Vor fünf Minuten hat Martin Larbig sein Büro verlassen, jetzt steht er schon im großen Spielraum des »Kindergartens am Potsdamer Platz« und versucht seine Kinder zum Gehen zu überreden. Der vierjährige Jason ist noch mit seinen Legosteinen beschäftigt. Die ältere Schwester Fee spielt Verkleiden. Die beiden fühlen sich wohl hier, erzählt Martin Larbig. »Es kostet mich häufig mehr Überzeugungskunst, sie von der Kita abzuholen, als sie dort hinzubringen.«

Es ist auch kein ganz normaler Kindergarten: Er ist für Kinder, deren Eltern am Potsdamer Platz bei Daimler, Sanofi-Aventis oder Toll Collect arbeiten. Hier ist vieles an die Bedürfnisse von berufstätigen Eltern angepasst. Zum Beispiel die Öffnungszeiten. Der alleinerziehende Martin Larbig holt seine Kinder in der Regel gegen sechs Uhr abends. Die meisten andern Kitas hätten dann schon seit zwei Stunden geschlossen. Dieser Kindergarten öffnet von sieben Uhr morgens bis halb neun abends. In Ausnahmefällen hat Larbig die ganz frühen oder späten Öffnungszeiten schon in Anspruch genommen. Wenn er bei der Arbeit beim Pharmahersteller Sanofi-Aventis kurzfristig länger bleiben muss, ist das kein großes Problem. »Das ist ein Anruf, dann wissen die Betreuer hier Bescheid«, sagt Martin Larbig. Außerdem schätzt er die Nähe zum Arbeitsplatz, ohne lange Extrawege durch die Stadt.

Den Kopf für die Arbeit frei zu haben und gleichzeitig seine Kinder gut versorgt zu wissen, genau darum geht es, wenn in Broschüren des Familienministeriums die Schlagworte der »Vereinbarkeit von Beruf und Familie« auftauchen. Laut einer Studie des Familienministeriums sind unter den Arbeitnehmern mit Kindern die Hälfte der Ansicht, die Vereinbarkeit von Job und Kindern sei bei der Suche eines neuen Arbeitgebers mindestens genauso wichtig wie das Gehalt. Der Großteil der befragten Eltern könnte sich vorstellen, den Arbeitgeber zu wechseln, um Arbeitsleben und Familie besser unter einen Hut zu bekommen. Ein Viertel der Befragten hat deswegen schon einmal aus diesem Grund den Arbeitsplatz gewechselt.

Für Unternehmen ist das zentrale Motiv der Kinderbetreuung also das, was im Marketingsprech etwas martialisch war for talents heißt, der Wettbewerb um gute Mitarbeiter. Denn gut ausgebildete Fachkräfte sind knapp. Die Mitarbeiterbindung ist daher für die Firmen am Potsdamer Platz von Bedeutung. »Wir haben einen hohen Akademikeranteil«, sagt Thomas Neugebauer von Daimler Financial Services. »Viele davon sind Frauen.« Und Frauen sind unter den Fachkräften die, die nach dem Kinderkriegen seltener oder später wieder ins Unternehmen einsteigen. Deswegen war es von der Unternehmensleitung erwünscht, Beruf und Familie leichter vereinbar zu machen.

Von der ersten Idee, eine betrieblich geförderte Kinderbetreuung anzubieten, bis zur Eröffnung des Kindergartens im vergangenen November dauerte es fünf Jahre. Bei bereits bestehenden Kindergärten in der Umgebung fand Daimler nicht das gewünschte Profil. Also suchte sich das Unternehmen andere Firmen am Potsdamer Platz und einen privaten Kindergartenträger, die Fröbel-Gruppe. Der gemeinnützige Träger entwickelt seit einigen Jahren auch Betreuungsangebote speziell für Firmen. »Uns ist es wichtig, dass die Unternehmen bei der Planung die ganze Zeit mit im Boot sind«, sagt Stefan Spieker von Fröbel Berlin. Denn jedes Unternehmen hat andere Mitarbeiter und andere Wünsche. Verlängerte Öffnungszeiten sind für Firmen Standard, damit die Mitarbeiter nicht ab dem frühen Nachmittag auf die Uhr schielen müssen. Daimler und Sanofi-Aventis wollten zudem eine zusätzliche englischsprachige Betreuung. »Wir haben Native Speaker unter den Eltern oder Eltern, die mit ihren Kindern aus dem Ausland zurückkommen«, sagt Neugebauer. Auch die räumliche Nähe zum Arbeitsplatz war wichtig. Wenn mit dem Kind etwas ist, können die Eltern für eine halbe Stunde hingehen. »Und danach wiederkommen«, betont Neugebauer.

Der Kindergarten am Potsdamer Platz ist kein klassischer Betriebskindergarten auf dem Firmengelände. Daimler hat zwar den Umbau der Räume mitfinanziert. Den Löwenanteil der laufenden Kosten aber, etwa 800 Euro pro Kind und Monat, trägt der Berliner Senat, etwa 200 Euro zahlen die Unternehmen und finanzieren damit das Extraangebot wie die verlängerten Öffnungszeiten und die englischsprachige Betreuung. Wie viel die Eltern zahlen müssen, legt das jeweilige Bezirksamt fest. Grundlage der Berechnung ist, wie viel die Eltern verdienen, und nicht die Frage, in welchen Kindergarten sie ihr Kind schicken. Bisher sind noch nicht alle Plätze ausgeschöpft, die Betreuungssituation in Berlin ist vergleichsweise gut.