ZEIT: Der Roman spielt an drei extremen Orten: im Gefängnis, Krankenhaus und Irrenhaus.

Wali: Es gibt auch einen Ort, der Freude bereitet: die Mekka-Bar. Dort endet der Roman. Wer Schmerzen hat, geht als religiöser Mensch pilgern und sonst zum Therapeuten. Im Irak pilgern die Männer hauptsächlich zur Bar. Das ist Mekka. Gott ist der Schnaps, Arrak. Die Bar ist das Parlament der Iraker. Denn dort können sie, wenn sie betrunken sind, erzählen, was sie wollen. Das war immer so. Je geheimer die Bar, desto mehr Freiheit haben die Kunden. Deshalb ist die Bar in dem Roman so versteckt. Ich kannte so eine. Wir sagten: Jetzt gehen wir nach Mekka, dann zog diese kleine surreale Poetenclique los, ich war vielleicht 22 oder 23, das war unser Vergnügen.

ZEIT: Sind Sie der Analytiker Ihres Volkes?

Wali: In Diktaturen fehlt die freie Forschung. Wenn ein Autor in Europa einen Roman über das 19. Jahrhundert schreibt, hat er Tausende von soziologischen, psychoanalytischen, historischen Büchern zur Verfügung. Wenn ein arabischer Schriftsteller über die Gesellschaft etwa der fünfziger Jahre schreibt, weiß er nicht, wie man sich damals verhalten hat. Der brillanteste Soziologe des Irak, Ali Wardi, wurde von Saddam gezwungen, seine Forschung aufzugeben.

ZEIT: Was bedeutet das für den Schriftsteller?

Wali: Ich muss all diese Rollen mit übernehmen, die des Soziologen, des Psychoanalytikers, des Reiseführers. Kennen Sie einen Reiseführer über den Irak? Es gibt keinen.

ZEIT: Warum bringen Sie in dem Roman nicht mehr aktuelle Bezüge?

Wali: Thomas Mann sagte, um ein Ereignis beschreiben zu können, braucht man mindestens fünf Jahre. Ich würde sagen: zehn Jahre. Man braucht Distanz, bis sich die Nebel der Gegenwart lüften, wie Milan Kundera sagt. Ich habe Geduld. Gute Romane brauchen Zeit.