Landwirtschaft Scheinheilige HelferAls Festung
Wieder wollen die Reichen die Armen mit ihren Überschüssen ernähren. Das schadet auf lange Sicht allen Beteiligten.

© photocase
Bauern in Industrieländern nutzen Maschinen, die in Entwicklungsländern häufig nicht zur Verfügung stehen
Lebensmittel sind keine Waren wie andere. Wieder und wieder hört man derzeit dieses Credo – von den Regierungschefs der führenden Industrienationen (G8), vom gegenwärtigen EU-Ratspräsidenten Frankreich, vom Landwirtschaftsminister und von den Bauernverbänden. Unwillkürlich möchte man zustimmen. Ja, eine Handvoll Reis ist etwas anderes als ein Videorekorder. Und jeder Mensch hat ein Recht auf Nahrung, theoretisch zumindest.
Leider jedoch geht die politische Diskussion um den Hunger in der Welt, den globalen Handel mit Nahrung und die Landwirtschaftspolitik vollends in die falsche Richtung – und zwar in der EU, in den Vereinigten Staaten und in den G8 gleichermaßen. Denn überall nutzen die Bauernlobbys die Komplexität des Themas und die Sensibilität der Bürger schamlos aus. Sie missbrauchen die angespannte Lage am Agrarmarkt, um mit scheinbar neuen Argumenten für eine alte Landwirtschaftspolitik zu werben.
Zum Beispiel in den USA: Da hat die Bauernlobby jüngst im Kongress erneut Milliardensubventionen für heimische Landwirte durchgesetzt. Zum Beispiel in der EU: Dort sabotieren Bauernvertreter selbst die sanften Versuche einer Agrarreform durch die Kommission.
Nun torpedieren Lobbyisten auch noch die siechende Welthandelsrunde, und die französische Regierung unterstützt sie lautstark. Seit Tagen schon wettert Präsident Nicolas Sarkozy gegen den EU-Handelskommissar Peter Mandelson. Er behauptet, dass über 100.000 Arbeitsplätze rings um die europäische Landwirtschaft in Gefahr seien, wenn der Welthandel nach den Vorstellungen Mandelsons liberalisiert werde.
Der Präsident hat diese Zahlen bisher nicht belegt. Doch wenn kümmert das? Sarkozy und die Bauernlobby haben im Augenblick viel Rückenwind für solche Positionen: Handelsliberalisierung ist unpopulär, zudem haben viele nationale Regierungschefs in der EU Angst vor demonstrierenden Landwirten. Und seit Nahrungsmittel wieder knapp und teuer werden, fragt sich mancher Bürger: Könnte eine Agrarpolitik, die Überschüsse erzeugt, vielleicht doch nützlich sein? Zum Beispiel, um die Armen zu ernähren? Etwas Ähnliches haben die G8 gerade vorgeschlagen. Sie wollen verstärkt Überschüsse aus den reichen in die armen Länder exportieren. Auch der deutsche Landwirtschaftsminister Horst Seehofer unterstützt das und wirbt für die Subventionierung der industriellen Landwirtschaft. »Klasse und Masse« sollten deutsche Bauern künftig produzieren.
Das klingt gut und ist doch fatal – wenn die Masse dann dauerhaft nach Afrika gescheffelt wird. Der indische Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen hat erklärt, warum: Zwar könnten Nahrungsmittelspenden bei Katastrophen kurzfristig helfen. Dauerhaft lasse sich Hunger in armen Ländern aber nur bekämpfen, wenn die lokale Produktion angeregt werde. Das funktioniere wiederum nur, wenn die Preise nicht durch Billigimporte aus dem Norden ruiniert würden.
Viele Hilfsorganisationen kaufen das Essen daher selbst bei Hungerkatastrophen in den Nachbarregionen ein, statt sich auf Naturalien aus Europa und den USA zu verlassen. Sie werben dafür, durch Entwicklungshilfe arme Kleinbauern im Süden zu fördern – statt sie mit Dumpingprodukten aus dem Markt zu drängen. Die EU-Kommission hat diesen Ansatz erfreulicherweise aufgegriffen und auf dem G-8-Gipfel angekündigt, dass sie ungenutzte Mittel aus dem Agrartopf gern für Projekte im Süden ausgebe.
Doch wer blockiert das bisher? Horst Seehofer! Der deutsche Landwirtschaftsminister wehrt sich auch gegen andere Einschnitte bei den Agrarsubventionen. Dabei verzerren die etwa 45 Milliarden Euro, die jährlich an die Bauern gezahlt werden, die Märkte enorm. Deutsche Milchbauern produzieren beispielsweise viel zu viel Milch. An einem gut funktionierenden Markt würden als Folge die Preise sinken und unrentable Produzenten ausscheiden. In Deutschland aber protestieren die Bauern, und schon plädiert der Minister für einen Fonds zu ihren Gunsten. Auf dass es auch künftig zu viel Milch gibt.
Forderungen erheben aber nicht nur die Milchbauern. So sind zwar die Preise für Getreide stark gestiegen, also verdienen die Getreidebauern mehr. Dennoch will ihre Lobby, dass die Beihilfen mindestens bis zum Jahr 2013 fließen, damit die Bauern sicherer planen können. Nur, warum sollen Steuerzahler eigentlich die Gewinne von Bauern mitfinanzieren?
Zu Beginn der französischen EU-Präsidentschaft hat der Agrarminister Michel Barnier nun kund getan, zu viel Markt sei schlecht für die Landwirtschaft. Daher ist auch er gegen Zugeständnisse in der Welthandelsrunde. Er will nicht, dass die EU Zölle und Beihilfen senkt, wie es viele Produzenten aus armen Ländern fordern. Dabei verschweigt er geflissentlich, dass ausgerechnet die EU (mit Zustimmung Frankreichs) gerade viele arme Länder durch Europäische Partnerschaftsabkommen zur Öffnung ihrer Märkte zwingt – auch für Agrarprodukte. Den Armen der Markt und den Reichen der Plan?
Selbst wenn es stimmen sollte, dass der Kapitalismus für die Landwirtschaft nicht immer gut ist – dann können die EU und die G8, dürfen Seehofer und Sarkozy ihn doch nicht immer nur dann aushebeln, wenn es ihrer Klientel passt. Dann müssen sie schon einen Plan präsentieren, der auch dem Süden nutzt.
Oder sie müssen in Kauf nehmen, dass der Süden verärgert reagiert. Pascal Lamy, der Chef der Welthandelsorganisation, warnt genau davor: Wenn die Welthandelsrunde platze, drohe auch neuen Klimaabkommen das Scheitern. Schließlich sei ein Erfolg bei den Handelsgesprächen für Entwicklungsländer ein Testfall. Gäbe der Norden dort nichts, würden sie die für 2009 geplanten Verhandlungen über das Klima blockieren.
Allein diese Gefahr sollte Umweltschützern und Wirtschaftsverbänden, Dritte-Welt-Gruppen und Verbrauchern eigentlich als Ermunterung reichen, sich endlich mehr einzumischen. Landwirtschaftspolitik ist zu wichtig, um sie der europäischen Bauernlobby zu überlassen.
- Datum 12.01.2009 - 18:40 Uhr
- Serie Audio
- Quelle DIE ZEIT, 10.07.2008 Nr. 29
- Kommentare 4
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




1. Die USA unterstützen ihre Farmer weil die eine ausreichende Nahrungsmittelversorgung für "kriegswichtig" halten und außerdem die Exporte als Druckmittel eingesetzt werden.Dabei versauen die aber ihre Böden (Erosion...), welche dann mit diversen Düngern, Mittelchen und zweifelhaften Methoden von den Saatgut/Dünger/Pestizid-Konglomeraten auch noch schöne verseucht wird. 2. Daß eine eigenständige Versorgung der so genannten Entwicklungsländer torpediert wird ist nat. eine Sauerei; da spielen auch strategische Erwägungen eine Rolle.3. Ist das mit Angebot/Nachfrage in der LW in gewisser Weise wirklich begrenzt; ner Kuh beizubringen, mal eben ein paar Liter weniger zu geben möge mir mal einer zeigen *g*... Ebenso muß ein gewisser Überschuß in der Pflanzenproduktion erzeugt werden, es gibt ja auch Mißernten usw. .Meine Schlußfolgerungen:(a) Es gibt getreidetechnisch einige Ansätze, mehrjährige Sorten anzupflanzen.Die Einjährigen hatten ja durchaus mal Sinn, denn da wurde halt mehr Energie in die Körner gesteckt als in die Wurzel. Eine mehrjährige Pflanze bildet größere Wurzeln und Züchtungen sind heute gezielter und schneller durchzuführen, um dann auch einen gewissen Ertrag zu sichern. Vorteile: Bodenerosion wird begrenzt; der Einsatz an Hilfsstoffen kann minimiert werden; z.B. reicht dann halt Humus, der die Zeit hat, zersetzt zu werden; der Wassereinsatz ist ebenso um Längen besser(b) "Extensivierung" d.h. Böden brach liegen lassen und normales Gras + Kräuter wachsen lassen, Fruchtfolgen, Zwischenfrüchte (Lupinen/Bohne u.ä. als Stickstoffspeicher), usw. usf. Man muß das Viehzeug auch nicht exclusiv mit Mais und Soja füttern; die fressen auch (für den Menschen eher nicht verwertbare) "Wiesenprodukte", man glaubt es kaum*g*... Ebenso kann das Viehzeug öfter mal draußen rumtrampeln; da wird auch das Fleisch schmackhafter!(c) Förderung der regionalen Versorgung mit der Region angepaßten Nahrungsmitteln überall auf der Welt; es kann ja irgendwoher nicht wahr sein, daß z.B. die SU/Rußland/... den Ami-Weizen kriegen/kriegten wobei die Ukraine und Belorußland mal die Kornkammern Europas waren *kopfpatsch*.Das Schweinefleischverbot und andere essenstechnische Verbote im Islam und im Judentum hatten z.B. praktische Gründe; das Schwein ist ein Nahrungsmittelkonkurrent zum Menschen und Ziegen und Schafe begnügen sich auch mit trockenem Zeugs wenns nix weiter gibt.(d) Überschüsse sinnvoll weiterverwerten; d.h. ein Zusammenschluß von Regionen hält einen Vorrat vor, um ein Jahr ohne Ernte zu überstehen; die sonstigen getreidlichen Überschüsse können dann auch in Biogasanlagen eingesetzt werden, da sie energetisch höherwertiger sind als andere Biomasse.Und wenn man die unmöglichen Produkte "Margerine" (guckt euch ma irgendwo deren Herstellung an, da ißt die keiner mehr), und den ganzen Light-Blödsinn incl. fettarmer Milch verbannen würde, wär der Milchüberschuß auch nicht so groß!!Zur Not kann man ja auch noch Käse drausmachen; länger gelagerter ist ja auch ein hochwertiges Produkt.(e) Um mal nen kritischen Punkt anzusprechen; nämlich die Reisproduktion; deren Feldausdünstungen sind ja u.a. Lachgas (deswegen grinsen die Südostasiaten die ganze Zeit*Lach* [DAS IST EIN GAG!!!])Methan und Wasserstoff. Und das sind nicht nur Treibhausgase, die in der Bedeutung das Kohlenstoffdioxid zumindest gleichwertig sind, nein die sorgen auch dafür, daß die Ozonschicht so langsam die Hufe hochmacht.Man kann halt dummerweise den betreffenden Leuten nicht darlegen: "Hört zu Jungs und Mädels, da ihr in den letzen hundert Jahren bevölkerungstechnisch exponentiell mehr geworden seid, müßt ihr was anderes essen".Nungut z.B. in China scheint es ja eine Hinwendung zu europäischen Nahrungsmitteln zu geben.So, das reicht erstmal;).
Fakt ist, dass lediglich die USA und die EU in der Lage sind größere Mengen an Grundnahrungsmitteln zu exportieren. Das heißt, hier funktioniert die Produktion!In Europa wurde nach dem 2.Weltkrieg noch gehungert. Die EU Agrarpolitik hat aus Importeuren Exporteure gemacht und über lange Zeit die Lebensmittelpreise niedrig gehalten. Angeblich soll der Biospritt den Preisanstieg bei Grundnahrungsmittel verursacht haben, da die USA und EU teile ihrer Überschüsse in Biospritt verwandelt hat. Das heißt doch aber logischer weise dass die niedrigen Weltmarktpreise nur duch die Überschüsse von USA und EU möglich waren.Was in den Diskussionen immer unterschlagen wird ist das jährliche Bevölkerungswachstum von 80 Millionen pro Jahr.Das ist nicht nur das Hauptproblem für die Welternährung sondern auch für den Energieverbrauch. Die Entwicklungsländer haben weder ihr Bevölkerungswachstum im Griff noch ihre landwirtschaftliche Produktion und das liegt einzig und allein an der Unfähigkeit und Korruption ihrer Eliten. China und Indien zeigen als positive Beispiele klar dass es nicht an der falschen Politik des Westens oder Subventionen liegt wenn in Afrika die Dauerkatastrophe herrscht. Für die dortigen Schnorrereliten ist es einfach bequemer ständig mehr Geld aus dem Westen zu fordern anstatt hart zu arbeiten, wie das in China und Indien üblich ist.
dass die eu-agrarpolitik die lebensmittelpreise niedrig gehalten hat kann jemanden der sich einigermaßen mit der funktion der eu-agrarmarktes auskennt nur zum lauten lachen bringen ;D
Frau Pinzler hat hier so einiges durcheinander gebracht. Hier die Tatsachen: auch in Deutschland haben es die Bäuerlichen Familien schwer (gerade in der Milchwirtschaft wird am meisten gearbeitet bei geringem Lohn-- weit unter dem gewerblichen Vergleichslohn!!! - von Mindestlohn kann da nur geträumt werden). Lebensmittel ( Grundnahrungsmittel) sind in Deutschland immer noch am billigsten (EU-weit). Bauern könnten nur auf EU- Ausgleichszahlungen (Subventionen sind etwas anderes; siehe Subventionsbericht des Bundes!) verzichten, wenn die ERZEUGERPREISE entsprechend steigen würden. Dann gäbe es diese "Verbrauchersubvention" nicht mehr und alle Steuerzahler würden die Lebensmittel nicht mehr über ihre Steuern, sondern direkt zu einem reellen Preis einkaufen. So etwas wäre wirklich zu befürworten.
In Deutschland wurde nur im Vergleich zu einer von der EU festgelegten Menge (Milchquote) im Milchwirtschaftsjahr 2007/2008 zuviel Milch geliefert. Für diese "Überlieferung" mussten die Bauern Strafe zahlen (27,83 ct/kg nach Saldierung innerh. Molk. etwas unterschiedlich). Der letzte Erzeugerpreis lag bei einigen Molkereien im letzten Monat bei 28 - 30 ct/kg. Überlieferung wurde also streng bestraft. Der Witz dabei: sämtliche Milch wurde vermarktet: es gab keine "Butterberge und Milchseen". Was passiert eigentlich mit diesen "Strafgeldern, die zusätzlich einkassiert werden?" Hinzu kommt, dass Eiweißkomponente (z.B. im Futtermittelsektor) unwahrscheinlich knapp vorhanden sind). Die Konzentration von Magermilchpulveranteilen in Kälbermilchpulver (vgl. Säuglingsnahrung) liegt maximal nur noch bei 30 %. Im Frühjahr 2007 lag sie noch bei 50 %. Von Überschüssen kann real also keine Rede sein. Sie sind nur aufgrund der festgelegten Liefermenge (Gesamtmilchquote für Deutschland) auf dem Papier vorhanden.
Man darf auch nicht vergessen, dass Deutschland netto zweitgrößter Agrarimporteur der Welt ist. Viele können das einfach nicht glauben, weil die Supermärkte immer voll sind. Deutschland ist eine reiche Industienation, die sich doch zumindestens selbst ein bisschen Landwirtschaft und damit Unabhängigkeit leisten sollte. Andere Länder unterstützen auch ihre Landwirtschaft.
In den ärmsten Ländern der Erde ist es am wichtigsten, dass sich dort poltisch etwas ändert und die Bevölkerung auch wirklich die Aufbauhilfe (Entwicklung der Landbewirtschaftung, Wasservert usw.) erhält und die Gelder nicht in sonstige "Kanäle" wandern.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren