Für Israel geht es ums Ganze. Von Jerusalem oder Tel Aviv aus betrachtet, ist die Frage, ob Iran eine Atombombe baut, keine akademische, keine strategische oder taktische Frage, sondern eine des Überlebens. »Zwischen Israels politischen und militärischen Führern besteht Konsens«, schrieb David Horovitz, der Chefredakteur der Jerusalem Post, Ende April, »dass das moderne Israel nie so bedroht war wie heute.« Und er fuhr fort: »Die Regierung könnte eine Entscheidung treffen müssen, die viele Führer hierzulande für die wichtigste halten, die der moderne Staat je zu treffen hatte.«

Die Entscheidung, vor der die Regierung steht, lautet: Soll Israel die iranischen Nuklearanlagen militärisch angreifen? Und die Frage, die zuvor beantwortet werden muss, heißt: Kann sie sich der dafür unabdingbaren Unterstützung Amerikas versichern? Manches deutet darauf hin, dass die israelische Regierung die Entscheidung noch in diesem Jahr herbeiführen möchte. Weil sie die Hoffnung verliert, der Druck der Großmächte auf Iran und die vom UN-Sicherheitsrat beschlossenen Sanktionen könnten die Führung in Teheran bewegen, ihre atomaren Pläne aufzugeben.

Und so baut Israels Führung seit Wochen eine Drohkulisse auf, mit der sie Freund und Feind signalisieren will: Es bleibt nicht mehr viel Zeit für Verhandlungen. Wenn ihr nicht bald Fortschritte erzielt, werden wir keine Wahl haben, als loszuschlagen. Kommt endlich voran! Es ist uns ernst.

In der ersten Juniwoche veranstaltete die israelische Luftwaffe ein Großmanöver über dem Mittelmeer. Mehr als 100 Kampfflugzeuge vom Typ F-16 und F-15 stiegen in Richtung Kreta auf, dazu Tankflugzeuge und Rettungshubschrauber, mit denen abgeschossene Piloten geborgen werden könnten. Rund 1400 Kilometer betrug die Flugstrecke – ziemlich genau die Distanz zu den iranischen Nuklearanlagen in Natanz und Isfahan. Das Manöver war geheim und doch für keinen Geheimdienst zu übersehen. »Sie wollten, dass wir es wissen; sie wollten, dass die Europäer es wissen; und sie wollten, dass die Iraner es wissen«, hieß es im Pentagon zu dieser Demonstration der Stärke.

Bei einem Angriff auf Iran würde Krieg herrschen. Vom ersten Tag an

Das zweite Signal folgte auf dem Fuße. Ministerpräsident Ehud Olmert besuchte die Atomanlage Dimona im Süden Israels, und anders als sonst erlaubte es der Militärzensor der Presse, über diesen Besuch zu berichten. In Dimona wird das Plutonium für die israelischen Atombomben gewonnen; über etwa 200 Nuklearsprengköpfe dürfte das Land verfügen.

Offiziell hat Israel den Besitz von Atomwaffen bis heute nicht zugegeben. Noch jede Regierung hat sich strikt an das Prinzip der »Ambiguität«, der Doppeldeutigkeit, gehalten. Wir bestätigen den Besitz von Atomwaffen nicht, soll das heißen, wir dementieren ihn auch nicht. Wir sagen schlicht nichts zu diesem Thema.

In Wahrheit wacht Israel über nichts entschlossener als über die Wahrung seines Nuklearmonopols. Israel ist in der kalten, zynischen Terminologie der Militärs ein one-bomb country: Eine einzige Atombombe genügte, um den sieben Millionen Einwohner zählenden Kleinstaat zu vernichten. Deshalb will Israel es keinem anderen Staat der Region gestatten, atomar aufzurüsten.