Lernstrategien »Die Lehrer müssen mithelfen«Seite 2/2
Stern: Es gibt viele psychologische Untersuchungen zum Expertenwissen von Spielern, zum Beispiel bei Schach oder auch bei der Benutzung von Rechentafeln wie dem Abakus. Die Befundlage ist klar: Durch exzessive Übungen dieser Art erwirbt man spezifisches Wissen, das zu einem Anstieg in der Spielstärke führt, aber sonst keine Vorteile bringt. Wer in Sekundenschnelle mit dem Abakus 7873 mal 8964 ausrechnen kann, ist trotzdem nicht besser in linearer Algebra als andere.
ZEIT: Memory?
Stern: Ja. Das ist ein Spaßspiel, bei dem man ein bisschen Strategiewissen lernt. Aber man darf sich auch hier keine falschen Vorstellungen machen, dass Memory-Spielen alle kognitiven Probleme löst.
ZEIT: Experimentierkästen?
Stern: Wenn er einen haben will, ja. Allerdings wissen wir, dass man mit solchen Kästen ein hands on, minds off erwirbt. Die Kinder haben Spaß am Basteln, erfahren aber nicht viel über die Physik oder Chemie. Ein besseres Verständnis in Naturwissenschaften bekommen sie nur, wenn die Experimente von Lehrern begleitet werden.
ZEIT: Bausteine, Bauklötzchen?
Stern: Jaaaa!!! Aber nur ganz einfache. Die neue Lego-Entwicklung mit dem Hang zum Perfektionismus halte ich für problematisch: dass die Bausteine ein ganz bestimmtes Ding vorgeben, das so gebaut werden muss. Als ich ein Kind war, haben wir aus den ganz simplen Zweiern, Vierern und Achtern auch Hunde oder Dächer zusammenbekommen.
ZEIT: Spiele, die auf Lehrplänen basieren?
Stern: Das kann sinnvoll sein. Meinem Neffen hätte ich zu Ostern fast ein Mathespiel geschenkt – das fand ich aber doch zu sadistisch und habe ein Pop-up-Buch über den Körper besorgt. Wie sehen Fingernägel aus, die man ein Jahr nicht schneidet?, und ähnliche Fragen wurden veranschaulicht. Grundsätzlich gilt: Spiele müssen freiwillig gespielt werden.
Das Gespräch führte Angelika Dietrich .
- Datum 05.08.2009 - 08:31 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.07.2008 Nr. 29
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"Durch Lernspiele erwerben Kinder neues Wissen." So ein Satz führt uns in eine der klassischen Sackgassen der Pädagogik. Was wir da mit "Wissen" bezeichnen, sind Informationen, Fakten, Daten u.dgl.m.; die stapeln sich, wenn´s denn der Schüler "erworben" hat und stapeln sich und stapeln sich .... und was dann? Wie´s nach der Schulaufgabe im Leben konkret weitergeht, darauf bleibt die Pädagogik die Antwort fast immer schuldig.
In der neuen Ich-kann-Schule sieht man etwas genauer hin und erkennt: Wissen ist eine angeborene Fähigkeit des Menschen, ein Talent, das es zu entwickeln gilt. Wenn man dieses Naturtalent aber immer mehr mit angelerntem "Wisssen" zustapelt, wie und wovon soll sich dann die originale Fähigkeit, zu wissen, entwickeln und wachsen???
Selbst die Bayer. Verfassung verlangt von der Schule die Sysiphusarbeit, Wissen und Können zu vermitteln - dabei gehören diese beiden KRÄFTE zur Grundausstattung jedes Menschen und sind bereits da und warten sehnlich darauf, erkannt, geachtet, herausgefordert, trainiert, höherentwickelt zu werden. Und was tut man mit ihnen? Man lenkt den Inhaber von seinen wichtigen Lebenskräften ab und beschäftigt ihn bis zum Umfallen mit dem, was unter dem Stichpunkt "Wissen und Können" als billiges Plagiat im Lehrplan steht. Immer mehr muss man von kleinauf von diesem "Wissen" in sich hochstapeln, und immer wenn sich darunter die originale Fähigkeit, zu wissen, noch etwas regt, ist dieses ganze hochgestapelte "Wissen" vom Einsturz bedroht.
Wenn wir die Realität so genau beobachten, dass wir sie dabei erkennen, werden wir die ungeeigneten Versuche, Wissen zu vermitteln, loslassen und uns freuen, wie schön sich die Fähigkeit des Wissens und Könnens durch Spiel von selbst netwickelt, trainiert, stärkt und wächst. Guten Erfolg!
Franz Josef Neffe, DCI
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