Luchs 257 Horch und Guck
Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt vor: Hermann Vinkes Jugendsachbuch »Die DDR«
Seit der »friedlichen Revolution« vom Herbst 1989, die innerhalb weniger Wochen die SED-Herrschaft beendete, sind fast zwanzig Jahre vergangen. Für junge Menschen, die danach geboren wurden, ist die DDR bereits Geschichte, über die sie in der Regel nur wenig wissen. An sie wendet sich Hermann Vinke mit seinem neuen Buch.
Der Autor preisgekrönter Jugendbücher, etwa über Das kurze Leben der Sophie Scholl, hat den Umbruch von 1989/90 als Korrespondent des ARD-Studios DDR hautnah miterlebt – »die intensivste und faszinierendste Zeit« seines Berufslebens, wie er nun im Vorwort schreibt. Allerdings hat er sich vorgenommen, die Geschichte der DDR nicht allein aus der Perspektive ihres Scheiterns zu betrachten, sondern sie jenseits der klischeehaften Sichtweisen des Kalten Krieges in ihrem Auf und Ab, ihren Höhe- und Tiefpunkten verständlich zu machen.
Die Darstellung ist betont sachlich gehalten, ohne den eifernden Ton der Abrechnung, wie er die öffentliche Auseinandersetzung mit der »zweiten deutschen Diktatur« bis heute beherrscht. Wie schon in seinem Buch über Das Dritte Reich verknüpft Vinke die Darstellung der einzelnen Etappen der DDR-Entwicklung mit den Biografien wichtiger Persönlichkeiten – auf der einen Seite die führenden Funktionäre der SED, von Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck, Erich Honecker bis zu Egon Krenz, auf der anderen Dissidenten und Oppositionelle wie Wolfgang Leonhard, Walter Janka, Robert Havemann, Rudolf Bahro und Friedrich Schorlemmer. Zu rühmen ist wiederum auch die Auswahl der über 250 Fotos, die das Geschehen noch lebendiger machen.
Vinke unterstreicht die ungünstigen Ausgangsbedingungen der DDR im Vergleich und im Unterschied zur Bundesrepublik. Während die Menschen in den Westzonen die ersten Schritte auf dem Weg zur Demokratie und Marktwirtschaft mit kräftiger Unterstützung der Westalliierten unternahmen, bekam die Bevölkerung in der sowjetischen Besatzungszone ein System übergestülpt, das ihr fremd war. Aus dem mit viel Hoffnungen begleiteten gesellschaftlichen Neuanfang entwickelte sich rasch die Diktatur einer Partei, der SED, die sich nur mit Hilfe der sowjetischen Panzer an der Macht halten konnte.
Eingehend beschreibt Vinke den Aufbau eines flächendeckenden Systems der Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit, der »Firma Horch und Guck«, wie es im Volksmund genannt wurde. Andererseits zeigt er, dass das System staatlicher Unterdrückung und ideologischer Gängelung nicht widerspruchslos hingenommen wurde. Vom Volksaufstand vom 17. Juni 1953 über die Proteste gegen die Niederschlagung des »Prager Frühlings« 1968 bis hin zur Friedensbewegung der achtziger Jahre und zu den Leipziger Montagsdemonstrationen 1989 zieht sich eine Kette des zivilen Ungehorsams und des unbändigen Freiheitsverlangens.
Vinke beschönigt nichts, aber er ist auch weit davon entfernt, die DDR zu dämonisieren oder sie gar, wie das leider immer häufiger geschieht, mit dem mörderischen Naziregime auf eine Stufe zu stellen. Er schildert den Alltag der DDR mit seinen Mühen, aber auch seinen Attraktionen. Er verschweigt weder die großen Anstrengungen, Frauen den Eintritt ins Erwerbsleben zu erleichtern – die DDR wies »die höchste Frauenerwerbsquote der Welt« auf! –, noch die Fortschritte im Bildungswesen, das in mancher Hinsicht vorbildlich genannt werden kann. Und er erzählt – gerade für Jugendliche interessant – die neue Jugendkultur der sechziger Jahre in der DDR mit ihrer Faszination für Rock und Beat, für Jeans, Miniröcke und lange Haare, auf die die ältere Generation in der DDR übrigens genauso aggressiv reagierte wie im Westen.
Die »friedliche Revolution« vom Herbst1989 nennt Vinke zu Recht »ein Jahrhundertereignis und zugleich ein Jahrhundertgeschenk, wie es die Geschichte nur selten zulässt«. Sein Buch bietet eine hervorragende Grundlage, um jungen Menschen die Bedeutung dieses Ereignisses, mit seiner Vor- und Nachgeschichte, verständlich zu machen und sie zur Auseinandersetzung damit zu ermutigen. Volker Ullrich

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- Datum 30.06.2009 - 12:05 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.07.2008 Nr. 29
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