DIE ZEIT: In welchem Irak spielt ihr Roman?

Najem Wali: Das Buch beschreibt den Alltag, die unbekannte Historie, die unbekannten Perspektiven der Iraker. Es spielt nach dem 9. April 2003, dem Einmarsch der Koalitionstruppen und dem Sturz des Diktators. Die Gesellschaft hat sich aufgelöst. Sie hatte per Dekret fast 35 Jahre lang zusammengehalten, nach dem Motto: »Wir haben nur eine Identität, das ist der Irak.« Aber wir hatten nur die Identität des Führers.

ZEIT: Was macht nun Ihr Roman Jussifs Gesichter aus der Frage nach der Identität?

Wali: Ich will von den Menschen reden. Nach den Jahrzehnten der Diktatur sagte man ihnen: Ihr gehört unterschiedlichen Völkern, Gruppen, Religionen an, jetzt müsst ihr gemeinsam das Land regieren. Wie sollte das geschehen? Die Frage der Identität stellt sich besonders eindringlich nach dem Sturz einer Diktatur oder der Beendigung eines Krieges. Das haben wir in Deutschland nach 1945 gesehen, in Spanien nach dem Tod Francos. Es gab Henker und Opfer. Diese Rollen sind manchmal austauschbar. Ein Opfer kann irgendwann zum Täter werden. Wer unterscheidet zwischen Tätern und Opfern? Nach der Zeit der Diktatur kommt die Abrechnung. Deshalb fängt mein Roman so an: »Der Jüngste Tag ist angebrochen, und der Mörder muss seine Schulden begleichen.«

ZEIT: Ihr Roman erzählt von zwei Brüdern. Der ältere, Junis, begeht einen Mord, für den der jüngere, Jussif, freiwillig ins Gefängnis geht. Warum?

Wali: Es geht um das existenzialistische Thema, wie jemand von einer Opfer- in eine Täterrolle schlüpfen kann. Der jüngere Bruder in dem Roman hat kein Verbrechen begangen, aber er fühlt sich schuldig und für den großen Bruder verantwortlich. Das hat mit dem alten Geschwisterthema zu tun, das wir aus Legenden, Märchen, Literatur kennen. Wenn man so erzogen wird, dass der große Bruder die Nummer eins ist, muss der Jüngere sich ihm unterordnen. Auf dieser Tradition war die Gesellschaft aufgebaut. Je mehr Jussif sich reinwaschen will, desto mehr nimmt er die Identität des Bruders an. Bis er zwischen sich und dem anderen nicht mehr unterscheiden kann. Das ist die schizophrene Verwirrung, in der die ganze irakische Gesellschaft steckt.

ZEIT: Sie benutzen den Topos des Irrenhauses.

Wali: Der Irak ist zu einem Irrenhaus geworden. 23 Jahre Krieg, traumatisierte Menschen, ein jahrelanges Embargo, die Isolation – das kann sich nicht über Nacht auflösen. Viele Henker laufen im Irak noch frei herum. Lauter Mörder, normale Menschen, die durch den Krieg zu Mördern wurden, sind unter uns. Es betrifft alle Familien und religiöse Gruppen. Ohne Ausnahme.