Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, im dunklen Laub die Goldorangen glühn, ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, die Myrte still und hoch der Lorbeer steht, kennst du es wohl? Goethe kannte es. Er hat die Myrte gerochen, die Zitronen geschmeckt. Denn er konnte es sich vor zweihundert Jahren leisten, gleich für ein paar Monate nach Italien zu reisen. An Freunde schrieb er aus Rom: "Ich lebe in Reichtum und Überfluss und habe meine Zeit hier recht genossen." Was für ein Luxus. Für die meisten Deutschen waren Italien und das Mittelmeer im 18. Jahrhundert unendlich fern.

Doch heute nicht mehr. Heute heißt es mit Hape Kerkeling: "Ich bin dann mal weg." Er ist weg, sie ist weg. Und die von nebenan – sind auch weg. Meist für ein paar Tage, oder auch nur für einen, zwängen sich Millionen in den Billigflieger. Schließlich gießen Daheimgebliebene die Blumen, nehmen Post an, putzen Katzenklos. Wer nicht mit fort ist, der hat viel zu tun. Denn die Welt um ihn herum wird niemals müde.

12.000 Euro kostet eine Tankfüllung heute, vor drei Jahren waren es 5.000

Im Mai hat allein Ryanair, die größte europäische Billigflug-Gesellschaft, mehr als fünf Millionen Menschen transportiert.

Jeder vierte Flug in Deutschland ist heute ein Billigflug.

Und die Zahl der Starts und Landungen ist in Europa auf kaum vorstellbare zehn Millionen gewachsen. 25 Prozent mehr als vor fünf Jahren.

Die Entwicklung setzte Anfang der neunziger Jahre ein, als die Europäische Union erst den Flugverkehr innerhalb der Mitgliedstaaten und später auch mit den USA schrittweise liberalisierte. Heute darf jede Fluggesellschaft, die ihren Hauptsitz in einem der beteiligten Staaten hat, überall in Europa starten und landen.

© ZEIT Grafik/Quelle: Thomson Financial Datastream

Der Ire Michael O’Leary, Chef der bereits 1985 gegründeten Regionalfluggesellschaft Ryanair, nutzte die neue Freiheit damals als Erster aus. Ihm folgten Dutzende, und sie übertrafen sich in den folgenden Jahren mit neuen Strecken und neuen Tiefstpreisen. Selbst die abgelegensten Städte waren auf einmal direkt zu erreichen, weil SkyEurope, Clickair oder Wizz Air von Frankfurt am Main nach Kattowitz, von Köln nach Marseille oder von Erfurt nach Thessaloniki flogen. So schuf das Angebot seine eigene Nachfrage, was staatlich auch noch gefördert wurde: Neue und erweiterte Flughäfen ermöglichten den Start eines Airbus selbst an abgelegenen Orten wie Calden bei Kassel.

Fliegen ist alltäglich geworden, so schädlich es auch für die Umwelt ist. Zu einer Hochzeit in die Normandie zu reisen geht heute nicht mehr als extravagant durch. Paare brechen morgens nach Irland zu einer Radtour auf, um tags drauf wieder heimzukommen. Pensionierte Kollegen leben auf Mallorca und schauen zum Geburtstag in Blankenese vorbei. Auf dem Weg dorthin sitzen sie in einem Flugzeug namens Hamburg Shopper von Germanwings – neben Einkaufsbummlern, die auf den Balearen wohnen und noch am gleichen Tag, mit Tüten beladen, heimkehren. Ein Tag am Flughafen, schon wirkt das Bleiben wie ein Ausnahmezustand.

Und doch setzt sich schleichend die Erkenntnis durch: Die Zeit der massenweisen Billigfliegerei geht zu Ende. Der Preis für Flugbenzin steigt täglich. Die Fluggesellschaft TUIfly muss heute für die Tankfüllung einer Boeing 737, die von Köln nach Palermo fliegt, 12.000 Euro zahlen. Vor drei Jahren waren es noch 5.000 Euro.