ZEIT: Wo liegt der Ausweg? Im Erinnern? Im Erzählen? In einer Wahrheitskommission?

Wali: Erzählen heißt Erinnerung. In einer Diktatur neigt man zum Vergessen, denn Erinnerung ist lebensgefährlich. Als ich 2004 in den Irak gefahren bin, habe ich gesehen, wie die Menschen auf der Straße mit gesenktem Blick gingen. Früher haben sich nur Frauen so verhalten. Sie konnten aber einen Mann heimlich aus dem Augenwinkel ansehen. Die Leute, die ich bei meinem Besuch sah, hatten nicht mal mehr diesen Blick. Sie wollten nichts sehen.

ZEIT: Wie wurde, wie wird denn im Irak erzählt?

Wali: Es gibt dort wenig zu erzählen. Selbst wenn man seine Familie besucht, seine Eltern, ist das erzählte Bagdad aus 1001 Nacht verschwunden. Unter Saddam gab es ja nur Trivialliteratur, die dem Führer zugejubelt und den Krieg als heilig erklärt hat.

ZEIT: Sie selbst erzählen umso leidenschaftlicher, kommen im Roman Jussifs Gesichter sogar vor, als Harun Wali. Warum?

Wali: Das ist mein Alter Ego. Ich spiele mit der Erzählung. Harun ist der Erzähler im Alten Testament und im Koran. Moses ist das Bild und Harun das Wort. Das ist die Metapher für den Erzähler. Und Josef K. – der Fälscher heißt Josef Karmeli, er ist ein Christ – ist natürlich ein Spiel mit Kafka. Ich wollte irgendwann mal einen Kafka-Roman schreiben. Er ist ein Vorbild.

ZEIT: Dieser Roman hat etwas Kafkaeskes, weil er den Leser verunsichert. Wer ist eigentlich aus dem Irrenhaus geflohen, war es Jussif oder sein Bruder? Man bekommt Kopfschmerzen beim Lesen.

Wali: Das ist der Traum eines Schriftstellers! Der Leser möge mir verzeihen, dass ich ihm Kopfschmerzen bereite. Auch jede Liebesgeschichte verursacht am Anfang Kopfschmerzen. Ich hoffe, der Roman endet wie eine Liebesgeschichte, indem man schließlich den Menschen Jussif liebt. Als einen wunderbaren armen Mann, der das ganze Leben lang ein Verbrechen auf den Schultern trägt, das er nicht begangen hat.