos sind, machen die Bürger seit 30 Jahren große Politik. An diesem Sonntag beraten sie in den Bauernstuben, einer Kneipe, wenige Kilometer vom atomaren Zwischenlager in Gorleben entfernt, sie sprechen über »Aktionen«, die möglicherweise die Öffentlichkeit weltweit beschäftigen werden. Im November wird ein Atommülltransport aus Frankreich erwartet. Sein Ziel: das Zwischenlager Gorleben. Und hier in Trebel formiert sich der Widerstand. Der Atommüll stammt aus deutschen Atomkraftwerken, und der Atomkonsens, den die rot-grüne Bundesregierung im Sommer 2000 mit den Betreibern der deutschen Atomkraftwerke vereinbart hat, sieht vor, dass Deutschland den Müll zurücknehmen muss. Der »Widerstand« gegen die Mülltransporte und das geplante Endlager im Salzstock des Grafen Bernstorff ist seither zu einer zwar aufsehenerregenden, aber ritualisierten Veranstaltung geworden. Das könnte sich in diesem Jahr ändern.

Zum »Großen Ratschlag« sind etwa 30 Leute in die Bauernstuben gekommen. Viele grauhaarig, wie die Frau von der Ini 60, der Gruppe der über 60-Jährigen, die mit dem Gehwagen kommt. Einige Jüngere mit kräftigen Oberarmen, die »gerne klettern«, ein Synonym für Aktionen, mit denen Bahngleise blockiert und der Atommüllzug zum Stehen gebracht werden soll. In der Ecke der obligatorische Infotisch mit Buttons »Atomkraft? – Nein danke!« und »Gorleben soll leben«. Hier bei der Bürgerinitiative scheint noch alles beim Alten.

Doch seit die CDU wieder laut über die Laufzeiten der Atomkraftwerke redet, wird in Deutschland über den Ausstieg aus dem Atomausstieg diskutiert. Kerstin Rudek, Vorsitzende der Bürgerinitiative, stellt nüchtern fest, der Atomkonsens habe »Teile der Bewegung beschwichtigt«. Sie könnte auch sagen, die Leute sind bequem geworden. Jetzt aber habe man eine völlig neue Lage. Rudek macht dabei keinen besorgten Eindruck. Eher einen kämpferischen. »Ich bin froh, dass die das offen propagieren.« Die, das ist die CDU, der »Gegner«. Zwischen Ideensammlungen für Aktionen (»Wir könnten ein Puppenspiel aufführen«) und Debatten über den richtigen Ort für eine Großdemonstration dämmert es einigen, dass sich etwas ändern muss.

Jochen Stay ist langjähriger Aktivist der Kampagne »X-tausendmal quer«, die im ganzen Landkreis gelbe Kreuze als Zeichen des Widerstands aufgestellt hat. Er sagt nachdenklich: »Bei Störaktionen sind wir immer gut, aber ob uns das politisch jetzt weiterbringt?« Acht Jahre nach der Entscheidung zum Atomausstieg stellen die Gegner der Atomenergie heute fast verwundert fest, »dass viele unsere Argumente nicht mehr kennen«. Reicht es, von der »Stromlüge« zu sprechen, wenn die CDU behauptet, mehr Atomstrom mache Energie billiger? Reicht es, wenn man feststellt, Atomstrom rette das Klima nicht? Kann man gegen Atomstrom und gegen neue Kohlekraftwerke sein? Wolfgang Ehmke, lange Jahre Mitglied in der Bürgerinitiative, sagt, man müsse wieder aufklären, vor allem bei jungen Leuten. Und Jochen Stay warnt davor, sich »auf die gefühlte Mehrheit in der Bevölkerung zu verlassen, die gegen Atomkraft ist«.

Die Atomlobby hat das verdruckste Wort »Kernkraft« gestrichen

Zweieinhalb Stunden dauert die Debatte bei Milchkaffee und knarrenden Dielen. Die Bürgerinitiativen sind noch nicht aus ihrem Stand-by-Modus erwacht. Dabei ist der Streit um das Endlager für die Anti-Atom-Aktivisten seit Neuestem nicht mehr die letzte ungelöste Frage. Es könnte sein, dass die große, grundsätzliche Debatte um die Atomkraft noch mal von vorn beginnt.

700 Kilometer weiter im Süden Deutschlands hat der Energiekonzern E.on seine Firmenzentrale. Im vierten Stock eines unauffälligen Sandsteingebäudes in der Münchner Innenstadt sitzt ein sichtlich zufriedener Manager. Walter Hohlefelder, bis vor Kurzem Vorstandsmitglied von E.on und nun Chef des Deutschen Atomforums, einer Lobbyvereinigung für die Interessen der Atombranche, hätte nicht gedacht, dass er so schnell wieder über die Laufzeiten der Atomkraftwerke öffentlich reden kann. Atomkraftwerke? Hat er wirklich Atomkraftwerke gesagt? Ja klar! So sicher fühlt sich die Branche, dass das verdruckste Wort »Kernkraft« inzwischen aus dem Vokabular gestrichen ist. 2000 war die Lage völlig anders, sagt Hohlefelder, der Ölpreis war noch kein Thema, mit dem Klima haben sich nur Fachleute befasst, und in Großbritannien sprudelten noch die Gasfelder. Und dann dekliniert der Atomlobbyist die Argumente der CDU durch, die für die Verlängerung der Laufzeiten sprechen: steigende Energiepreise, Klimaschutz, Versorgungssicherheit. Würde denn die Energiebranche die Gewinne aus den längeren Laufzeiten wirklich an die Verbraucher weitergeben? »Wir könnten über Preisstabilität reden«, sagt der Manager zurückhaltend. »Der Branche ist klar, dass man für die Verlängerung der Laufzeiten einen politischen Preis bezahlen muss.«