DIE ZEIT: Nahezu jeder Spiele-Hersteller hat Lernspiele im Programm. Darf man nicht mehr spielen um des Spielens willen?

Elsbeth Stern: Das muss man sogar. Eine Kindheit ohne Spiel ist keine Kindheit. Ein Spiel ist definiert als zweckfreie Beschäftigung, bei der Kinder trotzdem etwas lernen. Beispiel Mensch ärgere Dich nicht. Man lernt gewinnen oder verlieren. Und ein US-Kollege von mir hat herausgefunden, dass bildungsferne Kinder mit Rechenschwächen mit Brettspielen die Zahlenwelt besser erfassen und leichter Zahlen auf einem Zahlenstrahl zeichnen können.

ZEIT: Beim Lernspiel soll man sogar noch viel mehr lernen als beim normalen Brettspiel. Stimmt das?

Stern: Menschen speichern das Wissen so ab, wie es erworben wurde. Nicht zwangsläufig nutzen Kinder die Englischvokabeln, die sie im Spiel gelernt haben, auch im Englischunterricht. Zu den erwünschten Transfer-Effekten kommt es – auch bei intelligenten Menschen – nicht automatisch, sondern es bedarf der professionellen Unterstützung durch die Lehrer. Das genau macht Lehrerexpertise aus: die Schüler in Gesprächen und durch das Stellen der richtigen Aufgaben dabei zu unterstützen, ihr verfügbares Wissen in neuen Kontexten anzuwenden.

ZEIT: Was ist mit den Spielen, die nicht auf Wissen zielen, sondern auf Fähigkeiten wie Konzentration?

Stern: Gegen solche Spiele habe ich große Bedenken. Konzentrationsfähigkeit ist kein Muskel, den man trainieren kann. Und zweitens sind solche Spiele keine Wundermittel: Kinder, die im Unterricht in die Luft gucken, können vielleicht konzentriert spielen – aber automatisch aufmerksamer in der Schule werden sie dadurch nicht.

ZEIT: Was sind Merkmale gut gemachter Spiele?

Stern: Sie lassen den Spielern auch Freiraum für fantasievolle Variationen.

ZEIT: Zerstören Lernspiele also den Spieltrieb?

Stern: Das kann passieren. Das Besondere am Spiel ist, dass es sich einer Kontrolle von außen entzieht. Wenn Kinder mitkriegen, dass heimlich pädagogische Ziele verfolgt werden, geht der Spaß verloren.

ZEIT: Wenn Sie Ihrem zehnjährigen Neffen ein Spiel(-zeug) schenken wollten – welches würden Sie ihm guten Gewissens geben? Quizblöcke?

Stern: Grundsätzlich schenke ich nur, was mir gefällt und wovon ich denke, dass es auch dem Beschenkten gefällt. Quizblock – ja, wenn er sich für das Thema, zum Beispiel Dinosaurier, interessiert und ich das Gefühl habe, er kann systematisch Wissen damit aufbauen.

ZEIT: Ken Kens, Sudokus?