Eine Sekunde im Kino – das sind 24 Bilder, 24-mal Licht und Schatten. Was kommt da bei hundert Jahren deutscher Filmgeschichte zusammen? In Auge in Auge von Michael Althen und Hans Helmut Prinzler sind es 106 Minuten, ein großes, sinnliches Flackern. Der Kritiker und der Filmhistoriker haben Tom Tykwer, Doris Dörrie, Caroline Link, Dominik Graf, Christian Petzold, Andreas Dresen und andere Filmschaffende gebeten, von den Werken zu erzählen, die sie beeindruckt, gar geprägt haben. Dies Material haben sie dann mal chronologisch, mal motivisch sortiert. Nach Küssen, Blicken, Schreien oder den Rauchzeichen all der lasziv, verwegen oder auch ungelenk gerauchten Zigaretten auf der Leinwand. Von den Brüdern Skladanowsky bis zu demontierten Lenin-Monumenten. Vom rumpelnden Budenzauber bis zu Bestandsaufnahmen gesamtdeutscher Realität. Ein Blick, der sich trotz aller Eile immer wieder im eigenen Schwärmen, in vergänglichen, aber auch in mythischen Momenten des Kinos verfängt. Der das Deutsche in all den Bildern sucht, im Leiden, Schmachten, Lieben, Verzweifeln, Fliehen, Sterben. Und es beim Suchen belässt.

Das Deutsche, "genau davor bin ich in die USA geflohen", erinnert sich Wim Wenders und erzählt von Fritz Langs M. Der Kameramann Michael Ballhaus erinnert sich an Fassbinders Martha und die verstörende Wirkung einer um zwei Schauspieler kreisenden Kamera, die sich ihrerseits in umgekehrter Richtung um die eigene Achse drehen. Ein schwindelerregender Einfall, der in Amerika zu Ballhaus’ Markenzeichen werden sollte. Der Autor und Schauspieler Hanns Zischler würdigt die Leistung von Alfred Edel in Kluges Abschied von gestern als "Oscar-reif".

Und wenn die schmelzende Musik in den Überleitungen über die Ufer tritt und die Stimme Althens gelegentlich ins Märchenonkelige rutscht, ist das auch nicht weiter tragisch. Schließlich will Auge in Auge kein knochentrockenes filmhistorisches Proseminar sein, sondern das verspielte Dokument einer großen Liebhaberei. Birgit Glombitza